Einen Tag nach dem Pilzessen ging es los

Schmerzschübe überkamen den 35-Jährigen, er hatte giftige Pilze gegessen. Kenner erzählen von schlimmen Fällen.

Verwechslungsgefahr: Die jungen, giftigen Fliegenpilze sehen den beliebten geniessbaren Steinpilzen ähnlich. Foto: Getty Images

Verwechslungsgefahr: Die jungen, giftigen Fliegenpilze sehen den beliebten geniessbaren Steinpilzen ähnlich. Foto: Getty Images

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Die Schmerzanfälle waren so heftig, dass der 35-jährige Bergführer nicht mehr schlafen konnte. Sie kamen in 30-minü­tigen Abständen. Jedesmal röteten und wärmten sich dabei seine Hände und Füsse. Bewegung, Wärme, Berührung, Druck – alles verschlimmerte den Schmerz. Keines von acht Medikamenten nützte. Das Einzige, was half, war: die Extremitäten in kaltes Wasser zu halten.

Der erschöpfte Mann war nicht der alleinige Betroffene: Insgesamt fünf Menschen, alle aus einem Tal in den französischen Alpen, litten einen Tag nach der Pilzmahlzeit an Gefühlsstörungen und Schmerzen. Ein erfahrener Pilzsammler hatte ihnen kleine, beige, verlockend duftende Pilze gebracht. Er hielt sie für harmlose Fuchsige Rötelritterlinge und Egerlinge. Tatsächlich aber waren es giftige Trichterlinge, eine Pilzart, die aus Nordafrika in die Schweiz eingewandert ist. Das wärmere Klima beschert ihr neue Lebensräume.

Rund um den Genfersee ist der Einwandererpilz schon länger ansässig. «2014 wurde er erstmals in der Schweiz gefunden, in Ran­dogne im Wallis. Das hat Pilzler und Toxikologen alarmiert», sagt Katharina Schenk-Jäger, Pilzkontrolleurin und Ärztin bei Tox Info Suisse. Um Vergiftungen zu verhindern, wurden daraufhin ähnlich aussehende Speisepilze von der Empfehlungsliste gestrichen.

«Wegen dieser Pilze haben die Nieren versagt»

«In Japan gibt es einen verwandten Pilz. Wegen ihm sind Menschen schon vor Erschöpfung gestorben», sagt Schenk-Jäger. Die Genesungszeit kann Monate dauern, der Bergführer litt sechs Monate lang an Schmerzen in den Füssen. «In der Schweiz hatten wir bisher keine solchen Vergiftungen, aber wir sind durch die Fälle in Frankreich vorgewarnt», sagt Schenk-Jäger.

Gefährlicher als der afrikanische Einwanderer seien zum Beispiel der Orangefuchsige Raukopf, der Spitzbucklige Raukopf und der Leuchtendgelbe Klumpfuss. «Ich bin überzeugt, dass es in der Schweiz Menschen gibt, bei denen wegen dieser Pilze die Nieren versagt haben – aber niemand weiss um den Zusammenhang.»

Video: Der Pilz-Report aus dem Schweizer Wald

So finden Sie die richtigen Pilze und vermeiden eine Vergiftung.

Das Tückische: Diese Haarschleierlinge verursachen zunächst grippeartige Symptome. 2 bis 17 Tage nach dem Verzehr können die Patienten kein Wasser mehr lösen – Nierenversagen. «Wenn sie noch klein sind, kann man diese Pilze mit Eierschwämmli verwechseln», warnt Schenk-Jäger.

An einen besonders kniffligen Fall erinnert sich Bettina Haberl, Pilzsachverständige in der Abteilung für Toxikologie am Klinikum Rechts der Isar in München: «Wir hatten einmal vier Jugendliche in der Klinik. Sie hatten ‹magic mush­rooms› gesucht. Der erwünschte Effekt blieb aus, dafür versagten eine Woche nach dem Verzehr bei allen die Nieren.» Um zu ermitteln, welche Art verspeist wurde, suchen Fachleute auch schon mal auf dem Kompost nach Essens­resten, analysieren Erbrochenes und identifizieren Pilze mithilfe des Mikroskops anhand ihrer Sporen. Schuld war in diesem Fall der Spitzbucklige Raukopf.

Jetzt noch anzutreffen ist der Kahle Krempling. «Ihn zu verspeisen, ist wie Russisch Roulette. Es passiert extrem selten etwas. Aber wenn, dann stirbt der Mensch fast immer innert Tagen», sagt Haberl. Ärmeren Menschen diente der Pilz, der gern auch auf Friedhöfen wächst, früher oft als Nahrung.

Vermutlich führt eine schwere Antikörperreaktion gegen bestimmte Inhaltsstoffe dazu, dass das Immunsystem der Betroffenen die eigenen roten Blutkörperchen zerstört. Das kann schon nach der zweiten Krempling-Mahlzeit passieren oder auch erst nach x solchen Mahlzeiten. «Es lässt sich nicht vorhersagen», so Haberl.

«Wenn, dann stirbt der Mensch fast immer innert Tagen.»Bettina Haberl, Pilzsachverständige

Vorhersagbar ist dagegen, was der Spitzschuppige Schirmling anrichtet. Ein Ehepaar in Bayern, das sechs Stunden nach der Pilzmahlzeit ein paar Schlucke Bier trank, erlebte sein blaues Wunder: Im Nu waren beide hochrot im Gesicht und kurzatmig, sie bekamen Herzklopfen und Schwindel und suchten notfallmässig Hilfe im Spital.

In Osteuropa wird er noch immer genossen

Bis zu diesem Ereignis im Jahr 2010 wusste niemand, dass dieser Pilz zur plötzlichen Alkoholunverträglichkeit führt. Vom Faltentintling war das hingegen schon länger bekannt. Beide Arten hemmen ein Enzym, das für den Alkoholabbau nötig ist. Dadurch sammelt sich ein giftiges Abbauprodukt im Körper an. Die Folge: Herzrasen, Gesichtsrötung, Schweissausbruch, Kopfschmerz, Blutdruckanstieg, Zittern, Juckreiz, bläuliche Hautverfärbung, Übelkeit und Erbrechen. «Drei bis fünf Tage nach dem Verzehr dieser Pilze keinen Alkohol trinken», empfahl Haberl dem Paar. Doch der Mann nippte 24 Stunden später wieder am Bier – «fünf Minuten später stand er wieder mit hochrotem Kopf da».

Überraschungen mit scheinbar gut bekannten Pilzen erleben Mykologen immer wieder. «Der Kiefernwald-Grünling zum Beispiel wurde bei uns bis vor einigen Jahren als Marktpilz verkauft. Als klar wurde, was er anrichten kann, kam er direkt auf die Giftpilzliste», sagt Schenk-Jäger. In osteuropäischen Ländern dagegen wird er weiterhin genossen. Der gelbe Pilz, der auch jetzt noch in Wäldern wächst, kann zum Zerfall von Muskelzellen führen – was mit Nierenversagen, Schock und Tod enden kann. Das passiere nach bisherigem Wissen aber nur, wenn man mindestens drei Tage hintereinander eine Portion esse, sagt Haberl.

In der Schweiz wurden in den letzten Jahren keine der beschriebenen Vergiftungen bekannt. Was aber immer wieder vorkomme, seien Verwechslungen, so Schenk-Jäger. Dieses Problem kennt auch ihre Münchner Berufskollegin gut: «Ich kenne doch den Fliegenpilz!», habe ein Mann einmal ausgerufen, der nach einer – vermeintlichen – Steinpilzmahlzeit erkrankte. «Und was hatte er gegessen? Einen Baby-Fliegenpilz!»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 05.11.2018, 17:34 Uhr

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