Ein verpasster Neuanfang der Raiffeisen

Dass Patrik Gisel und Pascal Gantenbein bleiben, bedeutet nichts Gutes für die an sich sympathische Bank.

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Über 100 Tage musste Pierin Vincenz im Gefängnis schmoren, bis ihn die Untersuchungsrichter wieder gehen liessen. Was sie genau herausgefunden haben, ist geheim. Aber was in der Zwischenzeit von der Untersuchung durchsickerte, war happig. Insbesondere der diese Woche veröffentlichte Untersuchungsbericht der Finanzmarktaufsicht (Finma) zeigte ein erschreckendes Versagen der Verwaltungsräte. Doch die haben offenbar nichts gemerkt.

Man stelle sich vor: Die Finma stellt fest, dass die Bank Interessenkonflikte ungenügend gehandhabt hat. Das heisst, Vincenz konnte ungestört bei Firmenkäufen und Firmenverkäufen von Raiffeisen mitprofitieren. Zudem hat der Verwaltungsrat der Bank die Aufsicht über den ehemaligen CEO vernachlässigt, der ständig sein Budget überschritt. Damit ermöglichte er dem ehemaligen CEO Pierin Vincenz «zumindest potenziell», eigene finanzielle Vorteile auf Kosten der Bank zu erzielen. Insgesamt stellt die Finma eine schwere Verletzung der aufsichtsrechtlichen Bestimmungen fest.

Trotzdem hatten die Verwaltungsräte Rita Fuhrer und Angelo Jelmini noch die Courage, sich gestern an der Delegiertenversammlung (DV) den ­Delegierten zur Wiederwahl zu empfehlen. Erst als sie merkten, dass dazu die Delegierten der sonst so folgsamen Raiffeisen-Genossenschaften keine Hand boten, gaben sie entnervt auf. Ein dritter VR, Philippe Moeschinger, darf wenigstens noch bis zur ausserordentlichen DV in November bleiben.

Gleichzeitig hat Interimspräsident Pascal Gantenbein bekannt gegeben, dass er definitiv Raiffeisen-Präsident werden will. Im selben Atemzug hat er dem CEO und Vincenz-Nachfolger Patrik Gisel den Rücken gestärkt. Es gäbe überhaupt keinen Grund, diesen zu ersetzten, meinte er gestern. Und dies, obwohl Gisel 18 Jahre lang der Stellvertreter von Vincenz war. Dies, obwohl Gisel auch nach dem Rücktritt von Vincenz, nachdem langsam aber sicher herauskam, dass es zu Ungereimtheiten gekommen ist, Vincenz und sein Geschäftsgebaren als CEO verteidigte. Selbst, nachdem die Finma ihre Untersuchung gestartet hat und die ersten Ergebnisse bekannt waren.

«Mit Gisel und Gantenbein im Duo lautet die Botschaft: Weiter so!»

Wir haben ein Interview vom 14. Januar, das Gisel mit der SonntagsZeitung führte, analysiert und seine Zitate mit den Fakten verglichen, so wie sie sich heute präsentieren. Das Ergebnis ist erschreckend. Kaum eine Aussage hat heute noch Bestand. Ein einmaliger Vorgang und erschreckend für einen CEO der drittgrössten Bank der Schweiz.

Wenn man dann noch den Finma-Bericht hinzuzieht, kann man sich fragen, wie ­Gisel je den Schatten Vincenz loswerden will. Dort steht nämlich auch, dass die Raiffeisen-Geschäftsleitung Vincenz nach dessen Rücktritt in eigener Kompetenz einen Millionenkredit gewährte, der vom Verwaltungsrat hätte bewilligt werden müssen. Erst als die Revision eingriff, wurde das Geschäft pflichtgemäss dem VR vorgelegt. Aus dem Bericht geht auch hervor, dass Jan Schoch, dem Gründer von Leonteq, eine Firma an der Raiffeisen zu 30 Prozent beteiligt ist, ein privater Kredit gewährt wurde, der so hoch war, dass Leonteq und Schoch zusammen zum Klumpenrisiko für die Bank wurden. Hinzu kommen die überhöhten Spesen und die horrenden Zahlungen an die Berater, die zur Budegtüberschreitung des CEOs führten. Von all dem musste sein Stellvertreter auch Kenntnis haben. Hinzu kommt Gisels Steckenpferd, die neue Informatik, die bisher eine halbe Milliarde ­kostete, aber noch immer nicht läuft.

Angesichts von all dem, war die Delegiertenversammlung kein guter Tag für die neue Raiffeisen, denn mit Gantenbein und Gisel im Duo wird es zu keinem Neuanfang kommen. Die Botschaft lautet vielmehr: weiter so! Und das ist nicht gut für diese an sich sympathische Bank.

Erstellt: 16.06.2018, 23:43 Uhr

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