Ein Paar Turnschuhe als Gegenleistung für Sex

Überraschend viele Jugendliche treffen wildfremde Online-Bekanntschaften. Rund 13'000 Kinder machten dabei beunruhigende Erfahrungen.

«Gesunde Kinder erschrecken – und ziehen sich zurück», sagt eine Fachrichterin über verstörende Erlebnisse in der Onlinewelt. Foto: Kelly Hill (Plainpicture/Millenium)

«Gesunde Kinder erschrecken – und ziehen sich zurück», sagt eine Fachrichterin über verstörende Erlebnisse in der Onlinewelt. Foto: Kelly Hill (Plainpicture/Millenium)

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Eigentlich ging es nur um ein Paar Nike-Schuhe. Vielleicht wollte er sich damit einen Traum erfüllen. Möglich ist auch, dass der Druck, mit diesem Statussymbol in seiner Clique aufzutauchen, einfach zu gross wurde. Und er ­alles auf eine Karte setzte.

Jedenfalls macht sich Hannes (Name geändert) am 26. März 2016 auf den Weg an den Bahnhof eines Ostschweizer Dorfes. Der 14-Jährige hat sich dort um 16.30 Uhr mit einem Mann verabredet, den er zuvor noch nie gesehen hatte.

Er kennt ihn aus dem Internet, der 49-jährige Schweizer surft dort seit Jahren auf der Suche nach pornografischem Bild- und Videomaterial, das minderjährige Knaben beim Sex mit Erwachsenen zeigt. Der Angestellte eines staatsnahen Betriebs tauscht dort zwischen 2012 und 2016 auch Material mit Gleichgesinnten aus, zum Beispiel Fotos und Filme über Oralsex oder anale Penetration. 114 Bilder und 14 Videos hat er auf die Festplatte seines Computers geladen.

Doch er beschränkt sich nicht auf die virtuelle Befriedigung, er will Knaben auch in der realen Welt treffen. Vom Bahnhof aus gehen die beiden ins nahegelegene Gehölz – in eine Waldhütte. Der Junge gibt an, er sei über 16 Jahre alt und damit aus dem Schutzalter raus. Trotz Zweifeln, weil Hannes wesentlich jünger aussieht – wie der Mann später erklären wird –, verlangt er ­keinen Ausweis. Die beiden vereinbaren, dass der Erwachsene dem Jungen nach dem Sex online für 150 Franken ein paar Nike-Schuhe bestellt. Als Gegenleistung.

Nicht alles verläuft für den Mann nach Wunsch. Zwar kommt es zu sexuellen Handlungen, doch nach einem anfänglichen Versuch verweigert der Knabe oralen Sex. Der Erwachsene bestellt ihm darauf mit seiner Kreditkarte zwar die gewünschten Schuhe, doch Hannes muss dem Täter 50 Franken zurückzahlen.

Jedes 14. Kind hat sich schon mit Fremden getroffen

Ende März ist der Mann von der Zürcher Staatsanwaltschaft verurteilt worden – wegen sexueller Handlungen mit einem Minderjährigen gegen Entgelt und wegen Pornografie. Er muss eine Geldstrafe von 27'200 Franken bezahlen. Der Täter erhielt leicht mildernde Umstände, weil der Knabe ein falsches Alter angegeben hatte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit auch in einem ähnlich gelagerten Fall.

Cornelia Bessler kennt das Phänomen, dass es in der Schweiz Jugendliche gibt, die sich mit Fremden treffen, um Geld zu machen. Sie ist Chefärztin und Leiterin des Zentrums für Kinder- und Jugendforensik an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Das ­Angebot «Sex gegen Geld» sei für einzelne Kinder eine verlockende Möglichkeit, um an Geld zu kommen, sagt Bessler.

Meist hätten diese jungen Menschen Schulden oder stünden unter dem Einfluss der Kollegen. So könne der innerpsychische Druck sehr stark sein, ebenfalls teure Markenprodukte zu besitzen, um zur Gruppe zu gehören. «Der Wunsch kann besonders bei im Selbstwert verunsicherten Jugendlichen hoch sein. Diese Minderjährigen fühlen sich nicht viel mehr wert als ein Paar Markenturnschuhe», sagt Bessler. Es gebe aber auch Gangs von Jugendlichen, die im Netz Fremde, zum Beispiel Homosexuelle, anlockten, um sie dann bei einem Treffen zu überfallen und auszunehmen, sagt sie.

Mädchen kommen meist über soziale Netzwerke in Kontakt mit Fremden, Knaben eher über Online­spiele.

Das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich hat im Rahmen einer EU-Studie erforscht, wie oft sich Kinder und Jugendliche mit Fremden treffen, die sie aus dem Internet kennen. Die Wissenschaftler haben 1000 Kinder zwischen 11 und 16 Jahren in der Deutsch- und Westschweiz befragt. Zwar stammen die Resultate von 2013, doch die Umfrage wird in ganz Europa zurzeit wiederholt. Und erste Ergebnisse aus Italien zeigen, dass die Zahlen auf dem damaligen Niveau stabil geblieben sind.

Jedes vierzehnte Kind gab an, dass es sich bereits einmal mit einem Fremden getroffen hat – bei rund einem Drittel hatten die Unbekannten überhaupt keinen Bezug zum Leben der Jugendlichen. Das heisst: Sie sind weder entfernte Verwandte, noch gibt es gemeinsame Bekannte. Von dieser Gruppe wiederum haben 20 Kinder ­dabei «eine beunruhigende Erfahrung» gemacht.

Die Forscher haben dieses Ergebnis auf die Gesamtzahl der Kinder in der Schweiz hochgerechnet und kamen auf 46'000 Minderjährige, die sich bereits einmal mit Fremden trafen, 13'000 davon hatten ein unangenehmes Erlebnis. Die Mädchen kommen meist über soziale Netzwerke in Kontakt mit Fremden, Knaben eher über Online­spiele. Interessant auch: Bei der Häufigkeit von Treffen mit völlig Fremden gibt es keinen Unterschied beim Geschlecht der Kinder oder ihrem Bildungsniveau.

Erwachsene suchen Kontakt in Game-Chats

Besonders fatal ist die Unwissenheit der Eltern – und zwar auf mehreren Ebenen. Ein Drittel der befragten Kinder, die bei einem Treffen beängstigende Erfahrungen machten, haben niemandem davon erzählt. Die Forscher befragten auch die Eltern und stellten fest, dass nur wenige wussten, dass ihr Kind sich mit jemandem getroffen hat.

Zudem kennen viele Eltern die Gefahren nicht. «Sie wissen oft nicht, dass praktisch jedes Game – auch solche auf dem Handy – eine Chatfunktion hat», sagt Martin Hermida, Projektleiter der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Pädagogischen Hochschule Schwyz. «Diese Spiele werden dem Nachwuchs zur Verfügung gestellt, ohne dass die Eltern alle Funktionen kennen. Und Erwachsene, die im Netz Kinder für sexuelle Kontakte suchen, bewegen sich auch in solchen Chats.»

Hermida warnt aber vor Übertreibungen. In vielen Fällen sei der Kontakt zu Fremden überhaupt kein Problem. «Es gehört zum normalen Online-Leben, dass Junge mit fremden Leuten in Kontakt treten – je älter sie sind, desto häufiger.» Es könne für Kinder eine Chance sein, sich über das Internet auszutauschen. Sei ein Kind beispielsweise ein Drachenflieger-Fan – und in seinem Dorf gebe es keine Gleichgesinnten –, könne es sinnvoll sein, über das Internet in Kontakt mit Gleichaltrigen zu treten, die das gleiche Hobby pflegten, sagt er.

Aber: «Sollte aus diesem Kontakt ein Treffen entstehen, muss es immer an einem öffentlichen Ort stattfinden, die Eltern oder Freunde sollen davon wissen – und wenn das Kind noch minderjährig ist, braucht es die Begleitung eines Erwachsenen», sagt Hermida.

Die Aufklärungsarbeit muss verbessert werden

Vor allem aber sei eine flächendeckende Prävention zwingend. Eine solche sei bisher nicht gewährleistet, sagt der Forscher, erst mit dem Lehrplan 21 verbessere sich die Situation. Der richtige Umgang mit digitalen Medien werde damit zum Pflichtfach. «So wie man den Kleinkindern sagt, sie sollen wegen eines Bonbons nicht in den Wagen eines Fremden steigen, so braucht es das Gespräch mit Kindern und Jugendlichen darüber, wie sie reagieren sollen, wenn Unbekannte sie in Chats ansprechen.» Sie müssten lernen, sich im Netz mit der gebotenen Vorsicht zu bewegen. Diese Aufklärungsarbeit müsse noch besser werden, sagt der Fachmann.

Besteht die Gefahr, dass Jugendliche heute im Netz so oft mit sexueller Anmache und gar Pornografie konfrontiert sind, dass ihre Hemmschwellen sinken? Dass sie sich dadurch eher auf Forderungen von Fremden nach sexuellen Handlungen einlassen? Christine Harzheim verneint. Die Psychologin, Familientherapeutin und Fachrichterin am Jugendgericht Bern-Mittelland sagt: «Ich habe noch keinen Jugendlichen von 14 Jahren kennen gelernt, der sich prostituiert und das aus einer unverletzten, souveränen Position heraus macht.»

Als Fachrichterin sieht sie aber Jugendliche, die sich mitreissen liessen, unüberlegt in prekäre Situationen gerieten. Die Internetwelt in das reale Leben zu transferieren versuchten. Und dadurch auch Verstörendes erlebten. «Gesunde Kinder erschrecken dann – und ziehen sich zurück», sagt Harzheim.

Dass Hannes in der Waldhütte Nein sagte, stimmt sie hoffnungsvoll. «Ein Kind, das so reagiert, hat bei sich doch eine Grenze gespürt und sich verweigert. Das ist ein gutes Zeichen.»

recherchedesk@tamedia.ch (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2018, 08:04 Uhr

«Eltern müssen das Nein-Sagen vorleben»

Christine Harzheim, Psychologin und Fachrichterin, über riskante Treffen von Kindern mit Fremden.


Christine Harzheim ist Fachrichterin am Jugendgericht Bern-Mittelland.

Ein 14-Jähriger trifft eine Internetbekanntschaft und erhält Nike-Schuhe gegen Sex. Warum lassen sich Kinder auf Wildfremde ein, die sie im Internet kennen gelernt haben?
Jugendliche befinden sich in einem massiven Veränderungsprozess, sie sind in Bewegung und dynamisch. Gleichzeitig ist der Teil des Gehirns, der für planvolle Vorausschau, Risikobewusstsein und Vernunft zuständig ist, erst im Aufbau. Dadurch können Jugendliche per se in Situationen geraten, die chaotisch und bisweilen gefährlich sind.

Es scheint, dass sich ein Teil der Jugendlichen heute schneller auf Sexspiele mit Fremden einlässt. Können Sie sich das erklären?
Das Internet setzt die Hemmschwelle für den Kontakt zu Themen wie Pornografie oder Sex massiv herab. Musste man früher für ein Pornoheftli heimlich einen Erwachsenen bestehlen oder im Kiosk eines mitgehen lassen, genügt heute ein Klick auf dem Smartphone. In vielen Fällen haben Jugendliche früher Zugang zu pornografischen Inhalten, als dass sie intimen Kontakt mit einem echten Menschen haben. Für manche Minderjährige ist nicht klar, dass die im Netz gezeigten Szenen inszeniert sind, sie haben das Gefühl: So geht das also.

Und dann gehen sie in eine Waldhütte und bieten Sex gegen Geld für Turnschuhe an?
In einem solchen Fall ist nicht der Kontakt im Internet allein das Problem. Anfällig sind Kinder, denen ein gesundes Selbstwertgefühl fehlt. Ein Jugendlicher braucht unabdingbar ein Umfeld, in dem er zugehörig ist und eine einigermassen attraktive Identität annehmen kann. Versager und chancenlos zu sein, ist keine Position, um eine Jugend schadlos zu überstehen. Wenn sich das Selbstwertgefühl in den ersten zehn Lebensjahren nicht in einem stabilen Umfeld breit abgestützt entwickelt hat, kann sich die Sehnsucht danach, jemand zu sein und dazuzugehören, in neuen Nike-Schuhen ausdrücken.

Was können Eltern tun?
Die Erziehungshaltung ist sehr wichtig. Oft zielt diese heute immer noch vor allem auf Anpassung ab. Das ist fatal. Was Kinder in der heutigen Welt mit all ihren Verlockungen und Reizen rund um die Uhr lernen müssen, ist, sich abzugrenzen. Es nützt aber wenig, den Jugendlichen das Nein-Sagen zu verordnen. Man muss es ihnen vorleben. Wenn sich der Vater oder die Mutter aufopfernd ständig um alles kümmern, ohne auch mal klar für ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen, dann fällt es auch dem Kind schwer, für sich eine rote Linie zu ziehen. Die Eltern müssen vorleben, dass es Bereiche gibt, in denen man sagt: Nein, das will ich nicht.

Viele Kinder kommen in Kontakt mit Pornografie oder werden von Fremden angemacht, sie reden aber nicht darüber. Wie können die Eltern reagieren?
Die Sache proaktiv ansprechen und nicht davon ausgehen, dass es ihr Kind nicht betrifft. Denn das wäre höchstwahrscheinlich eine Illusion. Die Kinder müssen erfahren, dass es nicht echt ist, was sie da sehen. Dass nicht jeder Mann mit seiner Frau so umgeht. Gleich wie in Onlinespielen, in denen Gegner virtuell erledigt werden, müssen die Kinder auch bei der Pornografie verstehen, dass dies mit realen sexuellen Beziehungen wenig zu tun hat.

Kann es sein, dass sich Jugendliche heute leichtfertiger, sozusagen aus Jux, auf ein Sex-Date einlassen – und erst zu spät merken, dass sie sich da etwas zugemutet haben, das ihnen nicht guttut?
Das ist möglich. Kinder, die in einer gesunden Umgebung aufwachsen, erschrecken dann. Sie lernen aus solchen Erfahrungen und werden sich künftig von solchen Risiken fernhalten. Aber ich habe noch nie einen Jugendlichen von 14 Jahren kennen gelernt, der sich prostituiert und das aus einer unverletzten, souveränen Position heraus macht. Das deutet eher auf Umstände hin, in denen die Intimität und Integrität des Kindes nicht ausreichend geschützt wurden.
Interview: Catherine Boss

Unwissende Eltern

Obwohl reale Treffen mit Fremden das grösste Gefahrenpotenzial für minderjährige Kinder darstellen, schauen viele Mütter und Väter nicht so genau hin. Das zeigte sich bei einer grossen Umfrage vor ein paar Jahren: Demnach wissen 68 Prozent der Eltern, deren 11- bis 16-jährige Kinder sich bereits einmal mit einer fremden Bekanntschaft aus dem Internet getroffen haben, nichts davon. Sie sind davon überzeugt, dass sich ihr Kind nicht mit Unbekannten trifft – fälschlicherweise. Nur 16 Prozent der Eltern waren über im Web vereinbarte Begegnungen informiert.

Zahlen zum Thema

13'000 Kinder im Alter zwischen 11 und 16 Jahren hatten bei einem Treffen mit einem Fremden ein beunruhigendes Erlebnis.

43 Prozent der Kinder zwischen 9 und 16 sehen im Internet Sachen, die ihnen Angst machen.

Jeder vierte Jugendliche zwischen 12 und 13 hat auf seinem Handy oder Computer bereits einen pornografischen Film angeschaut.

26'000 Kinder zwischen 11 und 16 wurden bereits Opfer von Cybergrooming – also sexueller Online-Anmache durch Fremde.

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