Ein Masern-Impfzwang nützt auch den Gegnern

Deutschland hat diese Woche ein Impfobligatorium beschlossen. Das wäre auch in der Schweiz sinnvoll.

Illustration: Kornel Stadler

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Impfungen sind ein Segen. Vermutlich hat keine andere Erfindung in der Geschichte der Medizin so viele Menschenleben gerettet. Das gilt auch für die Masernimpfung. Bevor der Impfstoff 1963 erstmals verwendet wurde, gab es gemäss Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr 2,6 Millionen Tote. Heute sterben jedes Jahr noch zwischen 100'000 und 150'000 Menschen an Masern.

Natürlich sind das immer noch zu viele. Und beunruhigend ist vor allem, dass es in jüngster Zeit vermehrt zu Ausbrüchen und Todesfällen gekommen ist. Leider taucht auch die Schweiz in der unrühmlichen Statistik wieder auf. In diesem Jahr gab es bislang zwei Tote nach einer Masernansteckung. Hinzu kamen 212 gemeldete Maserninfektionen. Das sind sechsmal mehr als in der gleichen Periode im letzten Jahr.

In Deutschland ist die Entwicklung eine ähnliche. Und dort hat der Bundestag nun diese Woche mit dem Impfobligatorium eine drastische Massnahme beschlossen. Diese gilt insbesondere für Schülerinnen und Schüler sowie Kita-Kinder. Halten sich die Eltern nicht an die Vorgaben, können sie mit bis zu 2500 Euro gebüsst werden.

Hätten alle Nachlässigen und Faulen erst mal ihren Impfstatus überprüft, würde die Masern-Impf-quote in der Schweiz locker über 95 Prozent steigen.

In der Schweiz ist eine solche Pflicht undenkbar. Zu mut- und zahnlos sind die zuständigen Behörden. Kommt hinzu, dass Gruppierungen aus Verschwörungstheoretikern und Anthroposophen den Impfdiskurs mit einer Heftigkeit dominieren, die viele einschüchtert. Wohl auch deswegen trauen sich nur wenige Politikerinnen und Politiker, für ein Obligatorium zu kämpfen. Dabei hätte ein staatlicher Zwang in diesem Fall nur Vorteile.

Zuerst einmal wären weit über 90 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nicht betroffen – weil sie bereits mit zwei Dosen geimpft sind. Sie bräuchten sich also nicht zu kümmern.

Und für alle Übrigen gilt: Ein Obligatorium würde sie zwingen, den Impfausweis wieder einmal hervorzukramen und zu schauen, wie sie geimpft sind. Viele dieser Menschen sind vermutlich keine Impfgegner – sie sind bloss nachlässig oder faul. Der Aufschrei im Zuge einer öffentlichen Debatte über einen Zwang würde diese Menschen schnell in die nächste Arztpraxis treiben. Noch besser wäre es, der Bund würde ein Obligatorium mit cleveren Aktionen begleiten: zum Beispiel mit Gratis-Masern-Impfungen an Bahnhöfen.

Übrig bleiben würde dann ein Grüppchen aus Verschwörungstheoretikern und Anthroposophen, das immer noch glaubt, der mögliche Schaden einer Masernimpfung sei grösser als deren Nutzen. Nun, diesen Menschen ist so oder so nicht zu helfen – weder mit ausgeklügelten Kampagnen noch mit Zwängen. Das Gute aber ist: Selbst sie würden profitieren. Denn hätten alle Nachlässigen und Faulen erst mal ihren Impfstatus überprüft, würde die Masern-Impf-quote in der Schweiz locker über 95 Prozent steigen. Ab einer solchen Quote sprechen Mediziner von einer Herdenimmunität. Dann gehen die Fälle zurück, bis die Viren ganz ausgerottet sind.



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Erstellt: 16.11.2019, 21:48 Uhr

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