Ein Mann, eine Mission

Fred Haise sprang dem Tod gleich zweimal von der Schippe. Trotzdem kann der Apollo-13-Astronaut ­seinen Traum von der Mondlandung nicht begraben

Die Welt bangte um sein Leben: Apollo-13-Astronaut Fred Haise. Bild: Stefano Schröter

Die Welt bangte um sein Leben: Apollo-13-Astronaut Fred Haise. Bild: Stefano Schröter

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Vier lange Minuten hält die Welt den Atem an, betet und bangt um das Leben von Fred Haise. Fred wer? Der Name des Trägers der «Presidential Medal of Freedom», einer der höchsten zivilen Auszeichnungen Amerikas, gerät in Vergessenheit – nicht aber jener der Mission, die ihn nahezu das Leben kostete: Apollo 13.

Nach den zwei Mondlandungen im Jahr 1969 sinkt das Interesse an den Apollo-Missionen. So schreibt nach dem Start von Apollo 13 das italienische Blatt «Il Giorno»: «Zu perfekt, das Publikum langweilt sich.» Die Zuschauerzahlen sind dürftig, als die drei Apollo-Astronauten rund 55 Stunden nach Liftoff live aus dem All senden. Doch nur Augenblicke nachdem sich Fred Haise, Jim Lovell und Jack ­Swigert winkend verabschieden, kommt es zur Katastrophe. «Ich verräumte gerade meine Sachen und wollte schlafen», sagt Haise 48 Jahre später. Leicht gebeugt steht er am Freitag neben der Nachbildung seiner Kapsel im Verkehrshaus Luzern und erinnert sich, als hätte der «dumpfe Knall» erst gestern seinen Traum platzen lassen.

Einer der beiden Sauerstofftanks war explodiert, die Detonation hatte den zweiten beschädigt. Im Raumschiff Odyssey erstarrt der damals 37-Jährige Haise. «Mir war speiübel.» Es ist, als würde dieser Moment den sonst aufgeweckten Senior um Lichtjahre altern lassen. «Der Mond war ausser Reichweite.»

«Aber wir waren einfach noch da. Jetzt mussten sie uns nach Hause holen.»Fred Haise

Mehr als 300'000 Kilometer von der Erde entfernt, verspürt der Astronaut keine Angst, nur bittere Enttäuschung. Die Explosion katapultiert den Amerikaner aus Biloxi im Bundesstaat Mississippi auf die Weltbühne. Den drei Astronauten droht der Strom auszugehen, noch bevor sie die Erde wieder erreichen. «Mit diesem Fall hatte schlicht niemand gerechnet», erklärt Fred Haise seinem Publikum an der Konferenz der Schweizerischen Raumfahrt-Vereinigung in Luzern. «Man ging davon aus, dass niemand eine Explosion überleben würde.» Der Senior grinst schelmisch, als er nachschiebt: «Aber wir waren einfach noch da. Jetzt mussten sie uns nach Hause holen.»

Doch weder die Crew noch die Experten von Mission Control in Florida wissen, wie es nach der Detonation um das Haupttriebwerk der Odyssey steht. Deshalb setzt das Raumschiff seinen Flug Richtung Mond fort, um in dessen Gravitationsfeld «Anlauf» zu holen. Wissenschaftler errechnen unter Hochdruck nie dagewesene Manöver. Ingenieure basteln ein Luftreinigungssystem aus Flugbüchern, Klebeband und einer Socke, das die Crew auf Funkanweisungen hin nachbaut, um nicht an einer Kohlenmonoxidvergiftung zu sterben. Derweil leidet Haise an einer Blasenentzündung. Er hat an die 40 Grad Fieber, während sich die Temperatur in der Kapsel um den Gefrierpunkt bewegt.

Astronaut zu werden, war keineswegs ein Kindheitstraum

Der Senior mag dazu nicht viele Worte verlieren. Umso präsenter sind seine Qualen im Streifen «Apollo 13», mit dem Tom Hanks Commander Lovells Feststellung «Houston, we have a problem» unvergessen macht. «Das ist auch das Einzige, was wir wirklich so gesagt haben, oder so ähnlich.» Überhaupt scheint Haise kein Fan des Films zu sein. Er sei zigmal bei den Verantwortlichen vorstellig geworden, sagt er. Denn: «Es waren viel mehr Leute an unserer Rettung beteiligt, als es der Film glauben macht.»

Aus seinen Worten klingt grosse Wertschätzung für die Bodencrew, die am 17. April 1970 vier lange Minuten fürchtet, vergeblich ums Leben der Astronauten gekämpft zu haben. Bis sich nach dem funklosen Wiedereintritt die Odyssey endlich zurückmeldet. «Ich habe in keinem Moment an ihren Entscheidungen gezweifelt. Sie wussten viel besser als wir, was zu tun war.» Und dann der Satz, den Haise an diesem Abend in Luzern öfters hören lässt: «Ich bin ja nur ein Pilot.»

Astronaut zu werden, war aber keineswegs ein Kindheitstraum von Freddo, wie ihn seine Kumpel nennen. «So etwas gab es gar nicht, als ich noch klein war.» Erst schlägt er eine Journalistenlaufbahn ein und sammelt Erfahrungen als Gerichts- und Polizeireporter. «Das war cool, ich konnte mit den Cops mitfahren – mit Blaulicht und Horn», sagt er spitzbübisch grinsend. Doch als Amerika gegen Korea in den Krieg zieht, entscheidet sich Haise zu dienen. Noch nie hat er ein Flugzeug von innen gesehen, trotzdem will er Kampfpilot werden. Er wirft dafür all seine Pläne über den Haufen. Und dann ist es Liebe auf den ersten Blick. Als der dunkelhaarige Student mit dem leicht schiefen Lächeln erstmals ein Cockpit betritt, ist klar: Fliegen würde sein Leben sein. Aus dem Kampf- wird ein Nasa-Testpilot – bis Haise die Mission Mond fesselt und er als Apollo-Astronaut anheuert.

60 Prozent seines Körpers erleidet Verbrennungen zweiten Grades

Und auch nach der dramatischen Mission von Apollo 13 kämpft der Raumfahrer weiter für seinen Traum, auf den Mond zu fliegen. An Bord von Apollo 19 hätte er dafür die nächste Chance erhalten, doch noch bevor es so weit ist, stellt Amerika das Programm ein. Haise wechselt ins Space-Shuttle-Programm, testet als Kommandant das Raumschiff Enterprise auf zahlreichen Flügen und gilt als erster Enterprise-Pilot. Für Star-Trek-Fans ist Fred Haise deshalb ein regelrechter Rockstar.

Doch nur drei Jahre nach Apollo 13 springt Fred Haise dem Tod erneut von der Schippe. Er stürzt mit einem historischen Kampfflugzeug ab, vermag sich gerade noch aus dem brennenden Wrack zu retten, erleidet aber an 60 Prozent seines Körpers Verbrennungen zweiten Grades. Doch Haise gibt seinen Traum, zum Mond zu fliegen, nicht auf und kommandiert etliche weitere Testflüge – den Erdtrabanten hat er nie betreten.

Der Senior mag nicht antworten, wenn man ihn fragt, was er von den Theorien hält, die anzweifeln, dass Neil Armstrong je den Mond betreten hat. Jedenfalls nicht mit Worten. Dann verzieht er nur das Gesicht – und schweigt. Trotz der Tragik hat die Apollo-Mission die Art nicht verändert, mit der Fred Haise den Mond betrachtet. Sehnsucht schwingt in seinen Worten, als er murmelt: «Aber wenn ich könnte, würde ich heute wieder da hoch.»

Erstellt: 13.10.2018, 22:19 Uhr

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