Ein Foto und seine Folgen

Vor dem Auftaktspiel gegen Mexiko (ab 17 Uhr bei uns im Liveticker) stellt sich bei Titelverteidiger Deutschland vorab eine Frage: Spielt Mesut Özil?

Wer startet heute: Draxler (Mitte), Özil (rechts) – oder gar beide? Foto: Roland Krivec/Imago

Wer startet heute: Draxler (Mitte), Özil (rechts) – oder gar beide? Foto: Roland Krivec/Imago

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Diese Zahlen sind so gross, dass man darüber fast die Wucht der aktuellen politischen Debatte vergessen könnte. Dreiundachtzig! Fünfundzwanzig! Noch grösser werden diese Zahlen, wenn man sie in Beziehung setzt: 83 seiner 90 Länderspiele hat Mesut Özil vom Anpfiff weg bestritten. Und unter dem Trainer Joachim Löw stand er seit 2010 in insgesamt 25 Turnierspielen exakt 25-mal in der Startformation.

Mesut Özil ist vermutlich ­genau der Fussballspieler, der Joachim Löw gerne geworden wäre. Löw ist heute noch «ein Ditschler», wie die Leute aus dem DFB-Mitarbeiterstab sagen, die manchmal mit ihm kicken. Löw liebt es, den Ball zu streicheln und sanft weiterzuleiten, und dass er früher, anders als Özil, noch ein eiskalter Torjäger war, lag wahrscheinlich daran, dass er nicht für Real Madrid und Arsenal London spielte, sondern meistens für den SC Freiburg in der zweiten deutschen Bundes­liga.

«Ein Fan von seinen Fähigkeiten»

Die Frage, ob Löw seinen Zehner also in einem WM-Auftaktspiel bringt, ist normalerweise so sinnvoll wie die Frage, ob das jeweilige Spiel auch wirklich mit einem Anstoss beginnt. Ja selbstverständlich spielt Özil, wer denn sonst?

Bereit für das Spiel gegen Mexiko? Deutschland bereitet sich vor. Video: SDA

Am Tag vor dem ersten WM-Gruppenspiel gegen Mexiko hat Löw die Frage nach der Startelf eher indirekt beantwortet, er sei «ein Fan von seinen Fähigkeiten», sagte Löw – und meinte allerdings Julian Draxler, den sie beim DFB aufs Podium der internationalen Pressekonferenz gesetzt haben, was seit vielen Jahren ein einigermassen verlässliches Zeichen dafür ist, dass der jeweilige Mensch auch spielen wird. Draxler könne «schon Entscheidendes bei dieser WM bewirken», sagte Löw, «er kann der Mannschaft viel geben, und darauf setze ich auch». Übersetzt hiess das so viel wie: Ja selbstverständlich spielt Draxler, wer denn sonst?

«Noch mal einen grossen Schritt gemacht»

Julian Draxler oder Marco Reus, das schien seit Wochen die einzige wirkliche offene Frage in Löws Startelf zu sein, es ging dabei um Parameter wie Treue, Verlässlichkeit und aktuelle Form. Draxler habe beim Confederation Cup «noch mal einen grossen Schritt in seiner Persönlichkeit, in seiner Gradlinigkeit, in seiner Professionalität gemacht», sagt Löw, der Draxler vor einem Jahr sogar als Kapitän zu diesem Vorbereitungsturnier nach Russland geschickt hatte.

Treue und Verlässlichkeit sprachen also für Draxler, die aktuelle Form dagegen eher für den Dortmunder Reus, der im Trainings­lager in Eppan ebenso überzeugt hatte wie – als Einziger der ganzen Mannschaft – im Testspielchen gegen Saudiarabien. Draxler hingegen war mit weniger Spiel­minuten als erwünscht zum DFB gereist, bei Paris St-Germain kommt er oft nur von der Bank, weil auf seiner Position ein recht talentierter Brasilianer namens Neymar spielt.

Reus oder Özil?

Nun aber, vor dem Auftakt gegen Mexiko, heisst die Frage auf einmal: Reus – oder Özil? Löws Lieblingszehner litt zuletzt an ­Rückenproblemen, noch im Südtiroler Trainingslager merkte der Bundestrainer recht streng an, dass Özil «unbedingt» Fitness brauche, um sein Spiel zu spielen. In­zwischen wirkt Özil aber wieder gesund und austrainiert genug, und die politische Debatte um das Erdogan-Foto nervt Löw zwar ­gewaltig, aber sie könnte nach ­interner Einschätzung eher dazu beitragen, Özil auch zum 26. Mal bei einem Turnierspiel in der Startelf zu belassen.


Mesut Özil und Ilkay Gündogan treffen den türkischen Präsidenten Erdogan:


Es gefällt dem Bundestrainer weniger, wie Özil sich in der ­Debatte positioniert (nämlich gar nicht), aber Löw weiss natürlich, dass er die Sache mit einem Verzicht auf die Nomination für die Startelf noch grösser machen würde, als sie ohnehin schon geworden ist. «Löw streicht Özil wegen Erdogan?» Auf diese Schlagzeile legt der Bundestrainer nun wirklich keinen Wert.

Muss am Ende ausgerechnet der Formstärkste auf die Bank?

Am Ende könnte also ausgerechnet Reus, der zuletzt Formstärkste aus diesem Trio, zumindest in der Partie gegen Mexiko anfänglich auf der Bank Platz nehmen müssen, als Joker und Mann für die besonderen Augenblicke. Und vielleicht auch, um sich warm zu spielen für den Moment, in dem Löw ihn dann doch in die Startelf stellt. Jene Mannschaft, die ins Turnier starte, sagt der Bundestrainer mit Vergangenheit in der Schweiz, sei ja «meistens nicht die, die das Turnier auch beendet».

Erstellt: 17.06.2018, 13:45 Uhr

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