Ein Garten, in dem nichts lebt

Schottergärten sind nicht schön und nicht ökologisch, aber sehr beliebt. Jetzt kommen die ersten Verbote.

Natur ja, aber bitte nicht ums eigene Haus: Steinige Einöde mit «Stellvertreter-Grün». Foto: Samuel Schalch

Natur ja, aber bitte nicht ums eigene Haus: Steinige Einöde mit «Stellvertreter-Grün». Foto: Samuel Schalch

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Da zieht der Mensch aufs Land – und verbannt just dort überaus energisch die Natur aus seinem Leben. «Weg damit, fort mit ihr!», scheint er sich zu sagen, denn er will keinen wild wuchernden Garten mit Blumen und Sträuchern und Beeren, er will keine summenden Bienen und zwitschernden Vögel, er will überhaupt kein Grün, auch keine Wiese, wo er sich hinlegen könnte unter einen Baum und ins Geäst gucken und wo es ihm womöglich ganz leicht würde ums Herz. Will er alles nicht. Er will: Grau.

Und so häuft er zu diesem Zweck rund um sein Anwesen Schotter an und nennt das Schottergarten. Garten! Da lebt nichts. Das ist eine tote Fläche, eine recht eigentliche Todeszone.

«Terror-Gardening-Award» für besonders krasse Fälle

Für Wanda Keller, Gartenbau­ingenieurin und Tamedia-Gartenkolumnistin, ist das kein Widerspruch. Es sei vielmehr, sagt sie, ein weitverbreiteter Irrtum, dass die Leute der Natur wegen aufs Land zügeln würden. «Viele ziehen raus aus der Stadt, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Das heisst auch: Ruhe vor Gartenarbeit.»

Und ein Garten macht Arbeit. Weshalb der schmale Streifen, der sich da ums Haus erstreckt – der Wohnraum soll heute bitte möglichst gross sein, der Umschwung klein –, halt mit Schotter aufgefüllt wird. Schotter macht keine Arbeit, weil er ja doch sehr tot ist.

Immerhin, manchmal steht da inmitten des Graus ein einsamer, kläglicher Strauch, «Stellvertreter-Grün» nennt es Wanda Keller. So tapfer das traurige Gestrüpp die Stellung halten mag, es vermag nichts am Gesamteindruck zu ändern: Dass einen angesichts der steinigen Einöde die Schwermut überkommt, bei Regen, wenn das alles auch noch so unheilschwanger schwarzdunkel glänzt, erst recht.

«Gärten des Grauens» nennt sich eine Facebook-Seite, die unter dem gleichen Namen entsprechende Schrecklichkeiten publiziert, versehen mit bitterbös-ironischen Kommentaren wie «Wege aus der Artenvielfalt». Bis zu 50 Einsendungen pro Tag erhält Betreiber und Biologe Ulf Soltau; einmal monatlich verleiht er zudem den «Terror-Gardening-Award» an eine Gemeinde mit besonders grässlichen Exemplaren – und hat damit bereits einiges bewirkt: Nachdem diese zweifelhafte Auszeichnung an die deutsche Gemeinde Xanten ging, erliess der amtierende Bürgermeister umgehend ein Schottergarten-Verbot.

Mehrere kleinere Gemeinden taten es Xanten gleich; momentan steht in Bremen ein Gesetzentwurf zur Debatte, mit dem man «der schleichenden Verschotterung der Vorgärten» einen Riegel vorschieben will. In der Schweiz hat das Oltner Parlament im Januar eine entsprechende Motion der Grünen überwiesen.

Je älter das Schotterbett, desto grösser der Herbizideinsatz

Denn es geht ja nicht nur um die Optik. Was weit schwerer ins Gewicht fällt: die verheerende Ökobilanz der Todesstreifen. In einer Zeit, in der alle die innere Greta entdecken, wirken Schotteranhäufungen wie ein Relikt aus einer Zeit, in der man ökologischen Belangen gegenüber noch eine muntere Ignoranz an den Tag legen konnte.

Bereits vor zwei Jahren wies der schweizerische Landschaftsschutz mit einer Studie auf die unguten Auswirkungen der nicht grünen Gärten hin: Abgesehen von der inexistenten Biodiversität und davon, dass es wegen der Kiesbeete noch weniger Rückzugsmöglichkeiten gibt für alles, was da so kreucht und fleucht, heizen sie sich im Sommer auf und geben die Hitze an die Umgebung ab. Zudem stammt der Schutt nicht aus lokalen Steinbrüchen, sondern meist aus China oder Indien.

Die Entsorgung wird teuer

Kommt hinzu, dass das Ganze mitnichten pflegeleicht ist. Der tote Fleck wird nämlich irgendwann einem Zombie gleich zum Leben erwachen. Denn selbst wenn da unterirdisch ein sogenanntes Unkrautvlies angelegt worden ist, gibt sich die Natur nicht so leicht geschlagen.

Im ersten Jahr mag da noch alles so reinlich aussehen wie gewünscht, aber da haben sich längst winzigste Samen und Blättchen und Sporen subversiv zwischen den Kieselsteinen eingenistet – die bald zu wachsen und wuchern beginnen. Oh, und auf der Oberfläche des Kieses werden sich Moos und Flechten bilden. Worauf der Hausherr, dem so viel Grün ein Graus ist und der ja sowieso keine Lust hat, dieser Entwicklung mittels Handarbeit entgegenzutreten, kurz entschlossen zum Unkrautvertilger greift – obschon doch die Behandlung von festen Untergründen mit Herbiziden aus Gewässerschutzgründen seit 2001 nicht mehr erlaubt ist.

Wir fassen also zusammen: Schottergärten sind hässlich. Unsinnlich. Böse zu den Bienen (wir wissen alle, was das heisst). Und sie müssen irgendwann für teures Geld entsorgt werden. Oder wie es Ulf Soltau sagt: «Ein Garten ist seither generationenübergreifend gedacht: Man pflanzt einen Apfelbaum und hinterlässt ihn seinen Nachkommen. Der Schottergarten dreht diesen Gedanken ins Gegenteil um: Alles, was man damit hinterlässt, ist eine teure und daher auch asoziale Altlast.» Dann lieber jäten.



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Erstellt: 01.06.2019, 17:36 Uhr

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