Migros überprüft Telefone von verdächtigten Mitarbeitern

Ausgerechnet die als sozial geltende Migros hat Einsicht in die Handy-Daten von Mitarbeitern eingefordert.

Grosskonzern im Umbruch: Das Migros-Gebäude am Zürcher Limmatplatz. Foto: Philipp Rohner

Grosskonzern im Umbruch: Das Migros-Gebäude am Zürcher Limmatplatz. Foto: Philipp Rohner

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Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen hat in seinen ersten öffentlichen Auftritten viel von Transparenz und Vertrauen gesprochen. Doch intern sendet der Chef ganz andere Signale aus. Der grösste Detailhändler der Schweiz hat diese Woche gegenüber der «Handelszeitung» zugegeben, Telefonverbindungen von einzelnen Mitarbeitenden überprüft zu haben. Dies in Zusammenhang mit Indiskretionen über ein Sparprogramm des orangen Riesen.

Die Migros spricht von einem «begründeten Verdacht auf eine unbefugte Weitergabe von Geschäftsgeheimnissen». Durchgeführt wurde die Untersuchung von der konzerneigenen IT-Abteilung und Forensikern einer Auditfirma sowie der Rechtsabteilung des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB). Und dabei ging es offenbar ziemlich unzimperlich zur Sache. Die verdächtigten Mitarbeitenden wurden ins Büro des Rechtsdienstes zitiert und mussten dort im Verlaufe des Gesprächs ihr Handy abgeben, damit die Daten eingesehen werden konnten. Ob die Untersuchung auch konkrete Resultate hervorgebracht hat, will man am Hauptsitz des MGB nicht sagen. 

Fachleute wundern sich im höchsten Masse darüber, dass ausgerechnet die Migros zu solch radikalen Mitteln greift, um Kader- und andere Mitarbeitende zu disziplinieren. «Ich halte dieses Vorgehen für fahrlässig», sagt Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht an der Universität St. Gallen. Die Mitarbeitenden müssten grundsätzlich zwingend vorab über eine mögliche Überwachung informiert werden und ihr Einverständnis geben, sagt Geiser. Eine entsprechende Klausel könne theoretisch im Arbeitsvertrag stehen oder in separaten Reglementen. Das müsse die Migros vorweisen können. Doch selbst in diesem Fall müsse genau definiert sein, welche Anlässe eine solche Überwachung rechtfertigten, so Geiser. Eine Unterschrift sei kein Blankocheck.

Arbeitsrechtler stellt Legitimität infrage

Ähnlich klingt es beim Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten in Bern. «Zur Überwachung von Telefonen braucht es einen triftigen Grund. Eine permanente Verhaltensüberwachung zur Kontrolle ist gemäss Arbeitsgesetz ­verboten», heisst es. Rechtsprofessor Geiser stellt sogar infrage, ob die ­Migros überhaupt legitimiert war, die Recherchen selber durchzuführen. «Sollte ­tatsächlich ein Geschäftsgeheimnis an die Öffentlichkeit gelangt sein, hätte die Migros Strafanzeige gegen unbekannt einreichen sollen, und dann hätte sich die Staatsanwaltschaft darum gekümmert.»

Die Migros sieht sich auf der sicheren Seite und verweist auf Bestimmungen in den Reglementen. «Eine Zustimmung der betroffenen Mitarbeiter ist in diesen Fällen nicht erforderlich, da das Vorgehen im berechtigten Interesse des Arbeitgebers liegt. Aus internen Reglementen geht hervor, dass eine interne Untersuchung durchgeführt werden und eine personenbezogene Auswertung von Kommunikationsmitteln und telefonischen Randdaten erfolgen kann, wenn konkrete Anhaltspunkte auf eine missbräuchliche Nutzung bestehen. Diese internen Regeln sind kommuniziert und bilden einen integralen Bestandteil des Arbeitsverhältnisses», schreibt das Unternehmen auf Anfrage. Die Untersuchung sei abgeschlossen. «Die Migros hält sich streng an Gesetze und beachtet stets die Rechte von Mitarbeitern.»

Intern hat die Überwachungsaktion der Migros-Chefetage aber heftige Reaktionen ausgelöst. Noch 2016 wurde die Migros vom renommierten Reputation Institute zum Unternehmen mit dem besten Ruf in der Schweiz gewählt. Nun kriegt das Ansehen Risse. In Mails von Mitarbeitenden des MGB ist unter anderem von einem «selbstzerstörerischem Misstrauensklima» die Rede. Auch in der Generaldirektion sowie in der Verwaltung, dem Verwaltungsrat der Genossenschaft, hat das Vorgehen laut gut unterrichteten Quellen für Irritation gesorgt – und dürfte an der nächsten Verwaltungssitzung noch ein Nachspiel haben.

Umbruch mit wohltemperierten PR-Boschaften

Offensichtlich ist: Seit Fabrice Zumbrunnen an der Spitze der Migros steht und Sarah Kreienbühl im Chefgremium die Kommunikation und das Personalwesen leitet, geht es im Konzern deutlich ruppiger zu und her. Zumbrunnen steht unter Druck, die Ertragserosion des Konzerns zu stoppen und die Migros trotz ihres schwerfälligen Genossenschaftsgerüsts agiler zu machen. Dazu wurden tiefgreifende Sparprogramme ins Leben gerufen. Kreienbühl will die Kommunikation des Milliardenunternehmens stärker kontrollieren und den Umbruch mit wohltemperierten PR-Botschaften verkaufen.

Und was würde Gottlieb Duttweiler dazu sagen? «Glaube an das Gute im Menschen», hat der Migros-Gründer in seinen Thesen ebenso festgehalten wie den Satz: «Das Verhältnis zur Angestelltenschaft muss vorbildlich sein.» Die Gottlieb- und-Adele-Duttweiler-Stiftung sollte darüber wachen, dass Duttis Gedankengut, das auf sozialem Umgang und Transparenz beruht, in der Migros weiterlebt. Doch auf Anfrage will man sich bei der Stiftung nicht zur Schnüffler-Aktion beim MGB äussern: «Wir sagen nichts dazu.»

Erstellt: 26.11.2018, 12:18 Uhr

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