Vom Gamer zum Influencer-Unternehmer

Daniel Koss vermittelt mit seiner Agentur Stars wie Xherdan Shaqiri und Gabirano für Social-Media-Kampagnen. Wie er sich in kurzer Zeit einen Namen gemacht hat.

«Wir wissen, wovon wir reden»: Daniel Koss in seinem Büro in Urdorf. Foto: Michele Limina

«Wir wissen, wovon wir reden»: Daniel Koss in seinem Büro in Urdorf. Foto: Michele Limina

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Gabirano, Embolo, Anna-Maria – Wer mit diesen und anderen Grössen der Schweizer Social-Media-Szene zusammenarbeiten will, kommt an einem jungen Mann nicht vorbei: Daniel Koss, Gründer und Chef der Influencer-Marketing-Firma Yxterix. Koss ist nicht der Einzige, der mit Künstlern auf Social Media Geld macht. Aber mit 23 Jahren der Jüngste. Und der Einzige, der zusätzlich auf eine Karriere als Profi-Gamer zurückblicken kann.

«Im Gegensatz zu den meisten selbst ernannten Social-Media-Experten, die nur ihren US-Vorbildern nachlabern, wissen wir genau, wovon wir reden», sagt Koss und setzt seine dunkle Prada-Brille auf, die er fürs Fotoshooting abgelegt hatte. Er denkt fix, redet schnell, zeitweise ohne Punkt und Komma. Wir sind im Industriequartier in Urdorf ZH, wo Yxterix günstige Büroräume gefunden hat.

Tatsächlich hat sich der junge Unternehmer im hiesigen Markt in relativ kurzer Zeit einen Namen gemacht. Zum einen kreiert er mit seinem fünfköpfigen Team und Freelancern für Werbekunden sogenannte Influencer-Kampagnen – derzeit der Hype in der Werbewelt. Firmen, die Junge ansprechen wollen, gehen auf Social-Media-Plattformen – Youtube, Instagram oder TikTok – und lassen dort Leute Dinge tun und sagen, die bei der Zielgruppe angesagt sind. Koss: «Ziel ist es, Werbung zu liefern, die besser ist als Unterhaltung.»

Mit 15 Jahren hatte er es zu einem ­bekannten Youtuber gebracht

Der Markt hat Potenzial. Bis im kommenden Jahr sollen gemäss Influencer-Agentur Mediakix weltweit fast 2,5 Milliarden US-Dollar mit den jungen Social-Media-Promis umgesetzt werden. 30 bis 40 Millionen sollen es laut Branchenschätzungen heuer in der Schweiz sein, bei jährlichen Zuwachsraten von 20 Prozent.

Mitmischen tun hier viele. Aber nur Yxterix kann dabei auf ein eigenes Künstler-Netzwerk zurückgreifen. Es ist Daniel Koss gelungen, ein Portfolio mit «zwischen 20 und 80» der einflussreichsten Künstlerinnen und Sportler zusammenzustellen, die Yxterix exklusiv managt oder vermarktet. Darunter Top-Shots wie Zeki, die Pinke Raffa mit ihrem Plastic Life, Fussballer Shaqiri oder Youtube-Shootingstar Noeliavid. Diese Synthese von Künstler- und Marketing-Agentur schliesslich ist es, die Yxterix in der Schweizer Influencer-Branche einzigartig macht. Und dass alle im Team – Stella, Céline und Francesca – überall mit anpackten, mit der Vision, kreativen Menschen zu helfen, ihre Passion zu leben.

Alles begann schon vor langer Zeit mit den Panini-Bildern, die Klein-Daniel im aargauischen Widen leidenschaftlich sammelte – und auf dem Pausenplatz verdealte: «Ich schaute, wer welche Karten brauchte, trieb sie auf und liess mich dafür mit Karten bezahlen, später mit Geld», erzählt er. So kam der Primarschüler im Monat auf ein Sackgeld von «ein paar Hundert Franken».

Damit er auf die für Werbegelder nötigen Zuschauer kam, spamte er populäre Videos mit dem Link zu seinen Videos zu.

Doch Daniel wollte mehr, wollte wie sein Vater, der jeden Morgen um 5 Uhr in Anzug und Krawatte das Haus verliess, mega wichtige Geschäfte machen. Inzwischen zockte Daniel nicht mehr mit Karten, sondern am Computer, baute Städte, stundenlang. Und er war gut, «immer unter den Top Ten im deutschen Sprachraum». Warum nicht die Leidenschaft in Geld ummünzen? Daniel begann, Accounts «hochzuranken»: einen guten Spielstand zu erspielen und ihn dann an andere Gamer zu verkaufen. Solche Deals führten den 11-Jährigen schon mal nach Stuttgart, um einem Kunden auf einem Zettel das Passwort zu überreichen.

Dann kam Youtube. Der Primarschüler machte sich schlau, wie Videos Geld bringen. Er evaluierte den Markt, lernte das Spiel «Minecraft», baute damit virtuelle Achterbahnen und lud Filme davon hoch. Damit er auf die für Werbegelder nötigen Zuschauer kam, spamte er populäre Videos mit dem Link zu seinen Videos zu. Das zog. Schon bald zählte er über 400'000 Abonnenten.

Mit 15 Jahren schliesslich hatte er es zu einem bekannten Youtuber gebracht, dem andere Gamer beim Gamen zuschauten. Und verdiente nach Abzug der 45 Prozent, die Youtube einsackte, über 5000 Franken im Monat. Fünf deutsche Management-Netzwerke nahmen den Influencer unter Vertrag und zogen von den Einkünften nochmals 20 bis 60 Prozent ab: Aber ihr Service war mies: «Ich musste alles selber machen.» Logisch, blieb da für die Schule keine Zeit. Er schmiss das Gymi. Der Vater drehte den Geldhahn zu – worauf der Sohn eine Firma gründete, «Social-Media-Consulting», dachte er, da kenne er sich aus.

Mobiliar-Versicherung, Coca Cola oder die Postfinance

Aber alles lief schief, der Teenager wurde nicht ernst genommen, Beziehungen fehlten, er stellte Freunde ein, die Ersparnisse schmolzen dahin, er musste Leute entlassen. Bis er im April 2018 nochmals ansetzte und die heutige Form des Künstler-Marketing-Netzwerks gefunden hatte. Das scheint zu funktionieren.

Zu den Kunden zählen die Mobiliar-Versicherung, Coca Cola oder die Postfinance. Den «siebenstelligen» Jahresumsatz macht Yxterix mit den Werbekampagnen und zusätzlichen Provisionen pro Künstler und pro Buchung. Der Provisionsanteil liegt zwischen 10 und 30 Prozent, je internationaler ein Künstler, desto kleiner der Prozentsatz. Seine Firma wäre heute schon profitabel, sagt Koss, wenn er die Gewinne nicht sofort re-investieren würde. Inzwischen verfügt er auch über eine geheime Geldsumme von drei Investoren.

Dass Studien bereits das Ende des Influencer-Markts voraussagen, kümmert Koss wenig: «Wir sind eine Aufmerksamkeits-Agentur.» Yxterix sei dort, wo sich das Publikum aufhalte, egal, ob das auf Instagram, Pinterest oder einer künftigen Plattform sei. Ende Jahr werde Yxterix auf zehn Mitarbeiter angewachsen sein. Zudem will er noch 2019 das Geschäft nach Deutschland ausweiten. Langfristig sieht er Yxterix als weltweite Talentvermarkterin, mit Offices in Zürich, Berlin und Los Angeles. Und wo ist er in zehn Jahren? «Ich will den grössten Start-up-Inkubator Europas aufbauen.» Dann folgt ein Einschub über Europa als Innovationszerstörerin. Ohne Punkt und Komma.



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Erstellt: 02.09.2019, 11:31 Uhr

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