Ehe für alle – jetzt!

Tamara Funiciello darüber, dass linke Anliegen immer erst 50 Jahre später bei den Bürgerlichen ankommen.

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Just am 14. Februar, am Valentinstag, und just im Jahr, in dem sich die Stonewallproteste, an die jedes Jahr mit der Gay Pride erinnert wird, zum fünfzigsten Mal jähren, hat die Rechtskommission des Nationalrates die Ehe für alle in die Vernehmlassung geschickt. Das Grundanliegen, das seit 50 Jahren von einem Grossteil der Linken gefordert wird und nun endlich auch die bürgerlichen und «Liberalen» erreicht hat, ist simpel.

Erlaubt mir hier an dieser Stelle noch eine Randbemerkung: Es ist immer das Gleiche. Wir, die Linke, schlagen etwas vor oder zeigen eine Problematik auf. 50 Jahre später wird es von den Bürgerlichen aufgenommen, die dann so tun, als hätten sie den Mond entdeckt. Und erst dann kann man endlich mit ihnen über Lösungen diskutieren. Siehe auch AHV, Cannabis-Legalisierung, Klimakatastrophe, Gleichstellung etc. etc. Könnten wir uns die 50 Jahre dazwischen nicht einfach sparen? Das wäre recht praktisch und würde dazu führen, dass die Schweiz nicht immer das Schlusslicht jedes Rankings ist, ausser es geht darum, wer die meisten Abzocker hat. Danke. Klammer geschlossen.

Wie gesagt, das Grundanliegen ist einfach: ­Erwachsene Menschen, die das wollen, sollen ­einander heiraten dürfen. Egal mit welchem Geschlecht sie sich identifizieren, egal welche sexuelle Orientierung sie haben. Mit allen Rechten und Pflichten, die dazugehören. Denn, wie es in unserer Verfassung steht: Alle Menschen sind gleich. Und love ist love.

Nun kann – wie so oft –, was einfach scheint, ganz kompliziert gemacht werden. Vor ­allem wenn ein bürgerliches Parlament zwischen dem Problem und der Lösung sitzt. Die Rechtskommission schickt nämlich eine «Ehe super-light» und eine «Ehe light» in die Vernehmlassung. Bei der «Super-light»-Variante sind, wie so oft, vor allem die frauen*liebenden Frauen*-Anliegen nicht vertreten. Konkret geht es um den Zugang zur Samenspende. Heute ist diese nämlich nur verheirateten Heteropaaren erlaubt – das soll mit der «Super-light»-Variante auch so bleiben. Das heisst, lesbische Paare erhalten in der Schweiz keine Möglichkeit, legal, selbstbestimmt und ­gesundheitlich unbedenklich ein Kind zu kriegen. Obwohl biologisch möglich.

Bei der Variante «Light» wird hingegen die ­Samenspende auch gleichgeschlechtlichen Paaren zugänglich gemacht, was gleiche Rechte für alle bedeuten würde. Und um nichts anderes geht es bei der Ehe für alle. Um gleiche Rechte und Pflichten für alle. Keine Leihmutterschaft. Keine Eizellenspende. Keine Designerbabys. Doch auch mit den vorliegenden Vorlagen wird das nicht der Fall sein. Denn eine lesbische Frau erhält beim Tod ihrer Partnerin heute weniger Witwenrente als eine ­heterosexuelle Frau. Wieso das so ist, begreift ­niemand. Aber es ist eine Ungleichbehandlung.

Es ist kein Zufall, dass die Anliegen der Frauen* – Zugang zur Fortpflanzungsmedizin und Witwenrente – auf der Kippe stehen oder gar nicht erst diskutiert werden. Frauen*anliegen kommen immer zuletzt. Darum mein Aufruf an alle Frauen*, egal, wen ihr liebt: Solidarisiert euch! Geht für alle Frauen*anliegen am 14. Juni 2019 auf die Strasse, auch für die, der Frauen* liebenden Frauen*. Für gleiche Rechte, für gleiche Möglichkeiten! Für eine echte Ehe für alle!

Und ihr, liebes bürgerliches Parlament: Wir haben ­keinen Bock mehr zu warten.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.02.2019, 23:36 Uhr

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