Ein Milchpreis von mehr als einem Franken ist möglich

Auf der Sittlisalp im Kanton Uri verdienen die Älpler pro Liter Milch fast doppelt so viel wie im Tal – dank geschicktem Marketing.

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Sittlisalp UR In Bürglen, Spiringen, Unterschächen – drei Dörfern im Urner Schächental – hängen Plakate mit der Aufschrift «Bauern brauchen einen fairen Preis – 1 Franken pro Liter Milch». Damit protestieren die Landwirte dagegen, dass der Richtpreis für Milch, die im geschützten Inlandmarkt abgesetzt wird, in den vergangenen Jahren auf 65 Rappen abgerutscht ist.

In der Realität erhalten die Bauern oft noch weniger. Denn drei der vier grossen Milchabnehmer unterbieten den Richtpreis mittels Abzügen für Vermarktung und Transport. Nur die Migros hält sich daran. Emmi hingegen zahlt gemäss einer Erhebung des Bauernverbandes 63.6 Rappen pro Liter, Hochdorf 60.7 Rappen, Cremo 55 Rappen. Vor einem Vierteljahrhundert hatte es noch ganz anders ausgesehen: Damals erhielt ein Schweizer Bauer für den Liter Milch 1.07 Franken. Hoch über Unterschächen, auf der Sittlisalp, verlief die Entwicklung gerade umgekehrt. Der Milchpreis ist dort in den vergangenen drei Jahrzehnten gestiegen. ­Heute erhalten die Älpler gemäss einer Quelle, die ihnen nahesteht, 1.06 Franken pro Liter. Zwei weitere Quellen sagen, diese Angabe stimme ziemlich genau. «Der Preis liegt in der Nähe.»

Offiziell will niemand auf der Sittlisalp zur Höhe des Milchpreises Stellung nehmen. Auch nicht Toni und Maria Horat, die als Angestellte der Älpler auf 1635 Metern über Meer die genossenschaftliche Käserei betreiben. «Wir ­haben hier eine sehr gute ­Wertschöpfung», sagt der gelernte Käser Toni Horat lediglich. Zu gross ist die Angst vor Neid und Missgunst. Da ist es besser, den Erfolg nicht an die grosse Glocke zu hängen.

«Besser wirtschaftet wahrscheinlich niemand»

Auf diesen können die neun Älplerfamilien, die in einer Sennengenossenschaft organisiert sind, ­jedoch stolz sein: Die Genossenschaft zahlt ihren Mitgliedern den wohl höchsten Milchpreis in der ganzen Schweiz. Jedenfalls kennt Franz Furrer, Geschäftsführer der Genossenschaft Urner Alpproduzenten, keine andere Schweizer Alp, auf der um die 1.06 Franken pro Liter Milch bezahlt werden. «Das ist schweizweit ein Novum», sagt Furrer. «Besser wirtschaftet wahrscheinlich niemand.» Wie war der einzigartige Erfolg möglich? Am Anfang stand der Entscheid der neun Älpler, miteinander statt gegeneinander zu ­arbeiten. Bis 1983 verarbeitete ­jeder Senn seine Milch auf einem altertümlichen Chäschessi selbst zu Käse und verkaufte ihn an Zwischenhändler im Tal. Entsprechend tief war die Marge. Dann beschlossen die Älpler, mit dem Klein-Klein Schluss zu machen. Sie bauten mit finanzieller Unterstützung des Staates eine gemeinsam betriebene, modernst eingerichtete Käserei. Und stellten mit Toni Horat einen Profikäser an, der die Qualität der Produkte heben und ein professionelles Marketing aufziehen sollte. 1984 nahm die Käserei ihren Betrieb auf.

Ein eigenes Wasserkraftwerk

Maria Horat, die ebenfalls von der Genossenschaft angestellt wurde und unter anderem deren Käsereiladen führt, lobt die Älpler für ihre Weitsicht. «Sie haben gelernt, an das Endprodukt und an die Konsumenten zu denken. Und sie waren immer wieder bereit, Risiken einzugehen und zu investieren.» Mehr als eine Million Franken haben die neun Familien in den vergangenen drei Jahrzehnten in die Modernisierung der Käsereianlagen und des Gebäudes gesteckt. Und in ein eigenes Wasserkraftwerk, das seit 1991 die Käserei und die Alphütten mit Gratisstrom beliefert – ein weiterer Erfolgsfaktor, denn dadurch können die Kosten tief gehalten werden. Dazu tragen auch die langen Arbeitstage bei, die Toni und Maria Horat auf sich nehmen. Wie die Älpler selber arbeiten sie während der dreimonatigen Alpsaison mindestens von 5 Uhr früh bis 21 Uhr spät, oft auch länger. Toni ­Horat verarbeitet die Milch, welche die 196 Kühe liefern, bis zum letzten Tropfen. Er verarbeitet sie nicht nur zu Käse und Butter, sondern stellt auch selbst Joghurt, Schlagrahm, Ziger, Kräuterbutter und Molkendrinks her. Er legt selber Hand an, um die Anlagen zu reparieren und weiterzuentwickeln. Und er fährt zweimal pro Woche auf der holprigen Strasse ins Tal, um die Produkte an Käsefachgeschäfte, Restaurants und private Abnehmer auszuliefern.

«Wir arbeiten in einem absoluten Nischenmarkt»

Horat hat als einer der schweizweit ersten Alpkäser konsequent auf die Selbstvermarktung gesetzt und ein grosses Netz an Abnehmern aufgebaut, mit denen er den persönlichen Kontakt pflegt. Mit Grosshändlern wie Migros und Coop will er nicht geschäften, die könnten nur die Preise drücken. Und auch nicht mit industriellen Abnehmern: Bis 1991 lieferte er die Alpbutter an die Butterzentrale in Luzern, die pro Kilo 19 Franken zahlte. Horat fand es aber schade, dass die Alpbutter mit der Industriebutter vermischt wurde – und ahnte, dass der Preis ­absacken würde. Tatsächlich: Heute zahlen die Milchverarbeiter pro Kilo Butter nur noch 6 Franken. Die Sittlisälpler hingegen erwirtschaften dank ihrer Eigeninitiative 14 Franken.

Mittlerweile ist Sittlisalp-Käse nicht nur im Kanton Uri zu haben, sondern auch in Schwyz, Zug, Luzern und sogar in den Kantonen Zürich, Aargau und St. Gallen. Das alles trug zu steigenden Absätzen bei – und damit zum einmalig hohen Milchpreis. Doch wäre dieser Erfolg auch auf anderen Alpen oder sogar in den Bauernbetrieben im Tal möglich? Toni Horat, trotz seines Erfolgs bescheiden geblieben, zeigt sich skeptisch. «Wir arbeiten in einem absoluten Nischenmarkt», sagt er. Nur im Spezialitätenbereich könne man eine so hohe Rendite erwirtschaften wie auf der Sittlisalp. Franz Furrer von der Genossenschaft Urner Alpkäseproduzenten ist da optimistischer. «Ein so hoher Milchpreis wie auf der Sittlisalp wäre auch in anderen Orten möglich.» Doch dazu, so Furrer, brauchte es den gleichen Unternehmergeist, die gleich hohe Bereitschaft zu Investitionen, die gleich tiefen Betriebskosten und die ebenso ausgeprägte Opfer­bereitschaft. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.08.2017, 23:02 Uhr

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