Drei Schweizer Mädchen stecken in der Hölle fest

Eine Genferin hat ihre Töchter entführt und zum Islamischen Staat verschleppt. Die Mädchen vegetieren nun in einem Internierungslager in Syrien dahin.

Hier leben inzwischen über 70'000 Menschen: Das Internierungslager al-Hol im Nordosten Syriens. Foto: AFP

Hier leben inzwischen über 70'000 Menschen: Das Internierungslager al-Hol im Nordosten Syriens. Foto: AFP

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Drei kleine Genfer Mädchen sitzen in der Hölle des Internierungslagers von al-Hol im Nordosten Syriens fest. Die älteren, noch in Genf geboren, sind zwölf und sieben Jahre alt, das jüngste dagegen kam erst vor einem Jahr im Kalifat des Islamischen Staats (IS) zur Welt. In al-Hol leben inzwischen mehr als 73'000 Menschen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, Angehörige, Witwen oder Waisen von IS-Kämpfern. Viele sind verwundet oder krank. Laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, das in der Region Hilfe leistet, sind die Menschen in al-Hol «unter extrem prekären Verhältnissen eingepfercht».

Die Mutter der Mädchen, Sahila F.*, geboren in Genf und Bürgerin einer kleinen Waadtländer Gemeinde, schloss sich 2016 dem IS an. Ende Januar gehörte sie zu den letzten Ausländerinnen, die aus der Ortschaft Baghus flüchteten, der vor etwa zwei Wochen gefallenen letzten Hochburg des Kalifats. Die drei Töchter Malika*, Kamar* und Faria* sind Schweizerinnen. Seit etwa zwei Monaten prüfen der Bund und die Genfer Behörden deshalb, ob eine Rückführung der Mädchen möglich ist – Ausgang ungewiss.

In den letzten Wochen sind Dutzende von Kindern in al-Hol, dem mit Abstand grössten Internierungslager im Nordosten, wegen der Kälte, der erbärmlichen Bedingungen und Krankheiten gestorben. Auch die Töchter von Sahila F. sind jetzt in Gefahr. Malika, die älteste, wurde von Granatsplittern am Bein getroffen. Aber wie ist die Mutter überhaupt dazu gekommen, ihre Kinder nach Syrien zu entführen? Warum hat sich diese von Bekannten als zurückhaltend beschriebene Frau vor zwei Jahren entschieden, Genf den Rücken zu kehren und zum IS zu reisen? Das ist ihre Geschichte.

Schwierige Kindheit und frühe Schwangerschaft

Im Frühjahr 1989 wurde Sahila F. im Genfer Universitätsspital geboren. Ihre Mutter Françoise* wuchs zwischen Nyon, Morges und Genf auf und lebte einige Jahre in der Region von Paris. Der Vater, ein Tunesier, arbeitete in einer Uhrenwerkstatt in Genf. Eineinhalb Jahre nach Sahila kam ihr kleiner Bruder auf die Welt.

Der Vater ging nie in die Moschee, aber er hielt sich an den Fastenmonat Ramadan. Damit sei er in der Familie ganz allein gewesen, sagt Françoise heute. Damals hätten die Kinder nie einen Fuss in eine Kirche oder in eine Moschee gesetzt.

Als Sahila neun Jahre alt war, trennten sich die Eltern. Der Vater trank zu viel und hatte gesundheitliche Probleme. Die Kinder sahen ihn nur jedes zweite Wochenende. Aber Sahila sagte, sie ziehe ihn der Mutter vor. Mit elf Jahren reiste das Mädchen nach Frankreich, um bei ihrer Grossmama mütterlicherseits zu wohnen. Der kleine Bruder blieb dagegen in Genf. Nach ihrer Rückkehr, mit 13 Jahren, kam Sahila in eine Sonderklasse. Sie mochte die Schule nicht, wurde gehänselt. Trotzdem war sie eine fleissige Schülerin.

«Unter extrem prekären Verhältnissen eingepfercht»: Sahila F.* mit ihren beiden älteren Töchtern. Foto: PD

Sahila wurde mit 16 Jahren schwanger, von einem neun Jahre älteren Nordafrikaner. Die kleine Malika kam im Frühjahr 2006 zur Welt. Am Anfang wohnten Mama, Papa und das Baby bei Françoise. Kaum war Sahila volljährig, wurde das Paar von einem Imam getraut. Schon 2008 kam es allerdings zur Trennung.

Mutter und Kind fanden Zuflucht in einem Heim in Genf. Damals begann sich Sahila für den Islam zu interessieren und suchte nach den Wurzeln ihrer Familie in Tunesien. Sie kam wieder auf die Beine und fand Arbeit bei einem christlichen Hilfswerk. Dort traf sie einen anderen Mann, ebenfalls aus dem Maghreb. Sie war jetzt 20 Jahre alt, er 32.

Sahila konnte später sogar ihre Lehre abschliessen, in einem KMU, das hochwertige Metallteile herstellt. Sie kümmerte sich um administrative Aufgaben. Die junge Frau arbeitete gemäss Kollegen diskret, gewissenhaft und fleissig. In der Berufsschule hatte sie sehr gute Noten: im Durchschnitt 5,5 von 6. Dann wurde sie von ihrem neuen Partner schwanger. Vom Vater ihrer ersten Tochter liess sie sich scheiden, als sie im achten Monat war. Ihre Mutter Françoise hielt aber zu ihrem Ex-Mann. Seither haben Sahila und Françoise nie mehr miteinander gesprochen.

«Mit mir sprach sie wegen eines Pullovers nicht mehr», erinnert sich Sahilas jüngerer Bruder. «Der gehörte ihrem Freund, und sie lieh ihn mir aus, aber ich gab ihn ein paar Tage zu spät zurück.» Ein Jahr nach dem Zwischenfall mit dem weissen Pullover traf er sie auf der Strasse mit einem Kinderwagen, sie hatte gerade ihr zweites Kind bekommen. «Sie sagte nur gerade ‹guten Tag› und ging weiter. Damals trug sie schon ein Kopftuch.»

Eines Tages, im Juli 2013, kam Sahila plötzlich nicht mehr zur Arbeit. Sie litt angeblich an einem Burn-out. Ende August erhielt sie deshalb die Kündigung. Etwa zum selben Zeitpunkt verschlechterte sich auch die Beziehung zu ihrem Freund, dem Vater der zweitgeborenen Tochter Kamar.

Die halbe Nacht lang vor dem Computer

Sahila verbrachte nun Stunden im Internet. Sie war fasziniert vom IS. Sie traf sich auch mit verschleierten Frauen aus Frankreich und schien Kontakte bis ins jihadistische Milieu Belgiens zu unterhalten. Anfang 2015 trennte sich das unverheiratete Paar. Fortan lebte Sahila von den kargen Unterhaltszahlungen der beiden Väter ihrer Töchter und von Sozialhilfe. Sie ging jetzt auch in die Moschee im Genfer Stadtteil Petit-Saconnex, einem Treffpunkt von Salafisten. Ihre Nachbarn sahen sie oft die halbe Nacht auf ihrer Terrasse, vor dem Computerbildschirm.

Die Reise zum Islamischen Staat bereitete Sahila offenbar monatelang vor. Um Geld zu sparen, zahlte sie die Miete nicht mehr, und anscheinend hob sie fast 40 000 Franken vom Konto ihres Vaters ab. Dieser lebte mittlerweile in einem Heim und litt an schweren Gedächtnisstörungen.

Im August 2016 kündigte sie an, für eine Woche nach Marseille in die Ferien zu fahren. Kamars Vater traf Sahila und seine Tochter in einem Genfer Einkaufszentrum, um Kamar einen Badeanzug für den Urlaub am Meer zu schenken. Er hatte damals keine Ahnung, dass er die Kleine nicht mehr sehen würde. Als die Kinder nach einer Woche nicht mehr zurückkamen, fand der Vater den Badeanzug unberührt in Sahilas verlassener Wohnung. Zu diesem Zeitpunkt war das Trio schon über Italien und Griechenland in die Türkei gereist.

«Hätte die Polizei schneller reagiert, wäre Sahila vielleicht noch in der Türkei gestoppt worden.»Kamars Vater

Im Sommer 2016 sah sich der IS bereits stark in die Defensive gedrängt. Die türkische Grenze war für Jihad-Reisende praktisch unpassierbar. Deshalb musste Sahila zunächst in Syriens Westen reisen, in Gebiete, die von der Al-Nusra-Front, der syrischen Al-Qaida-Filiale, kontrolliert wurden. Sahila erzählte ihrem Ex-Mann später per Whatsapp, dass sie ihre Schweizer Pässe zerrissen habe, bevor sie an der Strassensperre einer mit dem IS verfeindeten Islamistengruppe ankam. Sahila war vermutlich die Letzte, die es aus der Schweiz bis zum IS geschafft hat.

«Hätte die Polizei schneller reagiert, wäre Sahila vielleicht noch in der Türkei gestoppt worden», sagt Kamars Vater heute. «Am Anfang haben wir die Arbeit der Polizei gemacht», ergänzt Malikas Vater, «zum Beispiel, indem wir die Roamingdaten von Sahilas Mobiltelefon besorgten. Die Behörden waren uns keine grosse Hilfe. Eine Genfer Staatsanwältin sagte uns sogar, es bestehe keine Gefahr, die Kinder seien ja bei ihrer Mama.» Dabei wurden die beiden Mädchen gerade zu einer Terrororganisation verschleppt – dies ist mittlerweile nicht mehr nur die Sicht der Väter, sondern auch der Behörden.

Der Vater des dritten Kindes stirbt bei einem Drohnenangriff

Die für die Terrorismusbekämpfung zuständige Bundesanwaltschaft eröffnete im März 2017 ein Strafverfahren gegen Sahila – wegen Verstosses gegen das IS-Verbot und Unterstützung einer kriminellen Organisation sowie wegen Kindesentführung, Vertrauensmissbrauch und Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Kurz zuvor hatten beide Väter das alleinige Sorgerecht für ihre Töchter erhalten.

In Syrien heirate Sahila einen tunesischen Jihadisten, der ebenfalls in Genf gelebt und die Moschee von Petit-Saconnex besucht hatte. Von ihm stammt die dritte Tochter, Faria. Die Familie lebte eine Zeit lang in Raqqa, der Hauptstadt des IS, und dann später in weiteren Ortschaften in der Euphrat-Ebene. Anfang 2018 wurde der Vater des Babys laut Sahila bei einem Drohnenangriff getötet.

Vater erkennt Töchter trotz Schleier

In einem Interview mit einer dänischen Journalistin, das in «Le Temps» erschienen ist, stellte sich Sahila als Algerierin vor. Nach dem Tod ihres Mannes habe sie in einem Haus für unverheiratete Frauen, Witwen und Kinder gewohnt. Baghus, die letzte Bastion des Kalifats, war die abschliessende Etappe ihres Lebens beim IS – samt dem Schrecken, den die drei Mädchen dort erlebt haben müssen.

Am 1. Februar 2019 entdeckte Malikas Vater die Familie in einem Facebook-Video, obwohl seine zwölfjährige Tochter ganz verschleiert waren. Die Mutter hatte sich mit den Kindern kurz zuvor offenbar den kurdisch dominierten Syrian Democratic Forces ergeben. Sie kamen gemäss zwei syrischen Quellen in das Lager al-Hol, wie die überwiegende Mehrheit der weiblichen Überlebenden von Baghus.

Bern und Genf schieben sich den Schwarzen Peter zu

Nach Angaben eines Offiziellen, der Informationen aus erster Hand aus dem Lager hat, reichen die medizinischen Ressourcen in al-Hol niemals aus, um alle Verwundeten zu behandeln. Und die Sterblichkeit sei sehr hoch. Malika, deren Splitterwunde am Bein nur behelfsmässig behandelt wurde und sich jederzeit infizieren könnte, Kamar und Faria sowie die rund 50 000 Minderjährigen in al-Hol – von denen die Hälfte noch nicht einmal fünf Jahre alt ist – sind ernsthaft bedroht.

Am 8. März kündigte der Bundesrat an, dass die Schweiz ihre Jihad-Reisenden nicht aktiv zurückholen werde. Es wäre besser, sie in Syrien vor Gericht zu stellen. Bei den Minderjährigen hat der Bund jedoch eine Tür offen gelassen, unter zwei Bedingungen: Für eine Rückführung nötig ist die Zustimmung der kantonalen und kommunalen Behörden sowie der Eltern, sofern diese das Sorgerecht haben. Ausserdem sollen keine Bundesbeamten in Gefahr gebracht werden, die in Syrien die Repatriierung von Kindern an die Hand nehmen. Theoretisch könnten Malika und Kamar daher von ihrer Mutter getrennt und in die Schweiz zurückgebracht werden.

Es ist allerdings nicht klar, was der Bund konkret unternimmt, um die Schweizer Mädchen zu schützen. Die Väter wären bereit, eine Rettungsaktion auf eigene Faust zu starten. Doch es ist ihnen nicht einmal möglich, Pässe für ihre Töchter zu bekommen. Nur schon in dieser Sache schieben sich Bern und der Kanton Genf den Schwarzen Peter gegenseitig zu – seit mehr als zwei Wochen.

* Namen geändert

Erstellt: 07.04.2019, 11:08 Uhr

«Eine Rückführung ist sehr heikel»

Géraldine Casutt über die Kinder von Frauen, die ihr Glück im Jihad suchen.

«Das Allerhöchste ist ein Jihadist»: Géraldine Casutt.

Die Soziologin Géraldine Casutt beschäftigt sich am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Uni Freiburg mit westlichen Frauen, die in den Jihad ziehen. Derzeit macht sie ihr Doktorat zu diesem Thema.

Sie haben die Werdegänge Dutzender weiblicher Jihad-Reisender studiert. Ist die Geschichte von Sahila F. typisch?
Jede Biografie ist natürlich einzigartig. Aber einige Gemeinsamkeiten finden sich dennoch. Dazu gehört, dass sie die westliche Gesellschaft ablehnen, die Konversion zum Islam oder dass eine Muslimin zum «echten» Islam zurückgefunden hat; ausserdem Abwesenheit des Vaters in der Kindheit und Jugend oder zerbrochene Liebesbeziehungen. Einige Frauen glauben auch, dass ihr Traummann ein «echter» Muslim sein müsse. Für radikalisierte Frauen ist das Allerhöchste ein Jihadist: Sie glauben, dass ein Mann, der für seine Religion zu sterben bereit ist, zwangsläufig tugendhaft sei. Sie glauben auch, dass so ein Mann seine Frau deshalb gut behandeln werde.

Also sind diese Frauen Opfer, die manipuliert wurden?
Überhaupt nicht! Wir neigen zum Glauben, dass diese Frauen einfach einem Mann gefolgt sind. Aber das ist ein völlig falsches Bild. Viele Frauen sind weit davon entfernt, Opfer zu sein. Sie wissen sehr genau, was sie tun, und haben ihre Abreise lange im Voraus geplant. Das scheint auch bei Sahila F. der Fall gewesen zu sein.

Glauben Sie, dass Sahila F.s drei Kinder schnell in die Schweiz zurückkehren können?
Das ist viel heikler, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Behörden können das Problem nicht so einfach lösen. Es kann Monate oder sogar Jahre dauern.

Warum?
Es ist zuerst einmal notwendig, die Nationalität der internierten Kinder festzustellen. Viele haben keine Papiere, und DNA-Tests sind der einzige Weg, um eine zuverlässige Antwort zu erhalten. Es gibt 8000 bis 10'000 Kinder ausländischer Kämpfer in Syrien. Frankreich ist eines der wenigen Länder, das Kinder heimgeholt hat – und zwar insgesamt fünf! Es waren alles Waisen unter sechs Jahren.

Und die Schweiz?
Am 8. März, als der Bundesrat seine Strategie vorstellte, wurde die Möglichkeit offen gelassen, Kinder in die Schweiz zurückzuholen – allerdings ohne die Eltern. Für einen Schweizer Beamten wird es sehr, sehr schwierig sein, in die syrischen Internierungslager zu gehen und diese Kinder gegen den Willen ihrer Mütter zurückzubringen. Da helfen auch ein Schweizer Gerichtsurteil und der Entzug des Sorgerechts nichts.

Was kann man denn tun?
Sahila F. sollte gefragt werden, ob sie bereit ist, ihre Töchter ziehen zu lassen. Aber Kinder sind oft alles, was diese Frauen noch übrig haben, ihr einziger Existenzgrund. Auch wenn sie wissen, dass das Leben in den Internierungslagern eine ständige Gefahr darstellt, wollen einige dieser Frauen nicht, dass ihre Kinder in einem Land der «Ungläubigen» aufwachsen.

Lieber in einem Lager verrotten und riskieren, dass die Kinder sterben, als in den Westen zurückkehren?
Für diejenigen, die am stärksten radikalisiert sind, ist es genau das: Zumindest bleiben sie da, wo ihre Überzeugungen geteilt werden.

Interview: Titus Plattner

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