Endlich: Die CVP macht auf Rock ’n’ Roll

Gerhard Pfister erntet viel Kritik. Dabei macht er für die Partei genau das Richtige, schreibt Andreas Kunz.

Steht grade nicht auf der Sonnenseite: Gerhard Pfister. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Steht grade nicht auf der Sonnenseite: Gerhard Pfister. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Alles sah nach einem langen, elenden Tod aus, bei dem sich der Sterbende bis zum letzten Atemzug widerstandslos und schuldbewusst dem eigenen Schicksal fügt. Genau so, wie es von jeher zum christlichen Glauben gehört.

Doch dann das Wunder: Nachdem die CVP in den Umfragen nahe der 10-Prozent-Marke gerutscht ist und sich bereits Spekulationen über ihren letzten Bundesratssitz gefallen lassen musste – kehrt plötzlich wieder Leben zurück in die Partei. Und wie!

Mit ihrer neuen Kampagne sorgt die CVP für eine Aufregung, wie es im Schweizer Wahlkampf in jüngster Zeit keine Mittepartei mehr geschafft hat. Und zwar ausgerechnet durch sogenanntes Negative Campaigning, also indem man den Gegner schlecht redet, sich über ihn lustig macht, es selber besser weiss. Es könnte der Sündenfall sein, der die einst staatstragende christliche Volkspartei vor dem endgültigen Wegdämmern ins Nirwana bewahrt.

Der FDP-Präsidentin Petra Gössi zum Beispiel wirft die CVP in Onlineanzeigen vor, beim Klimaschutz plötzlich nach staatlichen Massnahmen zu rufen – obwohl die FDP sonst stets Eigenverantwortung propagiere. Ein Politskandal, der eigentlich mehr über die Schweiz aussagt als über die CVP.

Tatsächlich sind die einstigen Rebellen bei der SVP saturiert geworden, die FDP traute sich ohnehin nie was, die SP ist längst zur öden Beamtenpartei mutiert, und die Grünen sind Ein-Thema-Aktivisten geblieben. In Zeiten, in denen alle irgendwie hip, aber angepasst sein wollen, in denen ideologische Kulte die alten Religionen praktisch vollständig ersetzt haben, gibt es mit der CVP offenbar nur noch eine Partei, die den Mainstream mit ein bisschen Rock ’n’ Roll aufmischen kann.

Präsident Gerhard Pfister präsentiert sich in den sozialen Medien mit seinen launigen Voten schon länger als eine Art Chris von Rohr der Schweizer Politelite. Jetzt hat er es endlich geschafft, seine bisher allzu fromme Partei mitzuziehen. Mehr noch: Nachdem für die angeblich unanständige Kampagne alle von ihm Abbitte gefordert hatten, blieb Pfister so standhaft, wie es ein politischer Märtyrer heutzutage nur sein kann.

Dieses Wochenende will er Phase 2 der Kampagne zünden. Das Ziel, dass abseits der eigenen, wegbrechenden Stammwählerschaft lustvoll über seine Partei gesprochen wird, hat er bereits erreicht.

Erstellt: 21.09.2019, 23:33 Uhr

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