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Eine Überdosis Charisma ist gefährlich

Der Rücktritt von Pierin Vincenz ist tragisch. Doch Mitleid muss man keines haben.

MeinungKarin Kofler

In all dem Trump-Getöse ist es fast untergegangen. Pierin Vincenz verschwindet endgültig von der Wirtschaftsbühne. Mit seinem Austritt aus dem Verwaltungsrat der Repower gibt er sein letztes gewichtiges Mandat ab. Und ich muss eine Fehleinschätzung ­gestehen. Als er Ende 2015 bei Raiffeisen als Chef aufhörte und seine Verwaltungsratskarriere startete, lobte ich ihn in einer Story. Vincenz habe den perfekten Abgang hingelegt. Einen, wie ihn sich alle Topmanager wünschen.

Pierin ­Vincenz hatte das, wonach alle lechzen bei Führungskräften: Charisma.

Nun hat er es doch noch vermasselt. Vincenz’ Rücktritt beim Energieunternehmen Repower sei für alle Parteien eine «Erleichterung», schrieb die NZZ. Etwas Schlimmeres kann einem Wirtschaftsführer nicht passieren. Ähnlich hatte es getönt, als er sein Ausscheiden bei Leonteq und Helvetia bekannt gegeben hatte. Das Genick gebrochen hat ihm ein Verfahren der Finanzmarktaufsicht, das inzwischen eingestellt wurde. Es hat ihn aber zu den raschen Rücktritten gezwungen: Er war zum Reputationsrisiko geworden.

Das ist tragisch. Denn Pierin ­Vincenz hatte das, wonach alle lechzen bei Führungskräften: Charisma. Er war einnehmend, meinungsstark und eloquent. Forscher der Universität Gent haben indes herausgefunden, dass Chefs mit übermässigem Charisma unter Umständen gefährlich sind. Das Selbstvertrauen könne in Narzissmus münden und Überzeugungskraft in «manipulatives Verhalten». Für solche Typen sei ein Coaching hilfreich, um die «Eigenwahrnehmung» zu ­verbessern. Zudem sei kritisches Feedback von Kollegen wünschenswert. Doch Kritik hören Chefs, wie sie Pierin Vincenz ­verkörperte, aus meiner ­Erfahrung viel zu wenig. Jetzt ist es zu spät. Mitleid muss man keines haben. Aber fehlen wird er mir trotzdem ein bisschen.

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