Eine revolutionäre Idee im Kampf gegen den Klimawandel

Mit einer visionären Ackerbau-Methode soll CO2 im Boden gespeichert werden. Ein Vorreiter ist SVP-Politiker Daniel Lehmann.

Gehts nach ihm, wird der Humusaufbau bald mit Subventionen gefördert: SVP-Bauer Daniel Lehmann. Foto: Raphael Moser

Gehts nach ihm, wird der Humusaufbau bald mit Subventionen gefördert: SVP-Bauer Daniel Lehmann. Foto: Raphael Moser

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Es ist ein revolutionärer Ansatz im Kampf gegen den Klimawandel. Und ausgerechnet Bauern aus der SVP machen sich stark dafür. Ein Vorreiter ist Daniel Lehmann, Berner SVP-Stadtrat und Bauer. Er sagt: «Für mich als Landwirt ist Klimapolitik sehr wichtig.» Während Parteikollege Roger Köppel keine Gelegenheit auslässt, die Klimajugend zu verhöhnen und das Problem der Erderwärmung kleinzureden, hat sich Lehmann dem Kampf gegen den Klimawandel verschrieben.

Lehmanns Ansatz war bis vor kurzem wenig erforscht und kaum bekannt. Das Prinzip: Mit einer speziellen Anbaumethode sorgen Bauern dafür, dass auf ihren Äckern Jahr für Jahr mehr Humus abgelagert wird. Dadurch werden Hunderttausende von Tonnen CO2 im Boden gespeichert. Denn Humus besteht aus organischem Pflanzenmaterial. Während des Wachstums haben die Ackerpflanzen CO2 aus der Luft absorbiert. Würde das Grüngut anschliessend vermodern oder verbrennen, würde das CO2 wieder freigesetzt.

Wenn die organische Substanz aber als Humus in die Erdschicht gelangt, bleibt das Treibhausgas dort gespeichert. Zwei wichtige Voraussetzungen für das Gelingen: Die Bauern müssen einen Teil der Pflanzen, etwa das Weizenstroh, auf den Äckern liegen lassen. Und sie dürfen die Felder nicht mehr pflügen. Damit tatsächlich Humus entsteht, müssen die Bauern weitere Regeln beachten.

Dass das Potenzial riesig ist, glaubt nicht nur Lehmann. Berechnungen des französischen Agrarforschungsinstituts Inra brachten ein erstaunliches Resultat: Der ­gesamte weltweite CO2-Ausstoss könnte – theoretisch – kompensiert werden, wenn der Humus­gehalt auf allen landwirtschaft­lichen Böden jährlich um bloss 4 Promille erhöht würde. Aufgrund dieser Forschungsergebnisse haben Klimaschützer im Rahmen der Pariser Konferenz die ­sogenannte 4-Promille-Initiative lanciert. Sie verfolgt das Ziel, den Humusgehalt der Böden weltweit so stark zu fördern, dass möglichst viel CO2 absorbiert wird.

Andere SVP-Bauern unterstützen Lehmanns Vision

Lehmann will den Humusaufbau in der Schweiz vorantreiben: Der Bund müsse Landwirte sensibilisieren und ihnen die richtigen Instrumente zur Verfügung stellen, sagt der Berner SVP-Bauer. Sinnvoll fände er, wenn man einen Teil der landwirtschaftlichen Subventionen als Anreiz für die Humusaufbaumethode nutzen würde.

Die Umweltverbände sehen es ähnlich: «Bis jetzt macht die Landwirtschaft viel zu wenig in diesem Bereich. Der Humusaufbau muss in der Schweiz flächendeckend gefördert werden», sagt Thomas Wirth vom WWF. Mit seinem Kampf gegen den Klimawandel öffnet Lehmann allerdings einen Graben zwischen der Parteispitze und dem grünen SVP-Flügel.

Die Führung um Präsident Albert Rösti verteidigt nach wie vor ein Positionspapier der Partei, welches behauptet, seit 1998 habe es keine Klimaerwärmung mehr gegeben. Und Köppel will die SVP als Anti-Klima-Partei positionieren. Der Berner SVP-Bauer Lehmann auf der anderen Seite fordert hingegen: «Die SVP sollte mehr auf Klimapolitik setzen.»

Lehmanns Aufruf scheint die ökologisch Gesinnten in der Partei zu ermuntern. So sagt Andreas Aebi, SVP-Nationalrat und Bauer, offen: «Soweit es realistisch ist, bin ich für eine weitere Förderung des Humusaufbaus, wenn es der Ökologie nützt.» Er werde «sich demnächst mit dem Thema noch näher befassen». Der kürzlich als Zürcher SVP-Kantonalpräsident zurückgetretene Konrad Langhart, der selbst einen Landwirtschaftsbetrieb hat, unterstützt Lehmanns Vision ebenfalls: «Die Förderung des Humusaufbaus hilft auch im Kampf gegen unnötigen CO2-Ausstoss.»

Mittlerweile befassen sich in der Schweiz auch Behörden mit der Frage, wie viel CO2 man in der Schweiz durch Humusaufbau vermeiden könnte. Im Kanton Solothurn läuft in Zusammenarbeit mit Bauern ein offizielles Pilotprojekt. Und im Bundesamt für Landwirtschaft prüft eine Arbeitsgruppe, wie man die visionäre Anbau­methode ins Direktzahlungssystem integrieren könnte.

CO2-Verbrauch von 1,8 Millionen Menschen kompensieren

Lehmann ist überzeugt davon, dass sich jährlich pro Hektare Ackerfläche 30 Tonnen CO2 speichern lassen. Hochgerechnet auf die 300'000 Hektaren offener Ackerflächen in der Schweiz, ergibt dies 9 Millionen Tonnen CO2. So viel Treibhausgas könnte theoretisch jährlich in den Schweizer Böden gespeichert werden. Das entspricht etwa dem CO2-Verbrauch von rund 1,8 Millionen Schweizern.

Die Behörden rechnen indessen viel vorsichtiger: So sieht Andreas Chervet von der Fachstelle Bodenschutz des Kantons Bern im Humusaufbau zwar auch ein gutes Mittel im Kampf gegen den Klimawandel. Gemäss seiner Rechnung kann man damit in der Schweiz aber nur rund 300'000 Tonnen CO2 nachhaltig binden. Chervet räumt indessen ein, dass er konservativ rechne, weil man davon ausgehen müsse, dass nicht alle Bauern mitmachen würden.

Erstellt: 13.04.2019, 22:17 Uhr

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