Empört Euch!

Tamara Funiciello über das ablaufende Jahrzehnt, lähmende Gleichgültigkeit und eine inspirierende Streitschrift.

KZ-Überlebender und Mitautor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Stéphane Hessel 2011 an der Universität Lausanne. Foto: Gérald Bosshard (TDG)

KZ-Überlebender und Mitautor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Stéphane Hessel 2011 an der Universität Lausanne. Foto: Gérald Bosshard (TDG)

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«Neues schaffen heisst Widerstand leisten. Widerstand leisten heisst Neues schaffen.» (aus Stéphane Hessel: «Empört Euch!», Ullstein, Berlin 2011)

Wie sollte man ein Jahrzehnt, das so bewegt war wie dieses, das so viele Fragen offen lässt wie dieses, besser beenden, als mit den Schlussworten der berührenden und inspirierenden Streitschrift «Empört Euch!» von Stéphane Hessel, die genau vor 10 Jahren erschienen ist?

Hessel – Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg, Mitglied der Résistance, KZ-Über­lebender, französischer Diplomat und Mitautor der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 – brachte 2010 im Alter von 93 Jahren ein Pamphlet heraus und richtet sich damit an zukünftige Generationen.

Sein Kernanliegen? Man solle sich empören. Über die Ungerechtigkeiten dieser Welt, über die Unzulänglichkeiten dieser Gesellschaft, über die ungerechte Verteilung der Reichtümer, den Angriff auf jeden noch so kleinen Anspruch auf die Menschenrechte. Denn aus dieser Empörung heraus – so lebte es die Résistance vor – entsteht der nötige ­Widerstand. Gegen die Diktatur des Finanz­kapitalismus, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung auf unserem Planeten. Kurzum: gegen all das, was uns die Freiheit raubt. Und dieser Widerstand, so Stéphane Hessel, ist Pflicht für die dringend notwendige Veränderung. Und dafür ist jede und jeder Einzelne von uns mitverantwortlich. Oder wie es die Punkband Die Ärzte sagen würde: «Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.»

Das mag jetzt dramatisch klingen, aber nichts ist so schädlich für die Menschheit und die Menschlichkeit wie Gleichgültigkeit. Wir dürfen nicht weiterhin zuschauen, wie Menschen auf ihrer Flucht im Mittelmeer ertrinken. Es ist auch kein Naturgesetz, dass wir so lange und viel schuften müssen und im Alter trotzdem nicht richtig von unserer Rente leben können. Denn an Geld mangelt es wahrlich nicht. Nein, es ist genügend vorhanden für die AHV, für ein gutes Gesundheitswesen, für Kinderbetreuung, Elternzeit und anständige Löhne für alle, auch wenn unsere politischen Gegner uns immer vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Erst, wenn wir uns über diese Umstände empören, erst, wenn wir uns gegen solche Ungerechtigkeiten erheben, erst dann wird es möglich sein, dies zu verändern.

Also – steht auf, hört auf, die Faust im Sack zu machen, geht auf die Strasse, lasst euch hören, macht mit, nehmt nichts für selbstverständlich und genauso wenig für unveränderbar – engagiert euch!

In diesem Sinne: Auf ein neues Jahrzehnt ­voller Empörung, voller Widerstand und auf den Willen, diese Welt zu verändern; für eine Welt, in der wir Sorge tragen zu unseren Mitmenschen und unserem Planeten, wo Bedürfnisse vor dem Profit stehen, wo Menschlichkeit vor Konkurrenz kommt.

Denn diese andere, neue Welt ist möglich! ­Holen wir sie uns!



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Erstellt: 04.01.2020, 21:50 Uhr

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