Ein Genie der Debatte

Markus Somm über die Absetzung von Roger Schawinskis Talkshow.

Seine Talkshow auf SRF hat polarisiert. Vielleicht wurde sie deswegen eingestellt, mutmasst Markus Somm. Foto: SRF

Seine Talkshow auf SRF hat polarisiert. Vielleicht wurde sie deswegen eingestellt, mutmasst Markus Somm. Foto: SRF

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was immer das Schweizer Fernsehen dazu bewogen hat, die Sendung Schawinski abzusetzen: Spargründe können es nicht gewesen sein. Kaum eine Sendung ist billiger und rascher produziert, kaum eine Sendung erregte mit weniger Aufwand so viel Aufmerksamkeit. Mit anderen Worten, was das SRF offiziell verlautbaren liess, hat mehr mit einer nordkoreanischen Informationspolitik zu tun als mit der Wahrheit – und gerade die eigenen Journalisten würden sich nie mit damit zufrieden geben, wenn etwa die UBS oder die Novartis so kommunizierten. Es wirkt unehrlich und unplausibel. Und es passt in eine Zeit, wo uns immer mehr Persönlichkeiten abhandenkommen oder vorenthalten werden, die irgendjemandes Seele auf irgendeine Weise verletzen könnten. Man liebt die Harmlosen und vergöttert die Braven.

Gewiss, Schawinski ist kein einfacher Gesprächspartner. Ich spreche aus Erfahrung: Er ist blitzschnell, er ist aggressiv, er stellt Fragen, die sich als vorgezogene Antworten herausstellen, er bedrängt, er tobt, er schmeichelt, er unterbricht und er lacht. Dass so ein Mensch den einen oder anderen kränkt, liegt auf der Hand; dass so ein Journalist aber auch die Besten und die Mächtigsten des Landes ins Schleudern bringt, ebenso. Was anderes sollen wir Journalisten? Man schimpft ihn unanständig und meint den Inhalt, von dem man ablenken will, man regt sich auf, dass er eitler scheint als der eingeladene Gast – und doch weiss jeder, dass fast niemand sich freiwillig ins Fernsehstudio begibt, es sei denn, er finde sich interessant und relevant. Eitelkeit ist eine Volkskrankheit unter jenen, die sich in die Öffentlichkeit drängen – das spricht nicht gegen sie, aber auch nicht für uns.

Einer wie Schawinski ist unverzichtbar

Er polarisiert. Wie oft habe ich das selber gehört, wenn es um mich geht, und selbstverständlich bin ich mir jeder Schuld bewusst. Doch wer Debatten will, kommt ohne Standpunkt nicht aus. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich Schawinski so wohltuend von den so hübsch frisierten Moderatoren, die inzwischen unsere real existierenden Medien bevölkern, deren Wortmeldungen genauso hübsch frisiert sind und die mit Zuckerzungen ein Zuckerprogramm verbreiten, das nicht nährt, sondern Hunger auslöst.

In Zeiten wie diesen, wo wir alle merken, dass manche Dinge ins Wanken geraten sind, wo Rebellionen stattfinden gegen ein Establishment, das sich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Machterhalts verbittet, sind Leute wie Schawinski unverzichtbar: Mit seiner Leidenschaft, seinem systematischen Misstrauen, ja, mit seiner Paranoia, die mich selbst oft genug geärgert hat. Doch ohne aggressive Journalisten fällt es den Mächtigen leichter, ihre eigene Aggressivität zu tarnen, die heute gerade darin besteht, den Krieg der Meinungen zu verdammen und den Frieden des Konformismus zu preisen. Politik des Schlafes. Befragt von den Netten, wirken selbst Leute nett, deren Gedanken und Taten womöglich weniger nett sind. Und ich sage das als jemand, der oft gerade jene Leute verteidigt, die Schawinski am liebsten in die Pfanne haut, und umgekehrt. Was man ihm nie vorwerfen konnte, ist die Tatsache, dass er irgendjemanden geschont hätte: Ob Gegner oder Freund, vor Schawinskis Skalpell waren alle gleich.

Dass das Schweizer Fernsehen unter dem Eindruck steht, Roger Schawinski ersetzen zu können, ist bemerkenswert.

Er nimmt Partei. Wer ihm das vorhält, verkennt, worum es bei jedem Streit geht. Wir suchen die Wahrheit, indem wir uns ehrlich zugestehen, die Dinge unterschiedlich betrachten zu können, um am Ende nach Durchsicht aller Argumente, zur Wahrheit vorzudringen – oder auch nicht. Wie in einem Gerichtsprozess, wo Verteidiger und Staatsanwalt sich gegenüberstehen und damit eine maximale Parteilichkeit vorleben. Wer würde sich hier als nicht befangen bezeichnen? Der eine will den Angeklagten befreien, der andere ihn einsperren – doch an die Fakten müssen sich beide halten. Obwohl sie Partei sind, nehmen wir beide Protagonisten ernst, weil wir ahnen, dass unter Menschen allein so die Wahrheit ans Licht zu befördern ist. Nur wer unehrlich ist, behauptet, keinen Standpunkt zu haben. Oder er steht nirgendwo, weil er auf dem Thron sitzt. Debatten scheut, wer die Macht hat, nicht zuhören zu müssen.

Schawinski hat die Schweizer Medien fast ein halbes Jahrhundert geprägt, fünfzig Jahre sitzt er den Mächtigen im Nacken, den einen geht er auf die Nerven, die anderen lieben ihn als «Roger». Dass das Schweizer Fernsehen unter dem Eindruck steht, ihn ersetzen zu können, ist bemerkenswert. Choose your battle.

Markus Somm debattiert jeden Montag mit Roger Schawinski in der Sendung «Roger gegen Markus» auf Radio 1.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 28.09.2019, 18:24 Uhr

Artikel zum Thema

Aus Spargründen: SRF setzt «Schawinski» ab

Das Schweizer Fernsehen baut das Spätprogramm am Montagabend um. Roger Schawinski und Reto Lipp verlieren ihren Sendeplatz. Mehr...

«Man hat mir überhaupt keinen konkreten Grund genannt»

Interview Das SRF setzt die Talkshow «Schawinski» ab. Hier äussert sich der Moderator zu der Entscheidung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...