Ein verschenktes Jahr für die Frauen

In den Schweizer Chefetagen gings 2018 kaum voran mit dem Frauenanteil – dafür gibt es mehrere Gründe.

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Irgendwie wirkte die Erleichterung übertrieben, der Jubel zu laut: Dass mit Viola Amherd und Karin Keller-Sutter am 5. Dezember gleich zwei Frauen in den Bundesrat gewählt wurden, löste in der Schweiz einen Begeisterungssturm aus. Man feierte frenetisch, was längst normal sein sollte. Und blendete aus, dass die Politik im Kontrast zur Wirtschaft steht: Dort war 2018 ein Jahr zum Abhaken für Frauen.

Dies zeigt eine Analyse der Zürcher Headhunterin Doris Aebi von Aebi+Kuehni. Sie hat die Verwaltungsräte der 130 Unternehmen in der Schweiz untersucht, die am meisten Mitarbeitende beschäftigen. Das Resultat: Der Frauenanteil in den entsprechenden Gremien ist zwar von 17,9 auf 19,9 Prozent gestiegen.

Doch dieser Trend ist nicht signifikant. Denn der Anteil neu gewählter Frauen steht mit 25,4 Prozent gegenüber 74,6 Prozent neu gewählter Männer noch immer in einem krassen Missverhältnis. Für eine rasche Aufwärtsbewegung reicht das nicht. 42 von 130 untersuchten Firmen leisten sich weiterhin den Luxus, gar keine Frau im Verwaltungsrat zu haben. Darunter kotierte wie die Bobst Group oder die mit einem Börsengang liebäugelnde Stadler Rail von Peter Spuhler.

Die Frauen-Euphorie weicht allmählich einem Kater

Noch trister sieht es auf operativer Stufe aus. Gleich mehrere Topmanagerinnen räumten letztes Jahr das Feld – und wurden durch Männer ersetzt: Post-Chefin Susanne Ruoff – auf ihrem Stuhl sitzt nun Roberto Cirillo; SBB-Personen­verkehrschefin Jeannine Pilloud – ersetzt durch Toni Häne; Alpiq-Chefin Jasmin Stablin – beerbt von Jens Alder. Auf Dagmar Kamber Borens folgte bei der Credit Suisse Robert Wagner als Chief Operating Officer Schweiz. Und auch im Westschweizer Nestlé-Konzern folgt nach dem Abgang von Asien-Chefin Wan Ling Martello in der Konzernleitung ein Mann.

Die Frauen-Euphorie der letzten Jahre weicht einem Kater. «Die Wirtschaft hat quantitativ offenbar den Rückwärtsgang eingelegt. Die Entscheidungsträger müssen nun alles daransetzen, für Spitzenpositionen wieder vermehrt Frauen zu nominieren», sagt Headhunterin Doris Aebi. Das Beispiel Bundesrat, wo die CVP auf ein reines Frauenticket setzte, macht in der Wirtschaft keine Schule. Nur gerade bei jedem fünften Suchmandat wird Aebi beauftragt, eine Kandidatenliste mit primär Frauen zusammenzustellen.

Egon Zehnder, der weltweit drittgrösste Headhunter mit Sitz in Zürich, kommt in seiner jüngsten Diversity-Studie zu einem ähnlichen Schluss: «Die Schweiz ist dabei, den Anschluss zu verlieren.» Während Westeuropa den Frauenanteil in den Verwaltungsräten zwischen 2004 und 2018 um 21 Prozent erhöht hat, legte die Schweiz gemäss der Untersuchung nur um 13,3 Prozent zu. Beim Anteil weiblicher Konzernchefinnen liegt die Schweiz mit 2,7 Prozent sogar deutlich unter dem Durchschnitt Westeuropas.

Warum versagt die Wirtschaft in der Frauenfrage? Fünf Gründe:

Fehlende Planspiele: Die Firmen wollen Jobs in der Konzernleitung oder im Verwaltungsrat auf Knopfdruck mit einer Frau besetzen. Bei einem Kunden von Headhunterin Aebi war kürzlich eine Vakanz in der Geschäftsleitung offen. Eine Frau war gewünscht. Auf dem betreffenden Fachgebiet gibt es indes extrem wenige Frauen. Kurz zuvor hatte dieselbe Firma eine andere Geschäftsleitungsposition mit einem Mann besetzt, für die viele Frauen rekrutierbar gewesen wären. Klüger wäre es umgekehrt gewesen. «Die Firmen machen ihre Planspiele zu wenig umsichtig», konstatiert Aebi.

Präsidien in Männerhand: Nur gerade 4 Prozent der VR-Präsidien sind in der Schweiz in Frauenhand, auch bei den Komiteevorsitzen liegt der Anteil mit gegen 15 Prozent viel zu tief. Genau diese Posten sichern aber Einfluss.

Eine Frau ist keine Frau: Um einen vernünftigen Frauenanteil halten zu können, braucht es in einem Gremium wie dem VR mindestens drei Frauen. Wer nur zwei oder eine hat, ist rasch zurück auf Feld eins. Beispiel Julius Bär: Die Privatbank hat nach dem Rücktritt von Ann Almeida nur noch eine Frau im zehnköpfigen Führungsgremium. Für eine Bank von der Grösse der Julius Bär ein No-go. Präsident Daniel Sauter ist unter Zugzwang.

Männer mit Verlustangst: «Die Männer sahen sich in den letzten Jahren zusehends im Hintertreffen. Nun machen sie ihre Ansprüche bei Chefjobs wieder klarer geltend, nützen ihre Netzwerke», sagt Doris Aebi.

Zu wenig Kontrolle: Den Frauenanteil zu erhöhen, ist Detailarbeit. Entscheider müssen kontrolliert, sanktioniert und mit Anreizen motiviert werden, damit bei Neubesetzungen Frauen zum Zug kommen. Das ist vielen Präsidenten und CEOs zu anstrengend.

Kleine Zeichen der Hoffnung gibt es: Stadler Rail sagt, man werde an der Generalversammlung 2019 «mindestens» eine Frau in den Verwaltungsrat wählen. Peter Spuhlers Männerbastion im Thurgau wäre dann auch geknackt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.12.2018, 18:09 Uhr

Zur Methodik

Analysiert wurde der Frauenanteil in den Verwaltungsräten der 130 grössten Schweizer Arbeitgeber mit 1300 Mitarbeitenden und mehr. Bei international tätigen Konzernen mit Sitz in der Schweiz wurde der VR der Gruppe analysiert, bei ausländischen Konzernen das Gremium der Schweizer Tochtergesellschaft. Mit Ausnahme der grössten Bundesbetriebe und der zwei grössten Kantonalbanken wurde die öffentliche Hand nicht berücksichtigt. Die Auswahl basiert auf Daten der Wirtschaftsauskunftei Bisnode.


Doris Aebi: Die Zürcher Headhunterin von Aebi+Kuehni hat die Analyse und die Auswertung der Daten durchgeführt. Bild: PD

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