Das Problem der Migros mit ihren ewigen Regionalfürsten

Die Migros Neuenburg-Freiburg hat Strafanzeige gegen ihren VR-Präsidenten eingereicht. Das ist aussergewöhnlich. Doch die Organisation des orangen Riesen begünstigt Seilschaften.

Was in der Migros läuft, wird von deren Gremien bestimmt: Die Eigentümer haben keinen echten Einfluss. Foto: Keystone

Was in der Migros läuft, wird von deren Gremien bestimmt: Die Eigentümer haben keinen echten Einfluss. Foto: Keystone

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Die Genossenschaft Migros Neuenburg-Freiburg, «vertreten durch die Geschäftsleitung in corpore», hat bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Freiburg Strafanzeige gegen ihren Verwaltungsratspräsidenten Damien Piller sowie gegen unbekannt eingereicht. Die Geschäftsleitung schliesst sich damit dem Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) an, der schon am 1. Juli eine Strafanzeige eingereicht hatte, wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsführung im Zusammenhang mit zwei Projekten für Migros-Filialen.

Damit stellt sich die Geschäftsleitung gegen ihr Aufsichtsgremium. Ausserdem unterstützt auch der Genossenschaftsrat, die Vertretung der Genossenschafter, das Vorgehen «voll und ganz», wie David Menoud, Mitglied der Geschäftsleitung, bestätigt.

Das ist aussergewöhnlich. Es kommt so gut wie nie vor, dass ein Genossenschaftsrat sich gegen ein Ansinnen der Verwaltung stellt. Nach Statuten können Genossenschafter und Genossenschaftsräte Wahlvorschläge für Genossenschaftsrat und Verwaltung machen. Mangels Gegenkandidaten werden faktisch aber beide Gremien durch die Verwaltung bestimmt.

Genossenschafter-Demokratie in der Praxis nicht möglich

Genossenschaftsräte sind entsprechend harmlose Gremien, die meistens die Anträge der Verwaltung abnicken. Berichte im «Migros-Magazin» fassen die Ratssitzungen denn auch so zusammen: «Zusammensitzen, zusammen feiern» oder «zum Abschluss konnten die ­Genossenschaftsrätinnen und -räte der Geschäftsleitung ihre Fragen ­stellen und offen über Themen ­diskutieren, die sie persönlich inte­ressieren und bewegen».

Die viel beschworene Genossenschafter-Demokratie existiert nur auf dem Papier. Das Aufstellen von Kandidatinnen wird praktisch verunmöglicht. Die Kandidatenlisten müssen zum Beispiel in der Genossenschaft Aare von 2 Prozent der Genossenschafter unterzeichnet sein. Das entspricht 10 368 Unterschriften – prozentual mehr, als für die Lancierung einer Volksinitiative nötig wären.

Damit nichts schiefgehen kann, verlangt die Migros neben der Unterschrift auch noch die handschriftliche Eintragung der persönlichen Migros-Anteilschein-Nummer, die natürlich nie jemand bei sich trägt. Unter solchen Umständen käme in der Eidgenossenschaft nie eine Volksinitiative zustande.

Verwaltungsratspräsidenten und Geschäftsleiter, die ihre Genossenschaft seit über 20 Jahren dominieren, haben damit weitgehend freie Hand. Der nun unter Verdacht stehende Damien Piller sitzt seit 1996 in der Verwaltung, seit 22 Jahren als Präsident. Er weist alle Vorwürfe zurück, der Verwaltungsrat steht hinter ihm.

Sein Vize Philippe Menoud ist 22 Jahre dabei und Direktor von Fiduconsult, die wiederum als Revisionsstelle für Piller-Firmen amtiert. Marcelle Junod ist ebenfalls schon 20 Jahre in leitender Position in der Genossenschaft. Sie wurde von Piller zur Geschäftsleiterin ernannt und 2017 in den Verwaltungsrat geholt. Das vierte Mitglied ist ein Vertreter des Personals, ebenfalls keine Position, um dem Präsidenten Paroli zu bieten. Einziges unabhängiges Mitglied ist Elena Wildi-Ballabio, Direktionssekretärin bei Bundesrat Ignazio Cassis.

Die komplizierte Migros-Organisation und die fehlende Kontrolle durch die Eigentümer begünstigen die Bildung von langjährigen Seilschaften und die Entstehung von Interessenkonflikten. So sitzen im Stiftungsrat der Gottlieb-und-Adele-Duttweiler-Stiftung, die im Konflikt zwischen MGB und Neuenburg-Freiburg hätte schlichten müssen, nicht nur die von Piller geförderte Marcelle Junod, sondern mit Michel Renevey ein weiterer ehemaliger Chef von Neuenburg-Freiburg, genauso wie an der Spitze der Generaldirektion MGB mit Fabrice Zumbrunnen. Gemäss eigenen Angaben hat Piller auch bei der Wahl von Ursula Nold zur neuen MGB-Präsidentin die Fäden gezogen.

Zwei Seiten der selben Medaille

Neuenburg-Freiburg ist ein extremes Beispiel. Die Verwaltungsräte der zehn Genossenschaften sind recht unterschiedlich zusammengesetzt. Während Aare, Ostschweiz, Tessin und Wallis ohne langjährige Migros-Chefs auskommen, dominieren diese in Basel, Genf, Luzern und der Waadt mit 19 bis 25 Jahren in leitender Stellung in ihren Genossenschaften.

Unter Migros-Mitarbeitern erregte kürzlich die Ernennung von Christian Biland zum Verwaltungsrat der zweitgrössten Genossenschaft Zürich Aufsehen. Er bringt es auf 28 Jahre in leitender Stellung, zuerst bei Migros Aargau-Solothurn, dann bei Aare, Ostschweiz und MGB. Seit 2018 sitzt er in der Stiftung und amtiert als Vizepräsident bei der Migros-Tochter Denner. In der Migros Zürich trifft er auf Präsident Edi Class und Geschäftsleiter und MGB-Verwaltungsrat Jörg Blunschi, zwei ebenfalls mächtige Migros-Urgesteine mit über 20 Jahren in obersten Leitungsfunktionen.

Kompetenz dank langjähriger Migros-interner Erfahrung und mögliche Abhängigkeiten, Interessenkonflikte und Betriebsblindheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Das ist in Verwaltungsräten von Aktiengesellschaften nicht anders. Weil in Riesengenossenschaften die Eigentümer aber keinen echten Einfluss haben, ist die Gefahr gross, dass im Verwaltungsrat zu wenig Kompetenz oder Unabhängigkeit vorhanden ist, um dominante Chefs wirksam zu kontrollieren.

Coop beschränkt die ­Amtszeit auf zwölf Jahre

So geriet Raiffeisen in die schwerste Krise ihrer Geschichte, weil der Verwaltungsrat seinen CEO Pierin Vincenz zu lange gewähren liess. Beim Migros-Konkurrenten Coop hat Hansueli Loosli bereits 27 Jahre lang eine dominante Stellung inne, bis 2011 als CEO, seither als Präsident. Manche Beobachter machten dies mitverantwortlich für den Millionenflop des Marktplatzes Siroop, ein Gemeinschaftsunternehmen von Coop und Swisscom, wo Loosli ebenfalls Präsident ist.

Bei den anderen grossen Genossenschaften gibt es jedoch entweder keine Regionalfürsten, oder deren Macht ist begrenzt. Coop, Mobiliar, Raiffeisen und Fenaco kennen eine Amtszeitbeschränkung für Verwaltungsräte auf zwölf Jahre.

«Die meisten Unternehmen legen heute eine Amtszeitbeschränkung fest. Viele setzen sie bei 16 Jahren, mehr und mehr verkürzen sie jedoch auf 12 Jahre», sagt Unternehmensberater Guido Schilling, der in seinem jährlichen «Schillingreport» die Verwaltungsräte der grössten Schweizer Unternehmen untersucht. «Die Amtszeitbeschränkung macht es einfacher, Platz für neue Kräfte zu schaffen. Manche Verwaltungsräte sehen nicht selber ein, dass sie nicht mehr à jour sind und dass sie Platz machen sollten.»

Die Migros-Genossenschaften haben erst vor kurzem eine solche von 16 Jahren eingeführt oder deren Einführung geplant – alle bis auf jene von Neuenburg-Freiburg. Weitergehende Reformen scheiterten bisher zuverlässig am Widerstand der Regionalfürsten. Ob Ursula Nold nach Erledigung der Affäre Piller daran etwas ändern will, bleibt offen. Sie will sich frühestens nach 100 Tagen im Amt in der Öffentlichkeit äussern.



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Erstellt: 28.07.2019, 18:27 Uhr

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