«Eine Rückkehr zu den SBB schliesse ich aus»

Jeannine Pilloud fühlt sich in ihrem neuen Job bei Ascom wohl – Nachfolgerin von Andreas Meyer will sie nicht werden.

«Es gefällt mir überraschend gut, wieder täglich am Drücker zu sein»: Ascom-Chefin Jeannine Pilloud. Foto: Sebastian Magnani

«Es gefällt mir überraschend gut, wieder täglich am Drücker zu sein»: Ascom-Chefin Jeannine Pilloud. Foto: Sebastian Magnani

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Jeannine Pilloud war dieses Jahr wohl eine der meistbeachteten Schweizer Managerinnen. Zunächst verliess sie die SBB, um dann für das Migros-Präsidium zu kandidieren, scheiterte aber an der Delegiertenversammlung. Inzwischen sitzt sie beim Telecomunternehmen Ascom sowohl auf dem Präsidenten- als auch auf dem Chefsessel. Die Doppelrolle brachte ihr einige Kritik ein.

Bei Ihrem ehemaligen Arbeitgeber, den SBB, ist derzeit ein attraktiver Posten frei. Sind Sie interessiert?
Ich hatte eine ausgezeichnete Zeit bei den SBB. Aber ich habe auch etwas vermisst: das internationale Umfeld. Mir gefällt es, mich in verschiedenen Ländern und Märkten zu bewegen, wie ich das jetzt bei Ascom wieder tue. Bei den SBB konnte ich dieses Wissen ab und zu einbringen, etwa wenn es darum ging, einen Vertrag mit den italienischen Staatsbahnen aufzusetzen.

Heisst das, Sie schliessen eine Rückkehr aus?
Eigentlich hatte ich bereits den besten Job bei den SBB als Personenverkehrschefin, und ich habe ihn extrem gern gemacht. Eine Rückkehr schliesse ich aber aus.

Ärgert es Sie nicht, dass Sie nicht mehr dort sind? Sie wären nun in der Poleposition für den Posten des Konzernchefs.
Nein, überhaupt nicht. Ich finde, ich war zu einer guten Zeit dort und konnte hoffentlich auch etwas Sinnvolles bewegen. Ich trauere nichts nach.

Was braucht es denn momentan bei den SBB?
Die SBB haben verschiedene Baustellen. Es braucht jemanden, der vor allem das Kerngeschäft weiter stärken kann. Dieses ist in den letzten Jahren aufgrund des rasanten Wachstums der Mobilität stark unter Druck gekommen.

Aufgeben kam für mich nicht infrage, obwohl es einfacher gewesen wäre.Acom-Chefin Jeannine Pilloud

Es wurde auch Kritik am Verwaltungsrat der Bundesbahnen laut. Er sei zu schwach für Noch-Konzernchef Andreas Meyer.
Man kann die SBB und deren Verwaltungsrat nicht mit einem normalen Unternehmen vergleichen. Die Bundesbahnen bewegen sich in einer Art unternehmerischer Planwirtschaft. Wenn die SBB zu viel Gewinn machen, heisst es, sie hätten die Kunden und Kundinnen abgezockt. Wenn zu wenig Gewinn resultiert, wird kritisiert, sie sei zu wenig unternehmerisch unterwegs. Der Verwaltungsrat hat aufgrund des hochpolitischen Umfelds andere Aufgaben als ein Verwaltungsrat einer privatwirtschaftlichen Firma.

Ein anderer attraktiver Job, jener der Migros-Präsidentin, ist auf sehr unschöne Art an Ihnen vorbeigegangen.
Ich habe mich damals zur Verfügung gestellt, weil ich der Meinung war, in der Migros sei die Bereitschaft da, sich neu aufzustellen und die Unternehmensführung zu überarbeiten. Skandale, wie wir sie jetzt in der Genossenschaft Neuenburg/Freiburg sehen, hätten künftig früher erkannt oder gar nicht erst auftauchen können. Es hat nicht sollen sein.

Sie wurden regelrecht verheizt bei der Wahl.
Ja, es war unangenehm. Aber ich habe versucht, das nicht persönlich zu nehmen. Im Übrigen hatte es gerade im Büro der Delegiertenversammlung Leute, die sich wirklich mit Herzblut für mich engagiert haben.

Warum haben Sie Ihre Kandidatur dann nicht einfach zurückgezogen?
Wenn man sich zur Verfügung stellt, kann man nicht einfach mittendrin aussteigen. Ich habe diese Haltung vom Sport. Erst kürzlich nahm ich an einem Wettschwimmen im Genfersee teil. Die ersten fünf Kilometer klappte alles wunderbar. Dann kam plötzlich eine heftige Gegenströmung. Aufgeben kam für mich aber nicht infrage, obwohl es einfacher gewesen wäre.

Ich muss sagen, es gefällt mir überraschend gut, wieder täglich am Drücker zu sein. Daher schliesse ich nichts aus für die Zukunft.Ascom-Chefin Jeannine Pilloud

Haben Sie Ihr Missfallen über die mangelnde Unterstützung Ihrer Kandidatur bei den Migros-Chefs mal deponiert?
Ja, das habe ich.

Sie sind jetzt als Ascom-Chefin vorübergehend wieder in einer operativen Rolle, nachdem Sie sich auf eine Verwaltungsratskarriere konzentriert hatten. Können Sie sich vorstellen, wieder dauerhaft Teil einer Konzernleitung zu sein?
Ich muss sagen, es gefällt mir überraschend gut, wieder täglich am Drücker zu sein. Daher schliesse ich nichts aus für die Zukunft.

Seit April sind Sie Präsidentin der Ascom und seit einem Monat auch deren Konzernchefin. Solche Doppelmandate sind aber bei Anlegern und Beobachtern verpönt. Warum haben Sie es trotzdem übernommen?
Ich hatte das nicht vor. Wir sahen aber, dass wir mit Ascom an einem Punkt sind, wo der Verwaltungsrat seine gesetzliche Verantwortung übernehmen muss. Wir müssen das Unternehmen zurück auf den Wachstumspfad bringen. Wir sahen, dass wir den Konzernchef ablösen müssen, wenn wir dieses Ziel erreichen wollen. Deshalb habe ich mich auf Wunsch des Verwaltungsrates zur Verfügung gestellt.

Der Swiss Code of Best Practice for Good Governance besagt aber: «Der Verwaltungsrat wirkt darauf hin, dass sein Vorsitz und die Spitze der Geschäftsleitung zwei Personen anvertraut werden.» Foutieren Sie sich um dieses Regelwerk?
Nein, natürlich nicht. Erstens ­mache ich das nur für eine beschränkte Zeit. Zweitens wählten wir innerhalb des Verwaltungsrats einen erfahrenen Lead Independent Director, der mich in meiner Rolle als Konzernchefin beaufsichtigt. Er springt dann ein, wenn es darum geht, die Kontrolle über das laufende Geschäft zu übernehmen.

Wie lange werden Sie das Doppelmandat bekleiden?
Zurzeit prüfen wir alle Optionen, wohin es mit der Firma geht. Solange wir das nicht geklärt haben, können wir nicht sagen, wie lange ich das Doppelmandat ausübe, das können drei Monate, ein halbes Jahr sein. Wir erwarten, dass wir am Investorentag vom 7. November Näheres dazu sagen können, wohin es geht.

Wir können Ascom als ­eigenständiges Unternehmen ­weiterführen.Ascom-Chefin Jeannine Pilloud

Das heisst, Sie präsentieren dann den neuen Konzernchef?
Wir können einen neuen Chef nicht aus dem Hut zaubern. Bis wir ihn präsentieren, kann es durchaus noch bis zur Veröffentlichung der Jahreszahlen im Frühling 2020 dauern.

Wird überhaupt ein neuer Firmenchef gesucht?
Im Moment suchen wir nicht, weil wir noch nicht genau wissen, wohin wir strategisch gehen.

Sie schliessen auch einen Verkauf oder eine Fusion von Ascom nicht aus. Steht es so dramatisch schlecht um das Traditionsunternehmen?
Nein. Ascom ist nach wie vor ein profitables Unternehmen, sie ist seit 15 Jahren schuldenfrei, wir zahlen eine gute Dividende. Sie ist keine Firma, die am Trudeln ist. Aber wir müssen in einem Markt, der stark wächst, auf einen nachhaltigen Wachstumspfad einschwenken.

Liegen schon konkrete Angebote von Käufern für Ascom vor?
Nein.

Was geschieht, wenn Sie keinen Käufer finden?
Ascom steht nicht unter Zugzwang. Wir können sie als eigenständiges Unternehmen weiterführen. Ascom ist weder überschuldet noch sonst irgendwas.

Im ersten Halbjahr sind Umsatz und das operative Betriebsergebnis geschrumpft. Sie haben die Jahresziele über Bord geworfen. Woran krankt Ascom?
Wir haben Verbesserungspotenzial bei der Marktbearbeitung. Wir haben weltweit Hunderttausende Installationen und Tausende Kunden. Aber bei der Vermarktung nutzen wir diese Basis viel zu wenig.

Wo sehen Sie die Wachstumsfelder?
Es geht nicht darum, neue Märkte zu erfinden. Wir wollen diejenigen Märkte stärker bearbeiten, in denen wir schon sind – aber richtig. Also Alarm- und Kommunikationssysteme für Spitäler, Gefängnisse, Bergwerke, Atomkraftwerke und Produktionsbetriebe. Das Potenzial im Gesundheitswesen ist gross.

Wo sehen Sie Potenzial?
Die Digitalisierung in Spitälern ist voll am Laufen. Sie kann einen unglaublichen Nutzen haben, nicht nur für Patienten, sondern auch für das Personal. In einem Spital läuft eine Krankenschwester durchschnittlich 11 Kilometer pro Tag. Mit unseren Alarm- und Kommunikationssystemen kann man das um 30 Prozent vermindern und so die Belastung senken und die Produktivität steigern. Auch in der Industrie sehe ich Potenzial. Wenn ein Produktionsroboter aussteigt, braucht es gute Alarmsysteme, um die Produktion rasch wieder in Gang zu bringen.



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Erstellt: 28.09.2019, 18:36 Uhr

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2011 war Jeannine Pilloud die erste Frau, die in die Konzernleitung der SBB eintrat. Sieben Jahre lang amtete sie als Leiterin Personenverkehr. Ihre Division war mit rund 13 000 Mitarbeitenden die grösste der Bundesbahnen. Sie war in ihrer Funktion mitverantwortlich für die Einführung des Swiss Pass. Anfang 2018 gab sie den Job ab und wurde SBB-Delegierte für ÖV-Branchenentwicklung – bis sie das Unternehmen Anfang 2019 verliess, um für das Präsidium der Migros zu kandidieren. Daran scheiterte Pilloud, fand aber bald als Präsidentin von Ascom eine neue Hauptaufgabe.

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