Er will seine Familie rächen

Der französische Autor Edouard Louis gibt den «gilets jaunes» eine Stimme. Nun erscheint sein neuer Roman auf Deutsch.

Sein Verständnis für die Gelbwesten gründet auf eigener Erfahrung: Edouard Louis. Foto: «The Washington Post»/Getty Images

Sein Verständnis für die Gelbwesten gründet auf eigener Erfahrung: Edouard Louis. Foto: «The Washington Post»/Getty Images

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Menschenmassen, die sich jedes Wochenende trotz klirrender Kälte auf den Boulevards von Paris zu Protesten formieren. Autos, die wie Schildkröten auf ihre Dächer gekehrt und abgefackelt werden: Seit zwei Monaten werden die Samstage in Frankreich von den «gilets jaunes» dominiert. Man selbst glaubt die Wut der Gelb­westen zu verstehen – dank dem gerade mal 26-jährigen Franzosen Edouard Louis und seinen radikal-biografischen Büchern, von denen kommende Woche ein neues auf Deutsch erscheint.

«Wer hat meinen Vater umgebracht», heisst es und versetzt uns in Louis’ Kindheit im Norden Frankreichs, wo das Leben bestimmt ist von Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt. So zumindest, wenn man Louis’ Büchern glaubt, in denen der ewig betrunkene Vater sich mit seinen Kumpels prügelt, der ältere Bruder auf die schiefe Bahn gerät und die Cousins den Autor vergewaltigen. Eine Gewaltspirale, die bereits in Louis’ Debüt «Das Ende von Eddy» beschrieben wird, das zu einem internationalen Bestseller wurde.

Als Louis das Manuskript seines Erstlings einem renommierten Verleger anbot, lehnte dieser mit der Begründung ab, ein solches Elend, wie es der Roman beschreibe, existiere nicht, niemand würde ihm glauben. Er sollte sich irren: 300'000 Exemplare von Louis’ Debüt wurden allein in Frankreich verkauft; heute ist das Buch in mehr als dreissig Sprachen übersetzt.

Auch Louis jüngstes Buch wirkt ­geradezu visionär, obwohl es auf Französisch bereits im Mai 2018 erschien, also ziemlich genau ein halbes Jahr bevor die Gelbwesten sich erstmals formierten. Etwa in jener Passage, in der geschildert wird, wie Louis’ Vater von einer Sozialhilferevision dazu gezwungen wird, wieder einen Job anzunehmen – obwohl seine Gesundheit ruiniert ist, seit ihm bei der Arbeit in einer Fabrik ein Container auf den Rücken knallte.

Die Familie des Starautors lebte von 700 Euro im Monat

Gefunden wurde eine Teilzeit­stelle vierzig Kilometer von Louis’ ­Heimatgemeinde in der Picardie. «Allein die Benzinkosten für die tägliche Fahrt hin und zurück hätten dreihundert Euro pro Monat betragen», heisst es in seinem ­Roman. Was in dieser Situation die Erhöhung des Dieselpreises bedeutet, die am Anfang der Gelb­westen-Bewegung steht, wird klar, wenn Louis erzählt, dass seine ­Familie – fünf Kinder und zwei ­Erwachsene – zeitweilig von 700 Euro im Monat lebte.

Insofern war es nicht überraschend, dass Edouard Louis schon bald bei den Protesten der «gilets jaunes» in Paris mitmarschierte – und sich in einem Essay zu Wort meldete: «Wer die Gelbwesten ­beleidigt, beleidigt meinen Vater», hiess es da. In seinem Essay macht er sich auch stark gegen die «soziale Verachtung», die den «gilets jaunes» entgegenschwappte, als es in ersten Analysen hiess, die Demonstranten seien nur reaktionäre Krawallmacher. «Gewalt ist, wenn Autos brennen. Wenn ein Politiker das Leben Tausender Menschen zerstört und verelendet, gilt das nicht als Gewalt», schreibt Louis. «Wer das Beschmieren von Denkmälern für etwas Schlimmeres hält als die Unmöglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren, in Gesundheit zu leben oder einfach nur zu überleben, der muss wirklich überhaupt keine Ahnung davon haben, was soziales Elend ist.»

Edouard Louis marschiert mit den Gelbwesten. Foto: Instagram

Selbstverständlich ist diese schützende Haltung gegenüber der eigenen Herkunft nicht, wird in Louis’ Debütroman doch gerade der Vater als äusserst gewaltbereit beschrieben: Zu Hause seien die Wände mit Dellen gesäumt gewesen, weil der Vater wiederholt seine Faust gegen die Gipsmauern schlug. «Meine Mutter hängte Zeichnungen darüber, die mein kleiner Bruder und meine kleine Schwester ihr aus dem Kindergarten mitbrachten.» In einer anderen Szene packt sein Vater neugeborene Kätzchen in den Plastiksack eines Supermarktes und schlägt die Tüte so lange gegen eine Betonkante, «bis sie ganz blutig war und Ruhe herrschte».

Seine Bücher sind keine Elendspornos

Gewaltdarstellungen wie diese sind bei Louis kein Selbstzweck. Er will vielmehr mit aller Drastik zeigen, dass es die Verhältnisse sind, die Menschen wie seinen Vater scheitern lassen, sie letztlich umbringen: «Du bist gerade mal über fünfzig», heisst es in Louis’ Vater-Buch. «Du gehörst zu jener Kategorie von Menschen, für die die Politik einen verfrühten Tod vorgesehen hat.» Was Louis hier umreisst, ist eine Philosophie des Determinismus: Ihr zufolge ist es die Gesellschaft, die uns Hürden und Grenzen setzt, die unser Leben und unseren Charakter bestimmen. Insofern nützt es auch nichts, wenn man die Schuld für seine Armut bei sich selbst sucht, sich jedweder Situation anpasst. Man brauche «nur» die Welt zu verändern, um die Menschen zu bessern, heisst es in Louis’ zweitem Roman «Im Herzen der Gewalt», der Anfang 2017 erschien.

Das klingt naiv, wird selbst in Louis’ Roman als «zu gross tönende Worte» abgetan. Und doch ist es ihm damit sehr ernst, wenn er «Im Herzen der Gewalt» die schlimmste Erfahrung seines Lebens beschreibt: Wie er am Weihnachtstag vor sieben Jahren einen Algerier namens Reda zu sich nach Hause nahm, wo ihn dieser mit einer Waffe bedrohte, ihn mit einem Schal fast strangulierte und vergewaltigte. Aber statt den Täter zu verdammen oder sich in Fremdenhass zu flüchten, sucht Louis die Ursachen für die erlittene Gewalt in den sozialen Strukturen, im Fremdenhass und der Ohnmacht, die Reda zu dem machten, was er war. Bei seinem soziologischen Erklärungsversuch ging Louis so weit, dass ihn seine Freunde in langen Gesprächen überzeugen mussten, seinen Vergewaltiger bei der Polizei anzuzeigen.

«Alles verstehen heisst alles verzeihen», besagt ein berühmtes Sprichwort. Entschuldigung für Gewalt und Hass sind Louis’ Bücher nicht. Der Autor ist aber der Ansicht, dass Gewalt nur sinnvoll bekämpft werden kann, indem man darüber spricht, darüber schreibt. Und zwar ohne jegliche Schonung. «Meine Mutter und mein Vater sind Rassisten», hat Louis in einem Interview gesagt; seine Eltern seien frauenfeindlich und würden Schwule hassen, zu denen auch der Autor gehört. Und doch ist Louis auf der Seite seiner Eltern, auch seines Vaters, den er in seinem jüngsten Buch als liebenswerten Menschen porträtiert.

Er möchte die Namen seiner Eltern «in die Geschichte einschreiben», schreibt Louis – als «Rache» für eine verfehlte Politik. Verbunden ist damit die Hoffnung, dass Menschen wie seine Eltern von ihrem Hass auf Fremde und Schwule Abstand nehmen, wenn man ihnen aufzeigt, «dass nicht andere Randgruppen ihre Gegner sind, sondern die Finanzwelt, die soziale ­Ungerechtigkeit». Wenn man den Abgehängten eine Stimme gibt – wie er es in seinen Büchern tut. «Was aus ihnen werden wird, kann zur Stunde niemand ­sagen», heisst es in Louis’ Gelbwesten-Essay. «Eine einheitliche Sprache hat diese Bewegung noch nicht gefunden.» Es liege in der Verantwortung der Intellektuellen wie ihm, «diese Sprache zu formen». Mit seinen Romanen ist dies Edouard Louis bereits gelungen.

Edouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht, S. Fischer, 80 Seiten, ca. 23 Franken. Der Autor liest am 7. Februar im Kaufleuten in Zürich

Erstellt: 19.01.2019, 16:36 Uhr

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