«Der Boden war voll mit Kot» – das dreckige Geschäft der Hundequäler

Kriminelle Anbieter inserieren vernachlässigte und kranke Tiere unter falschen Angaben in der Schweiz – trotz neuem Gesetz.

Die Tiere leiden unter dem internationalen Handel. Foto: Getty Images

Die Tiere leiden unter dem internationalen Handel. Foto: Getty Images

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Vier Tage lang war Rocco ­allein eingesperrt in der Dachwohnung. Als die Polizei den Mischling befreite, rapportierte sie eine gefühlte Temperatur zwischen 35 und 40 Grad. «Der Boden war voll mit Kot und Urin, und es hatte keine Schüsseln mit Wasser und Futter», steht im Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt.

Diese verurteilte die Halterin unter anderem wegen Tierquälerei. Wiederholt hatte sie vernachlässigte und kranke Hunde ohne Impfungen, Bewilligung oder ­Mikrochip aus dem Ausland ­importiert, um sie auf Schweizer Onlineportalen unter falschen ­Angaben teuer zu verkaufen.

Kriminelle verkaufen die Tiere unter falschen Angaben in der Schweiz. Foto: Screenshot

Im Kanton Zürich bestraften die Behörden letzten Dezember eine Frau, die drei bulgarische Hunde illegal eingeführt und im Internet angepriesen hatte. Die vermeintlich gesunde Lilly war nach kurzer Zeit derart krank, dass Ärzte Würmer in ihrem Herzen fanden. In einem anderen Fall aus Zürich, ebenfalls über ein Onlineportal abgewickelt, verstarb der Welpe trotz Behandlung schon zwei Tage nach seiner Ankunft.

Der Bund wollte dieses Leiden stoppen. Sei gut einem Jahr ­gelten für Onlineportale strenge Regeln. Anbieter müssen ihren Namen, die Adresse sowie das Herkunfts- und Zuchtland des Hundes deklarieren. Für die Vollständigkeit haben laut Verordnung die Betreiber der Seiten zu sorgen. Doch das tun sie oft nicht. Der Schweizer Tierschutz hat fast 300 Angebote ­kontrolliert. «Die Resultate dieser Recherche fallen ernüchternd aus», heisst es im Bericht. «86 Prozent der überprüften Inserate erfüllen die Vorgaben nicht und verstossen somit gegen das Gesetz.»

Betreiber reichen Anzeige im «Cyberkrieg» ein

Dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen ist die Problematik bekannt. «Bei Inkrafttreten der Vorschrift haben wir als Massnahme 16 Inserateplattformen per Brief informiert», sagt Mediensprecherin Eva van Beek. Ein Teil davon halte sich aber immer noch nicht an die Regeln. «Diejenigen Plattformen gehen wir nun erneut an.» Möglich seien hohe Bussen. «Aber diese Aufgabe fällt den Kantonen zu», sagt Van Beek.

Einzelne von ihnen reagieren. So hat die Zuger Polizei die Verantwortlichen der Website Neueste.ch vorgeladen, auf der auch der Schweizer Tierschutz viele inkorrekte Inserate gefunden hatte. «Das Problem ist uns selbstverständlich bekannt», sagt Geschäftsführer Gianclaudio Moresi. Man habe extra Filter installiert. «Aber auch die können nicht alle falschen Inserate erkennen.» Moresi spricht von einem regelrechten Cyberkrieg. Hinter den Angeboten stünden professionelle Betrüger. «Diese laden automatisiert Millionen von Angeboten hoch. Es ist unmöglich, jedes davon rechtzeitig zu erkennen.»

Das Portal hat nun selbst Strafanzeige gegen unbekannt ein­gereicht. Drei weitere Anbieter ­haben sich stattdessen entschlossen, ganz auf den Geschäftszweig mit Hunden zu verzichten. «Sämtliche diesbezüglichen Kategorien ­wurden gelöscht», heisst es zum Beispiel bei Findino. «Uns ist das Tierwohl wichtiger als krumme Geschäfte mit Tieren.»

Behörden schläfern zwei Dutzend Katzen ein

Solches Engagement hilft Hunden. Katzen und andere Haustiere hingegen sind in der neuen Vorschrift des Bundes gar nicht erst berücksichtigt. Obwohl auch sie leiden, wie zwei Strafbefehle aus dem letzten Jahr zeigen, welche der SonntagsZeitung vorliegen. So stiess die Zürcher Stadtpolizei in einer Wohnung auf elf tote Katzenwelpen, welche der überforderte Besitzer in einem Gefrierschrank aufbewahrt hatte. Beamte im Aargau fanden bei einem anderen Beschuldigten mindestens 56 Katzen. Er habe diese zu wenig gefüttert und gepflegt, steht im Urteil der Staatsanwaltschaft. «Infolge seines Verhaltens waren viele der Katzen abgemagert, verwurmt und dehydriert. Sein Verhalten hatte schliesslich zur Folge, dass 23 Katzen aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes eingeschläfert werden mussten.»

Öffentlich bekannt wurde zudem vor zwei Monaten ein schwerer Fall aus dem Kanton Thurgau. Damals teilte das Veterinäramt mit, man habe bei der Kontrolle einer privaten Tierhaltung insgesamt 24 tote Katzen gefunden. Zehn weitere hätten wegen ihres schlechten Zustands eingeschläfert werden müssen.

Laut den Papieren waren die meisten Büsi ursprünglich aus Spanien und Weissrussland. Daher ermahnte das Thurgauer Amt in seiner Mitteilung auch, keine ausländischen Tiere in die Schweiz zu holen. Diese Importe führten immer wieder zu Problemen. Auch wenn es die Käufer noch so gut gemeint hätten.

«Tatsächlich appellieren viele Inserate an das Mitleid der Käufer», sagt Helen Sandmeier, Mediensprecherin des Schweizer Tierschutzes. Es werde vorgegaukelt, dass sie Hunde oder Katzen retten können. «Doch stattdessen sind viele so krank, dass sie den Transport gar nicht überleben oder kurz danach eingeschläfert werden müssen.» Zudem sende jeder einzelne dieser Käufe ein falsches Signal. «Solange eine solche Nachfrage ­besteht, werden Tiere unter schlechten Bedingungen gezüchtet und durch Europa in die Schweiz gekarrt.»



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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.06.2019, 16:26 Uhr

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