Er geht der Sache auf den Grund

Abfalltaucher Matthias Ardizzon holt aus dem Wasser, was andere achtlos – oder völlig bewusst – versenkt haben.

«Die Leute sind bequem und vor allem gedankenlos»: Matthias Ardizzon am Vierwaldstättersee bei Alpnach.

«Die Leute sind bequem und vor allem gedankenlos»: Matthias Ardizzon am Vierwaldstättersee bei Alpnach. Bild: Fabian Biasio

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Liebevoll redet er von «Fischli», «Chräbsli» und «Müscheli». Matthias Ardizzon sagt, er könnte stundenlang zuschauen, wie der Egli jagt oder sich der Hecht in den Pflanzen versteckt. Einem Walhai, dem grössten Fisch der Welt, ist der erfahrene Taucher auch schon begegnet, aber er schwärmt von der winzigen, bloss einen Zentimeter kleinen, durchsichtigen Garnele, «sensationell»!

Die Unterwasserwelt ist seine grosse Passion, Ardizzon taucht im Fluss, im See, im Ozean – doch überall wird seine Freude von Abfall getrübt. Und weil er gegen «all den Dreck im Wasser» etwas unternehmen will, engagiert er sich in seiner Freizeit seit Jahren als Abfalltaucher.

Seit diesem Sommer ist Matthias Ardizzon Präsident der Schweizer Umwelt- und Abfalltaucher, kurz Suat. Der Verein – Motto: «Taucht ab und räumt auf» – wurde vor acht Jahren mit dem Ziel gegründet, alle grösseren Schweizer Seen und Ufer periodisch zu säubern. Über 300 Tonnen Abfall wurden bisher aus den Gewässern geholt: Velos, Kühlschränke, Kinderwagen, Autobatterien, Baustellen-Abschrankungen, Pneus, Motorräder sowie jede Menge PET-Flaschen und Alubüchsen.

Eine Zigi kann 300 Liter Wasser verseuchen

Warum landet das alles im Wasser? «Weil die korrekte Entsorgung kostet, weil die Leute bequem und vor allem gedankenlos sind», sagt der 45-jährige Luzerner. Besonders an Grossevents wie der Street Parade in Zürich oder dem Blue Balls Festival in Luzern würde jegliches Umweltbewusstsein ausgeschaltet – «da braucht man keinen Taucheranzug, um zu sehen, was alles ins Seebecken geschmissen wird». Die Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren, so seine Beobachtung, sei besonders sorglos im Umgang mit der Natur.

Ardizzon zündet sich eine Marlboro an, «ja, wir Taucher rauchen», bestätigt er das Klischee. Aber nie im Leben würde er einen Zigarettenstummel in den See werfen, nie! Immer habe er ein Döschen dabei. Und er spreche jeden an, der genau das tue. «Wissen Sie, dass ein einziger Zigistummel 300 Liter Wasser verseuchen kann?»

Er zum Beispiel kaufe Glas statt PET, sagt der Abfallprofi.

Auch im Beruf beschäftigt sich Ardizzon mit Abfall. Er arbeitet als Transportfachmann bei der Römer AG, dem Entsorgungszentrum für Metall- und Papierabfälle, in Wohlen AG. Als «unser Charmeur auf dem 5-Achser-Hakengerät» wird er auf der Website des Betriebes vorgestellt. Tatsächlich ist es ihm wichtig, positiv auf seine Mitmenschen zuzugehen.

Er suche das Gespräch, möchte sensibilisieren und dazu ermuntern, so weit wie möglich auf Plastik zu verzichten. Es dauert 20 Jahre, bis eine Plastiktüte abgebaut ist, 450 Jahre, bis die PET-Flasche zerfällt. Opfer sind die Fische und die anderen Wasserbewohner, welche das Plastik fressen oder sich darin verheddern. Es beginne bereits beim Einkaufen, holt der Abfallprofi aus: Er zum Beispiel kaufe Glas statt PET, lasse die Haferflocken in einen mitgebrachten Behälter füllen, packe alles in einen Stoffsack.

Eheringe landen oft im See – auch mit Absicht

Gemeinden oder Privatpersonen können sich bei Suat melden, wenn sie Hilfe bei der Säuberung ihrer Seebucht brauchen. Am kommenden Samstag führt der Verein bei Vitznau LU einen weiteren «Clean-up» im Vierwaldstättersee durch – Ardizzon rechnet mit ein, zwei Tonnen Müll. Und einmal mehr weist er darauf hin, dass dies keine «one-man-show» sei. Als Präsident spreche er hier im Namen aller 70 Mitglieder. 10 bis 15 Taucher werden im Einsatz stehen, Helfer könne man immer brauchen, aber auch Zuschauer seien willkommen: «Je mehr Leute auf die Verschmutzung unserer Gewässer aufmerksam werden, desto besser.»

Im Vierwaldstättersee, seinem «Haussee», machte er auch seinen bisher aussergewöhnlichsten Fund: eine antike Tonflasche der königlich preussischen Mineralabfüllerei aus dem Jahr 1845. Auch «jenste» Mobiltelefone, Portemonnaies, Kreditkarten oder Schmuck habe er aus dem Wasser geholt – und der Polizei oder dem Fundbüro übergeben. Erst kürzlich sorgte ein Ehering für Schlagzeilen, den ein Polizeitaucher im Zürichsee gefunden hatte – noch wurde das Schmuckstück nicht abgeholt. Den Reaktionen nach zu schliessen, landen Trauringe nicht selten in den Tiefen der Gewässer – nicht immer ungewollt. Auch Ardizzon hat schon einen Ehering aus der Reuss geborgen: Damals habe sich ebenfalls niemand auf seinen Aufruf gemeldet.

Alles gesehen – ausser einer Meerjungfrau

Etwa 300 Tauchgänge hat der Umweltschützer notiert. Unter Wasser könne er abschalten, runterfahren, sportliche Ambitionen liegen ihm fern, er sei ein absoluter Geniesser, schwimme mit und nicht gegen den Strom. Egal wo auf der Welt, immer hat Ardizzon ein «Netzli», ein Kartoffelnetz, dabei, das er mit Abfall füllt. Kürzlich war er mit Lebenspartnerin Barbara, auch sie passionierte Taucherin, in den Ferien auf Bali. Er konnte es nicht lassen: «Innert einer Viertelstunde hatten wir einen ganzen Sack voll Plastikmüll.»

An seiner Halskette baumelt ein silberner Manta. Sein allerliebster Meeresbewohner ist jedoch der Mantis Shrimp, «hochintelligent, bunt in allen Neonfarben, mit lustigen, kugeligen Stielaugen», beschreibt er den Krebs. Gibts auch etwas, das der Taucher noch nicht gesehen hat? «Eine Meerjungfrau», sagt Ardizzon lachend, auf die warte er noch immer.

Infos: www.suat.ch

Erstellt: 25.08.2018, 19:56 Uhr

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