Ihm frisst Koala Milo aus der Hand

Philipp Lederle kümmert sich um die Koalas, die im Zoo Zürich für neue Besucherrekorde sorgen. Er selber würde nur für Schlangen Schlange stehen.

«Keine Duftbeutel, aber sie stinken auch nicht»: Philipp Lederle, 37, mit einem der beiden Koalas. Foto: Tom Egli

«Keine Duftbeutel, aber sie stinken auch nicht»: Philipp Lederle, 37, mit einem der beiden Koalas. Foto: Tom Egli

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Niemand wird derzeit so beneidet wie Philipp Lederle. Der Tierpfleger darf, was Gross und Klein gern tun würden: die beiden Koalas Milo und Mikey anfassen, an sich drücken und knuddeln. Die Fellknäuel mit der grossen Nase und den lustigen Ohren haben am Osterwochenende für einen Besucheransturm im Zoo Zürich gesorgt. Allein am Montag strömten über 13'000 Kinder und Erwachsene in den Tierpark, so viele wie noch nie. Milo und Mikey, beide zwei Jahre alt, sind die Lieblinge der neu eröffneten Australienanlage. Ihre plüschigen Kollegen im Zooshop waren gar ausverkauft.

Auch an diesem Nachmittag zieht es alle zu den Koalas. Lederle betritt das Innengehege mit frischen Eukalyptuszweigen, Milo frisst ihm aus der Hand. «Jöööhh, so herzig», rufen die Kinder. «Ich dachte, die seien grösser», sagt ein Bub. Oder, auf den Koala-Papa zeigend: «Lueg Mami, de Maa hät langi Haar!» Der 37-Jährige, das Haar zum Rossschwanz gebunden, Lederbändchen ums Handgelenk, einen Ring im Nasenflügel, weiss, dass alle hinter der Glasscheibe mit ihm tauschen möchten: «Milo und Mikey sind ja auch herzig», sagt der Fachspezialist Australien.

Aber, korrigiert Lederle, «knuddeln darf ich sie nicht». Er spricht von einem «gewissen Handling», damit sich die Koalas an die Pfleger gewöhnen. In australischen Tierparks ist es zwar üblich, dass die Beuteltiere zu bestimmten Zeiten von den Besuchern gehalten werden dürfen. Milo und Mikey jedoch sollen keine Knuddelbären, keine Streicheltiere sein. Der Zoo Zürich will auch sie als Wildtiere mit ihrem natürlichen Verhalten zeigen. Als Botschafter für ihre Artgenossen in der Wildnis.

«Ich bin das Grau-Blaue, das das Futter bringt. Mehr nicht»

Zweimal wöchentlich werden die «Buebe» oder «Jungs», wie sie Lederle nennt, medizinisch durchgecheckt: «Augen, Ohren, Krallen, Fell, Füdli und Bauch werden abgetastet», und sie werden gewogen, «sie kratzen gerade an der 6-Kilo-Grenze». Nur fünf Zoo­angestellte hätten das Privileg, den beiden kleinen Australiern so nahe zu kommen. Aber Illusionen macht sich Lederle keine: «Ich bin das Grau-Blaue, das ihnen das Futter bringt. Mehr nicht.»

Sind sie auf dem Baum, und das sind Koalas praktisch immer, werden sie nicht angefasst. Wenn sich mal einer am Boden bewege, dann nütze er schon die Gunst der Stunde und hebe ihn kurz hoch, gesteht Lederle. Und, wie fühlen sie sich an? Er überlegt, «wohl am ehesten wie ein geschorenes Schaf. Nicht ganz so fein wie ein Chinchilla, aber doch flauschig-weich.» Mögen es Koalas, wenn sie gestreichelt werden? Er hoffe schon, sie seien zumindest total relaxt. Trotzdem würden sie sein Streicheln wohl eher erdulden als geniessen.

Video – So sieht das neue Australien-Gehege im Zoo Zürich aus

Einzigartig: Der Zoo Zürich ist schweizweit der erste Zoo, der Koalas hält. (Video: Lea Blum, Tina Fassbind)

Koalas wüssten sich sehr wohl zu wehren. Mit Beissen, vor allem aber mit Kratzen. «Ihre Krallen sind ihre Waffen», messerscharfe Klauen, die sie zum Klettern brauchen. Selbst wenn sie ihn nur sanft am Hals berührten, trage er einen roten Striemen davon. «Man muss schon vorsichtig sein» – spätestens dann, wenn sie mit den Ohren flattern oder den Kopf schütteln.

«Aber Koala ist nicht gleich Koala», sagt ihr Pfleger, «manche mögen es mehr, manche weniger, wenn sie berührt werden.» Milo zum Beispiel sei der Anhänglichere der beiden, «er ist gesetzter, ruhiger». Mikey ist der Aufgeweckte, vor allem, wenns ums Fressen geht. Hat er Hunger, wird er ungeduldig, wechselt von Baum zu Baum. Optisch hingegen kann sie selbst Lederle nur aus der Nähe unterscheiden: Milo hat weisse Nasenlöcher, jene von Mikey sind schwarz gefleckt.

«Ich vermute, die Jungs wären ziemlich lernresistent»

Und wie riechen Koalas, die sich einzig von frischem Eukalyptus ernähren? «Sie sind keine Duftbeutel, sagt Lederle, «aber sie stinken auch nicht.» Wichtiger aber sei, wie er für die Tiere rieche. Denn Koalas haben eine besonders empfindliche Nase. Deshalb verzichte er morgens bewusst aufs Eau de Toi­lette. Sein Fazit: «Die Koalas gehen nicht auf Distanz – und die Freundin ebenfalls nicht.»

Milo und Mikey sind im Australian Reptile Park bei Sydney aufgewachsen, wurden von Englisch sprechenden Menschen gepflegt. «Egal, ob Englisch oder Schweizerdeutsch, Hauptsache, man redet viel und ruhig mit ihnen.» Das gelte auch für die Schildkröte oder den Tiger. Ob Koalas intelligent sind? «Keine Ahnung», sagt Lederle. Sie würden hier ja nicht trainiert, Milo und Mikey müssen gar nichts lernen. «Ich vermute aber, die Jungs wären ziemlich lernresistent.» Und faul sind sie definitiv, sie schlafen bis zu 20 Stunden am Tag. Ob sie schlau sind, wird sich zeigen: Sobald es draussen 20 Grad warm wird, dürfen sie selbstständig in die Aussenanlage wechseln. Er sei gespannt, ob sie wieder ins Innere kommen würden , «wenns draussen zu schiffen beginnt».

Früher hatte sich Lederle im Zoo Zürich um die Riesenschildkröten und Paviane, «die coolsten Affen überhaupt», gekümmert. Seine absolute Leidenschaft jedoch gilt den Reptilien. Zu Hause hält er Schlangen, viele Schlangen. Seine Freundin, Tierärztin von Beruf, habe kein Problem damit – «die Schlangen waren vor ihr da». Lederle sagt: «Wenn ich ganz, ganz ehrlich bin», mache ihn der Riesenwaran im Australien-Revier noch stolzer als die Koalas. «So herzig wie Milo und Mikey ist er aber definitiv nicht.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.04.2018, 23:31 Uhr

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