Eritreer leiden an «doppeltem Heimatverlust»

Die Situation unter den afrikanischen Zuwanderern sei explosiv, sagt der eritreische Honorarkonsul Toni Locher.

«Eritreer kommen in ihrer neuen Heimat nicht richtig an», sagt Honorarkonsul Toni Locher. (Foto: Keystone)

«Eritreer kommen in ihrer neuen Heimat nicht richtig an», sagt Honorarkonsul Toni Locher. (Foto: Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach dem Vorfall in Frankfurt brauche es vom Bund verstärkte Anstrengungen, Eritreer in ihre Heimat zurückzuführen, sagt der eritreische Honorarkonsul Toni Locher. In Frankfurt hatte Anfang Woche ein in der Schweiz ansässiger Eritreer eine Frau und ihr Kind vor einen fahrenden Zug gestossen, das Kind kam ums Leben. Der Eritreer war zuvor wegen paranoider Störung in Behandlung. Locher: «Der Bund muss rasch eine freiwillige Rückkehr nach Eritrea organisieren, damit sich Frankfurt hier nicht wiederholt.» Locher denkt dabei an finanzielle Rückkehrhilfen zum Beispiel in Form von Krediten in der Höhe von mehreren Tausend Franken. Eritrea weigert sich nach wie vor, zwangsweise ausgeschaffte Eritreer zu übernehmen.

Vor allem jene abgewiesenen Eritreer, die ohne Perspektive in der Nothilfe leben, sollten laut Locher zur Rückkehr bewogen werden. «Ich halte die Situation für hochexplosiv», sagt Locher.

Der Täter von Frankfurt war indes gut integriert und seit langem in der Schweiz ansässig. Aber Locher glaubt, dass die Situation in der eritreischen Gemeinschaft nicht nur unter den Abgewiesenen, sondern generell besorgniserregend sei. Locher: «Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet ein Eritreer in einem paranoiden Schub die Kontrolle verloren hat. Fachleute stellen fest, dass sich die psychische Situation in der eritreischen Diaspora laufend verschlechtert.»

«Verlust der psychischen Widerstandsfähigkeit»

Auch die deutsch-eritreische Psycho­therapeutin Fana Asefaw, die in Winterthur Geflüchtete betreut, berichtete gestern im «Tages-Anzeiger» von Angststörungen und Depressionen unter den Flüchtlingen vom Horn von Afrika, die vor allem von der unbewältigten Situation in der neuen Heimat herrührten. Und Locher stellt fest: Posttraumatische Belastungsstörungen nach der Flucht gebe es wie in anderen Flüchtlingsgemeinschaften auch bei Eritreern. Dazu komme aber: «Eritreer kommen in ihrer neuen Heimat nicht richtig an. Sie erleiden einen doppelten Heimatverlust.» Die Enttäuschung über die Situation in Europa sei gross. Locher: «Die Folge sind der Verlust der psychischen Widerstandsfähigkeit und eine starke Vereinzelung.»

In dieser Situation würden Eritreer oft den Halt in der Gesellschaft verlieren. Locher weist darauf hin, dass Eritreer ihr Leben und auch ihre Probleme traditionell in der Grossfamilie regeln würden. «Dieser stabilisierende Faktor fällt hier weg. Man ist vom Leben hier heillos überfordert. Zudem herrscht eine gewisse Schamkultur, die Eritreer daran hindert, professionelle Hilfe zu finden und anzunehmen.»

Kriminalitätsrate tiefer als bei anderen Einwanderern

Zahlen über den psychischen Gesundheitszustand der eritreischen Gemeinschaft in der Schweiz gibt es nicht. Bekannt ist, dass Eritreer eine überdurchschnittlich hohe Sozialhilfequote aufweisen und relativ schwer in den Arbeitsprozess integriert werden können. Umgekehrt leben die rund 27'000 hier fest niedergelassenen Eritreer relativ unauffällig. Die Kriminalitätsrate der Eritreer in der Schweiz ist wesentlich tiefer als jene von Zuwanderern aus anderen afrikanischen Staaten. Dieses Bild zeigt sich, wenn man die Zahlen aus der Kriminalitätsstatisik des Bundes ins Verhältnis setzt mit den hier ansässigen Menschen aus dem jeweiligen Land. Pro 100 hier ansässige Eritreer gab es letztes Jahr rund 1,9 polizeiliche Anzeigen. Das ist zwar rund doppelt so viel wie bei Schweizern, aber nur halb so viel wie bei Tunesiern, Marokkanern oder Personen aus Kamerun oder dem Kongo.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 04.08.2019, 07:40 Uhr

Infobox

Podium Migration

Es ist eines der umstrittensten Themen des Jahrhunderts: Die Migration. Die einen heissen Einwanderer willkommen, weil sie in jeder Hinsicht eine Bereicherung seien, weil wir solidarisch sein müssen und unsere alternden Gesellschaften nur von ihnen profitieren können.

Die anderen sehen Migration als Gefahr für die wirtschaftliche und soziale Stabilität der Schweiz und Europas. Sie befürchten einen millionenfachen Ansturm aus Afrika und anderen Weltregionen. Und sie warnen vor gut gemeinter Naivität.

Wer hat recht? Darüber debattieren:

Mattea Meyer, SP-Nationalrätin Kanton Zürich.

Gerald Knaus, Migrationsexperte, Begründer der Denkfabrik «Europäische Stabilitätsinitiative» und Ideengeber zum Flüchtlingsabkommen mit der Türkei.

Alfred Heer, SVP-Nationalrat Kanton Zürich.

Moderation: Sandro Benini, Redaktor Meinungen und Debatte, Tages-Anzeiger.

Sonntag, 1. September, Kaufleuten, Pelikanplatz Zürich.
Türöffnung: 19.00 Uhr. Beginn: 20.00 Uhr.

Hier Eintrittskarten bestellen



Artikel zum Thema

Hurra, es war ein Eritreer!

Kommentar Wie die SVP den Mordfall in Frankfurt politisch ausschlachtet, ist ziemlich daneben. Mehr...

Vor der Attacke in Frankfurt gab es Warnsignale

Der mutmassliche Täter aus der Schweiz fühlte sich von Zugpassagieren verfolgt. Ein Arzt diagnostizierte schon vor Monaten Paranoia. Mehr...

«In der Paranoia bastelt man sich eine eigene Welt zusammen»

Interview Warum sich traumatisierte Geflüchtete oft zu spät helfen lassen, erklärt Psychotherapeutin Fana Asefaw. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...