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Entscheiden Ärzte in der Schweiz bald über Leben und Tod?

Es gibt hierzulande unterschiedliche Richtlinien, wem zuerst geholfen werden soll. Und das Personal muss unter Zeitdruck urteilen.

«Es ist wie in einer Kriegssituation», sagt ein Arzt aus Italien. Personal und Patienten in einem Spital in Brescia. Foto: Reuters
«Es ist wie in einer Kriegssituation», sagt ein Arzt aus Italien. Personal und Patienten in einem Spital in Brescia. Foto: Reuters

«Ein Erdbeben, das einfach nicht mehr aufhört.» Mit diesen Worten beschreibt Roberto Cosentini, Chefarzt für Notfallmedizin am Papst-Johannes-XXIII-Spital in Bergamo, was er erlebt, seit Norditalien mehr als jede andere Region ausserhalb Chinas vom Corona­virus heimgesucht wird: einen Ansturm von Patienten, viele mit ­derart schweren Lungenentzündungen, dass sie auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Wenn es nicht schnell gelinge, die Verbreitung des Virus aufzuhalten, sagt Cosentini in einem Interview mit der Zeitung «La Repubblica», dann werde das Gesundheitssystem kollabieren.

Christian Salaroli arbeitet im selben Spital als Anästhesist. Auf die Frage, ob es zutreffe, dass die Ärzte in Bergamo darüber bestimmen müssten, welche Patienten an die Lungenmaschine angeschlossen würden und welche man sterben lasse, antwortet er: «Natürlich stimmt das. Es ist wie in einer Kriegssituation. Ihr macht euch keine Vorstellung, was in den Spitälern geschieht.»

Ärzte, die über Leben und Tod von Patienten entscheiden, weil sie mangels Lungenmaschinen nicht alle retten können – wäre ein solches Szenario auch in der Schweiz möglich, im Land mit einem der besten und teuersten Gesundheitssysteme der Welt?

Sind 30 Prozent infiziert, müssen 300’000 ins Spital

Reto Stocker, Facharzt für Intensiv­medizin und Anästhesiologie an der Klinik Hirslanden in Zürich, ist zuversichtlich, dass es in der Schweiz nicht so schlimm werde wie in Italien. «Die Spitäler sind vorbereitet. Sie werden alles daransetzen, sämtliche Patienten, bei denen es überlebensnotwendig ist, auf der Intensivstation zu behandeln», sagt Stocker. Die Schätzung, wonach jede fünfte infizierte Person ins Spital müsse, hält er eher für hochgegriffen.

Pessimistischer schätzt der Infektiologe Andreas Widmer die Lage ein. In einem Gespräch mit der NZZ sprach er von einem möglichen Tsunami, der auf das Gesundheitswesen zukomme – nämlich dann, wenn sich wie von Epidemiologen erwartet 30 Prozent der Bevölkerung oder mehr ansteckten und rund 300’000 Personen hospitalisiert werden müssten.

Stocker betont, auch nach einem Verkehrsunfall mit vielen Verletzten müssten manchmal die Ärzte bereits am Unfallort oder auf der Notfallstation entscheiden, wer wie schnell und wie intensiv behandelt werde. Ruth Baumann-Hölzle ist Theologin, Medizinethikerin und Institutsleiterin der unabhängigen Stiftung Dialog Ethik. Sie sagt: «Zugangsentscheide gehören zum medizinischen Alltag. Der Bedarf übersteigt immer wieder die vorhandenen Mittel.»

Was die Situation in Norditalien vom medizinischen Alltag unterscheidet, ist die grosse Zahl der Fälle. Und dass die Entscheidung, wer welche Behandlung erhält, binnen kürzester Zeit gefällt werden muss. Dazu hat in Italien eine Arbeitsgruppe Richtlinien ­herausgegeben. Auch in der Schweiz gibt es zwei Dokumente mit Richtlinien.

Wie viele Lebensjahre können gewonnen werden?

Das eine stammt von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), der medizinischen Standesorganisation in Basel. Das andere von der Nationalen Ethikkommission, einer vom Bundesrat eingesetzten Expertengruppe. Ihre Bestimmungen, an denen Baumann-Hölzle mitgearbeitet hat, sind Teil des Schweizerischen Epidemiegesetzes.

«Wenn es um das Leben und die Gesundheit geht, gilt jeder Mensch gleich viel», halten sowohl Ethikkommission als auch SAMW fest. Nationalität, Geschlecht, finanzielle Verhältnisse, Versicherungsschutz oder berufliche Stellung dürfen keine Rolle spielen. Lebensunwertes darf nicht von lebenswertem Leben unterschieden werden. «In einer Katastrophen­situation haben diejenigen Patienten die höchste Priorität, deren Prognose mit Intensivbehandlung gut, ohne diese aber ungünstig ist», schreibt die SAMW. Laut Stocker sind neben dem aktuellen Zustand auch bereits bestehende Erkrankungen sowie das Alter massgebend für die Beurteilung.

Baumann-Hölzle hält es für bemerkenswert, dass gemäss SAMW «die mittel- oder längerfristige ­Lebenserwartung» nicht entscheidend sei. Das heisst, das Alter sollte grundsätzlich keine Rolle spielen. Die Medizinethikerin ist der Ansicht, ein besseres Kriterium seien die dank der Intensivmedizin potenziell zu gewinnenden Lebensjahre – und die können bei einem gesunden Alten mehr sein als bei einem Jungen mit schwerer Vorerkrankung. «Es wäre gut, solche Widersprüche zu klären, das Verfahren besser zu konkretisieren und die Entscheide nicht einfach an die Behandlungsteams zu delegieren.»

Kriterien gegeneinander abzuwägen, bleibt aber letztlich den Intensivmedizinern überlassen. Es gibt in der Schweiz gut 80 Intensivstationen mit rund 1000 Betten. Dass auch bei uns Menschen sterben, die man unter normalen Umständen hätte retten können, ist angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich das Coronavirus ausbreitet, eine reale Möglichkeit. «Selbst erfahrene Chefärzte können daran zerbrechen», sagt der Italiener Salaroli.

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