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Eine Königin mit Dampf im Bauch

Von New Orleans aus durchquert die American Queen das Herz der Südstaaten.

Der grösste je gebaute Schaufelraddampfer: Die American Queen auf dem Mississippi
Der grösste je gebaute Schaufelraddampfer: Die American Queen auf dem Mississippi

Henry aus Colorado ist 94 Jahre alt und reist nicht allein – mitgebracht hat er seine Frau Carolin, 87, die beiden Töchter und zwei Enkelinnen. Jeden Nachmittag sitzen die drei Generationen aufgereiht wie an einer Perlenschnur vor ihren Kabinen auf dem Promenadendeck der American Queen. Die wechselhafte Geschichte kennt Henry auswendig. 1995 wurde das Schiff nach einjähriger Bauzeit als grösster je gebauter Schaufelraddampfer von der Delta Queen Steamboat Company in Dienst gestellt. Die Kosten: stolze 60 Millionen Dollar. Schon die Taufe am war besonders: Statt Champagner ergossen sich 80 Liter Tabasco-Sauce über die Bugwand. Doch wenige Jahre später zogen dunkle Wolken herauf, die Raten für die Queen konnten nicht mehr bezahlt werden. Nach einem Besitzerwechsel wurde das Schiff 2008 stillgelegt – und harrte auf einem See in Texas einer neuen Zukunft. Die bot sich dann 2011 mit neuen Investoren, die 6,5 Millionen Dollar in eine umfassende Renovierung steckten.

Die Schaufelräder stampfenihren eigenen Rhythmus

Das Herz des Schiffes schlägt auf Deck 2, dem Cabin Deck. Hier liegen die Rezeption, das Excursion Office und eine erstaunlich gut bestückte Boutique. Für Damen und Herren sind eigene Gesellschaftsräume vorhanden – im ­Ladies Parlor laden Sofas und Chaiselongue ein, in Vitrinen steht Silbergeschirr. Der Gentleman’s Card Room dagegen ist wie ein historischer Herrenclub eingerichtet: schwere Sessel, ausgestopfte Tiere.

Die Mark Twain Gallery, die zwischen Bug und Rezeption liegt, ist versehen mit Schiffsmodellen, kleinen Sitzgruppen, Vitrinen und einigen Plätzen mit Internetzugang. Die Fenster offerieren den Blick auf den mit Kronleuchtern dekorierten J.M. White Dining Room ein Deck tiefer. Die meisten der 222 Kabinen sind relativ klein, verfügen aber über stilvolles, altes Mobiliar.

Ein Gang auf den schönen und breiten Holzpromenaden ist ein Vergnügen. Zu sehen gibt es immer etwas: das Ballett der vor den Kabinen tanzenden Schaukelstühle im Wind, die braunen Fluten des Mississippi, auf denen kilometerlange Schubverbände dahinziehen, die Wälder an den ausgewaschenen Ufern. Und natürlich die unbeschreiblichen Sonnenuntergänge, die den «Muddy River» in sattes Rot tauchen und den Wellenkämmen kleine glitzernde Krönchen schenken. Nachts tasten sich die starken Schiffsscheinwerfer über den Fluss, suchen nach Sandbänken oder Uferverläufen. An einer Bar im hinteren Bereich kann man bei jeder Abfahrt den Klängen der Dampforgel lauschen. Die Dampfwolken strömen wie kleine Explosionen aus den Orgelpfeifen. Über dem Maschinenraum, der jederzeit besichtigt werden kann, liegt die Engine Room Bar, eine der sicherlich ungewöhnlichsten auf Kreuzfahrtschiffen. Zur abendlichen Livemusik stampfen die durch grosse Bullaugen sichtbaren Schaufelräder einen eigenen Rhythmus.

Die Brücke schwebt wie eine Gondel über dem Schiff

Kapitän Bobby kennt den Mississippi mit den wechselnden Strömungen wie seine Westentasche, er steuerte jahrelang Frachter und Schubschiffe auf dem Fluss. Seine Brücke schwebt wie eine eckige Gondel hoch oben über dem Schiff, kann bei tiefen Brücken abgesenkt werden, genauso wie die beiden langen schwarzen Schornsteine mit den Krönchen. Einmal pro Woche tritt der Capt’n als Gitarrist auf, spielt Rock- und Countrysongs – und sorgt für Standing Ovations. Fast alle 160 Crewmitglieder kommen übrigens aus der Gegend, die das Schiff befährt.

Die Hauptroute der American Queen beginnt oder endet in der pulsierenden Jazz-und Karneval-Metropole New Orleans. Die Fahrt führt durch Highlights amerikanischer Kolonialzeit mit prachtvollen Villen wie in Natchez und Helena oder zu Filmkulissen wie die jahrhundertealte Eichenallee Oak Alley mit dem beeindruckenden Herrenhaus. In Vicksburg besichtigt man die ehemaligen Schlachtfelder des Amerikanischen Bürgerkriegs, hier wurde 1863 der Krieg entschieden. Hauptattraktion in Memphis ist Graceland, das durch ein Museum erweiterte Anwesen von Elvis Presley mit dem Grab des Idols. www.mittelthurgau.ch

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