Er brachte das Eis in die Tropen

Frederic Tudor verschiffte vor 200 Jahren Eisblöcke im grossen Stil in den Süden. Es war der erste Schritt Richtung Kühlschrank.

On the rocks: Eiswürfel waren früher ein Privileg der Eliten. Foto: Getty Images

On the rocks: Eiswürfel waren früher ein Privileg der Eliten. Foto: Getty Images

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So ein Spinner, waren sich die Bostoner Schiffsbesitzer in ihrem Urteil über Frederic Tudor Anfang des 19. Jahrhunderts einig. Ein Spinner war Tudor (1783–1864) aber nicht unbedingt, sondern eher ein hartnäckiger Mensch. Die Zukunft liegt im Eis, hatte sich der Amerikaner in den Kopf gesetzt – und für dieses Vorhaben kämpfte er. Aus dem kühlen Nordosten der USA wollte Tudor Eisblöcke in die weite Welt und vor allem in die Tropen verschiffen. Erstes Ziel des Unternehmers war im Jahr 1802 die Karibik. Auch nahe dem Äquator, dachte sich Tudor, sollten die Menschen wenigstens kühle Drinks geniessen können.

Rund 200 Jahre später ist die künstliche Kühlung für uns selbstverständlich. Ein Kühlschrank gehört in vielen Regionen zur Grundausstattung. Wir sitzen in klimatisierten Autos, Zügen, Büros und Flugzeugen, und auch immer mehr Menschen kühlen ihre Wohnungen mithilfe von Technik. Gewisse Metropolen in tropischen Gegenden wären ohne Klimaanlagen nicht zu dem geworden, was sie heute sind.

Die ersten Versuche scheiterten kläglich

Frederic Tudor stammte aus einer wohlhabenden Bostoner Familie. Im Winter sägte das Dienstpersonal grosse Eisblöcke aus dem hauseigenen See, damit die Tudors im Sommer kalte Drinks und ­Glace geniessen konnten. Boston liegt in den gemässigten Breiten, und dort war es schon lange Tradition, Eisblöcke zu schlagen und sie in kühlen Kellern für die warme Jahreszeit zu lagern.

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Als junger Mann war Tudor in die Karibik gereist und kehrte – geschockt von der schwülen Hitze – im Glauben zurück, dass dort jeder nach einer Abkühlung lechzen musste. Seine ersten Versuche scheiterten indes kläglich. Zwar schaffte es ein grosser Teil der gefrorenen Ladung erstaunlicherweise bis nach Martinique, doch die Menschen dort reagierten erst einmal mit Desinteresse. Wer zu jener Zeit in der Karibik lebte, für den war die Hitze einfach Normalzustand. Eis und erst recht Eis in Drinks kannten die Menschen bestenfalls vom Hörensagen.

Der «Spinner» stand am Anfang der globalen Kühlkette

Künstlich Kälte zu erzeugen, braucht technisches Geschick. Während es schon unseren Urahnen in der Höhle gelang, mithilfe von Feuer Wärme herzustellen, ­erwies sich das umgekehrte Vorgehen als viel anspruchsvoller. Die meisten Kühlsysteme arbeiten mit einem Austausch von warmen und kalten Luftmassen.

Auch im Kühlschrank sinkt die Temperatur, weil die warme Luft aus dem Innenraum nach aussen abgeführt wird . Dabei nützen die Kühlsysteme ein Naturgesetz: Wenn eine Flüssigkeit verdampft, nimmt sie Wärme aus der Umgebung auf. Diese Wärme gibt sie wieder ab, wenn sie vom gasförmigen in den flüssigen Zustand zurückwechselt.

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Kühlflüssigkeiten mit einem sehr tiefen Siedepunkt ermöglichen deshalb, dass sich Kühlsysteme den Wechsel der Aggregatszustände zunutze machen, um Wärme abzutransportieren. Deshalb brauchen grössere Klimaanlagen normalerweise eine Komponente, die im Freien steht.


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Ihren Anfang nahm die globale Kühlkette mit dem «Spinner von Boston», der sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen liess. Tudor startete mehrere Reisen in die Tropen, ging zwischenzeitlich bankrott, landete im Gefängnis, fing sich Gelbfieber ein und hielt trotzdem an seiner Idee fest. Beim Versuch, Jamaica im Jahr 1811 mit einer Schiffsladung Eis zu beliefern, sank auch noch sein Frachter. Für Tudor waren alle Rückschläge jedoch weiterer Ansporn.

Er begann noch abgehobenere Pläne zu schmieden und nahm noch weiter entfernte Destinationen ins Visier. Auch an der idealen Lagerung des Eises tüftelte Tudor weiter. Als ideales Isolationsmaterial für den Transport entpuppte sich Sägemehl. Vor Ort liess er das fragile Gut in doppelwandigen Hallen lagern. Nach rund 15 Jahren begann sich seine Hartnäckigkeit auszuzahlen. In Kuba liebte die Oberschicht inzwischen die Eiscreme made mit Bostoner Eis.

Die Erfindung der Klimaanlage war ein Zufallsprodukt

Knapp hundert Jahre später legte der junge Ingenieur Willis Carrier eher zufällig den Grundstein für moderne Klimaanlagen. Eine Druckerei in New York, wo die Sommer schwülheiss sind, regte sich über das feuchte Papier auf, das gleichmässige Farbdrucke erschwerte, und beauftragte Carrier, der an verschiedenen Luftentfeuchtern bastelte. Als Nebeneffekt fiel ihm auf, dass er der Luft mit der Feuchtigkeit auch Wärme entzog.

Seine zufällige Erfindung liess Carrier 1906 mit einem Patent schützen. Er nannte das Gerät einen «Apparat zur Behandlung von Luft». Zu den ersten Interessenten gehörten Fleischverarbeiter und Pharmafirmen. 1922 hatte Carrier seine Erfindung weiterentwickelt, sodass sie auch für kleinere Kunden erschwinglich war.

Ein angenehmer Nebeneffekt von Carriers Erfindung war für die amerikanische Bevölkerung, dass Kinobetreiber Interesse an den Kühlmaschinen zeigten. Das Kino Rivoli in New York war 1924 das erste, das Filmfans in der Sommerschwüle in die gekühlten Säle lockte. Als immer mehr Kinos nachzogen, begann auch Hollywood umzudenken. Der Sommer-Blockbuster, Filme für ein breites Publikum mit grossem Budget, war geboren.

«Texas wird zugrunde gehen. Jetzt können auch die Yankees hier leben.»Frank Dobie, Autor

1928 leistete sich die erste Privatperson eine Klimaanlage, was allerdings noch bis Mitte des Jahrhunderts ein Privileg der Reichen blieb. Erst dann begann sich die Bevölkerungsstruktur in den USA zu verändern. Was nicht alle erfreute. Der texanische Autor Frank Dobie schrieb: «Texas wird zugrunde gehen. Jetzt können auch die Yankees hier leben.» Und alles nur wegen der künstlichen Kühlung.

Doch ausser den Yankees (Nordstaatler) im Süden hatte Carriers Erfindung noch viel weitreichendere Folgen. Ohne künstliche Kühlung gäbe es keine Computer, keine Serverräume, keine Digitalisierung – und letztlich auch kein Internet.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Juli 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.07.2018, 16:03 Uhr

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Frederic Tudor

Der Bostoner Eiskönig

Von der unterirdischen Kühlkammer zur Klimaanlage

400 v. Chr.



Yakchal nannten die Perser ihre Kühlkammern, die auch einen sehr tiefen unterirdischen Teil hatten. Als Baumaterial diente ein Gemisch aus Sand, Kalk, Tierhaaren und Asche, das wärmeabweisend wirken sollte. Ein Becken mit Eis in der Tiefe sorgte für kühle Temperaturen.

1. Jh. n. Chr.
Die Chinesen experimentierten ebenfalls schon früh mit Verfahren zur Kühlung. Der Erfinder Ding Huan konstruierte im ersten Jahrhundert nach Christus zu Zeiten der Han-Dynastie eine Maschine, die ebenfalls schon die Verdunstungskühle von Wasser nutzte.

100 n. Chr.



Auch die Römer versuchten ihre Lebensmittel im Sommer frisch zu halten. Fossa nivalis hiess die Konstruktion, ein vier Meter tiefer, mit Schnee aufgefüllter Schacht. Archäologen der Universität Basel testeten 2016 in Augusta Raurica, wie die Fossa funktioniert haben könnte.

1800–1850
Der Eiskönig Frederic Tudor beliefert im 19. Jahrhundert die halbe Welt mit seinen Eisbrocken, die er im kalten Nordosten der USA schlagen liess und mit Schiffen in die Tropen transportierte. Nur in Europa stahlen ihm die norwegischen Reeder das Geschäft.

1876



Der Deutsche Carl von Linde (1842-1934) erfand 1876 den ersten modernen Kühlschrank. Grosses Interesse an der Erfindung zeigten die Bierbrauer, die schnell merkten: Kühles Bier schmeckt besser.

1902



Der Amerikaner Willis Carrier entdeckte 1902 zufällig, dass die Entfeuchtung der Luft auch einen kühlenden Effekt hat. Er entfeuchtete eine Druckerei und erfand dabei die moderne Klimaanlage. Seine Erfindung hatte weitreichende soziale und wirtschaftliche Folgen.

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