Entlarvte Pillenfälscher

Pharmafirmen verstärken ihre Anstrengungen im Kampf gegen illegale Medikamente. Augenschein in einem neuen forensischen Labor im luzernischen Schachen

Seit 2013 werden jede Woche weltweit Produkte im Wert zwischen 30 und 80 Millionen Franken konfisziert. Foto: Getty Images

Seit 2013 werden jede Woche weltweit Produkte im Wert zwischen 30 und 80 Millionen Franken konfisziert. Foto: Getty Images

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Eine Labormitarbeiterin schiebt die Packung eines Osteoporose-Medikaments vorsichtig unter die Kamera des Digitalmikroskops, und auf dem Bildschirm erscheint ein 50-fach vergrössertes «M». Die Umrisse werden langsam schärfer. «Diese Fälschung ist ziemlich offensichtlich», sagt die junge Frau mit Kennerblick. Doch das bemerkt nur, wer auf Details achtet. Der Buchstaben stammt vom Logo des Herstellers MSD und müsste in der Mitte unten auch in der Vergrösserung spitz verlaufen. Beim gefälschten Medikament ist die Stelle jedoch breit.

Auf der Packung befindet sich ähnlich wie bei Banknoten auch ein quadratzentimetergrosses Hologramm mit Logo und Firmen­namen. Von Auge kaum wahrnehmbare Unterschiede zeigen sich hier ebenfalls in der Vergrösserung. So ist das nachgemachte Hologramm körniger als beim Original und das Logo nicht korrekt abgebildet. «Wir ändern die Sicherheitsmerkmale immer wieder», kommentiert Anthony Zook. Nur so könne man den Fälschern einen Schritt voraus sein.

«Zum Schutz unserer Patienten»

Zook, den hier alle Tony nennen, ist Executive Director Product Integrity beim Pharmaunternehmen Merck Sharp & Dohme (MSD). Mit seiner kräftigen Statur und dem Kurzhaarschnitt könnte der Amerikaner gut auch im Sicherheitsdienst arbeiten. Er habe bei MSD vor gut zehn Jahren das Thema Produktintegrität eingebracht, sagt er. «Zum Schutz unserer Patienten und weil unser Name auf den Medikamenten steht.»

Zook ist vom MSD-Hauptsitz in Kenilworth (New Jersey, USA) an den Standort in Schachen LU gekommen, um hier die Eröffnung des forensischen Labors zu begleiten. Es ist bei MSD eines von weltweit dreien – die anderen beiden befinden sich in Singapur und den USA – und soll im Mai voll in Betrieb genommen werden. Mit ihm will das Unternehmen den Kampf gegen gefälschte Arzneimittel und illegalen Handel verstärken. In Schachen sollen dabei vor allem verdächtige Proben aus Europa, dem Nahen Osten und Afrika untersucht werden.

Gefälschte Hepatitis-Präparate und Krebsmedikamente

Tatsächlich zeigen die Zahlen bei den pharmazeutischen Kriminalfällen nach oben. Richtig Schwung aufgenommen hat das Phänomen Ende der 1990er-Jahre mit Viagra. Seither ist die Anzahl Fälle stetig gestiegen. So waren es 2016 weltweit über 3100, 50 Prozent mehr als noch fünf Jahre davor. Gemäss einer im Fachblatt «Lancet Oncology» publizierten Studie hat sich die Zahl der beschlagnahmten Lieferungen in zehn Jahren verzwanzigfacht. Seit 2013 werden jede Woche weltweit Produkte im Wert zwischen 30 und 80 Millionen Franken konfisziert. Bei MSD gab es im vergangenen Jahr weltweit 884 Verdachtsfälle; im europäischen Raum betreffen die meisten Fälle derzeit Polen, wo eine grössere Untersuchung laufe.

Bei den betroffenen MSD-Medikamenten steht in Europa an erster Stelle ein Präparat, das bei Fruchtbarkeitsproblemen angewandt, jedoch im Bodybuilding missbräuchlich verwendet werde. Ein Fokus liegt auch auf injizierbaren Produkten, insbesondere auf Krebsmitteln, die zunehmend das Interesse von Fälschern wecken. Doch hat die Kriminalität oder nur deren Verfolgung durch die Behörden zugenommen? «Wir wissen es nicht», sagt Zook.

«Weltweit verstärken die Firmen ihre Aktivitäten gegen illegale Medikamente», sagt Ruth Mosimann, Leiterin Kontrolle illegale Arzneimittel bei Swissmedic und Mitautorin der «Lancet Oncology»-Studie. Es sei bemerkenswert, dass sich das internationale Unternehmen die Schweiz als Standort für das Labor ausgesucht habe. Ansonsten sei man hierzulande eher selten von grossen Fälschungsfällen betroffen. «Wir haben sichere Vertriebsketten, engmaschige Kontrollen und wenig Parallelimporte», sagt Mosimann. Trotzdem sind die Schweizer Behörden immer wieder gefordert. Vor zwei Jahren war eine Schweizer Handelsfirma bei Lieferungen von gefälschten Hepatitis-Präparaten aus Indien nach Israel beteiligt. Für Aufmerksamkeit sorgte eine Fälschung des Krebsmittels Avastin, das aber keinen Wirkstoff enthielt und von einem englischen Arzneimittelhändler vertrieben wurde. Einer der Zwischenhändler war eine Firma in der Schweiz.

Das Laborteam wird bei der Arbeit konstant gefilmt

Immer häufiger sind Fälschungen nur schwer zu entdecken. Dann reicht es nicht, das Logo genauer anzuschauen. In einem früheren Fall mit einem MSD-Medikament war die Verpackung einwandfrei originalgetreu, inklusive Verschlusskleber und Glasbehälter im Innern. Doch der Wirkstoff war gefälscht. «Der Hersteller aus Südostasien hatte die Originalverpackungen verwendet», sagt Zook.

Im neuen forensischen Labor in Schachen messen die Labormitarbeiterinnen deshalb beispielsweise auch das Profil von Tabletten exakt aus. So können sie feststellen, ob eingestempelte Symbole originalgetreu sind. In weiteren Schritten erstellt das Forensikteam eine Art Fingerabdruck des Präparats anhand einer Lichtspektrum-Analyse. Zusätzliche Untersuchungen trennen die Bestandteile des Medikaments auf (High Performance Liquid Chromatography, HPLC) und können die unbekannten Substanzen identifizieren (Massenspektrometrie).

Bisher liess MSD verdächtige Proben in eigenen, nicht spezialisierten Labors oder extern untersuchen. «Es sind einfach zu viele Proben geworden», sagt Christopher Hopkins, Leiter der drei forensischen Labors bei MSD. Ein wichtiger Aspekt dieser Labors: Die Ergebnisse müssen einwandfrei sein und von den Behörden vor Gericht verwendet werden können. Der Zugang zu den Räumlichkeiten ist deshalb streng geregelt, und das Laborteam wird bei seiner Arbeit konstant gefilmt. Und damit das Laborteam unabhängiger arbeiten kann, ist es in keine anderen Aufgaben innerhalb von MSD involviert. Hopkins: «Wir müssen die Untersuchungen völlig unvoreingenommen durchführen können.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 17:04 Uhr

Die illegalen Machenschaften einer Online-Apotheke

Es ist einer der spektakuläreren Fälle, der 2007 bekannt wurde: Im Zentrum stand die Onlineapotheke Rx North, die den nordamerikanischen Markt bediente. «Der Besitzer verdiente Hunderte von Millionen Dollars», sagt Anthony Zook, Executive Director Product Integrity bei MSD, und schildert den Fall. Bei einer Lieferung von Dubai auf die Bahamas stiess die Zollbehörde beim Zwischenhalt in Grossbritannien auf gefälschte Präparate. Am Zielort, in einem Lagerhaus in Freeport, fanden Beamte schliesslich 12 Tonnen illegale Medikamente, darunter 40 Produkte von MSD. Aber auch von Novartis, Astra-Zeneca, Pfizer und Procter & Gamble. Von Freeport aus hatte die Onlineapotheke Nordamerika beliefert. Um die Herkunft zu vertuschen, wurde die Ware via Grossbritannien zu den Patienten geschickt. «Die meisten der illegalen Medikamente enthielten weniger Wirkstoff als die Originale», sagt Zook. Die Ware auf den Bahamas wurde vernichtet. Der Besitzer der Onlineapotheke musste ins Gefängnis.

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