Erlaubt ist alles, ausser Sex im Golfcart

Die Villages in Florida sind ein Paradies für Senioren, die das Leben bis zum letzten Atemzug geniessen wollen.

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«Welcome to the Villages» – Willkommen in der grössten Alterssiedlung der Welt. Wo Träume wahr werden. Wo Frauen und Männer Fun haben sollen bis zum letzten Atemzug.

Wir sind unterwegs in Florida, auch als «Gottes Wartesaal» verspottet. In Florida leben mehr Senioren ab 65 Jahren als in jedem anderen US-Staat. Jeder dritte Einwohner entlang der Golfküste ist Rentner, im Süden des Staates gar jeder zweite. Sogenannte Snowbirds aus dem Norden der USA und Kanada, die hier die Winter verbringen, aber auch Tausende, die sich ganz im Sunshine State niedergelassen haben. «Man kann nicht verhindern, dass man alt wird. Aber man kann verhindern, dass dies bei schlechtem Wetter geschieht» – den Spruch hören wir mehr als einmal.

2400 Orte richten sich in Florida ausschliesslich an Menschen im Ruhestand. Alterssitze für jedes Budget, von der Millionenvilla am Meer bis zum Wohnwagen im Trailerpark. Die eigenartigste Seniorengemeinde, «The Villages», liegt in Zentralflorida, eine Stunde Fahrzeit nordwestlich von Orlando und den Freizeitparks. «Disney-World für Senioren» werden die Villages auch gern genannt.

Sweetie, Honey, Love

Die Strassen sind öffentlich, jeder kann die Villages – das Gebiet ist fast so gross wie die Stadt Zürich – durchfahren oder hier einkaufen. Checkpoints beim Eingang jedes Wohnquartiers vermitteln jedoch ein Gefühl der Exklusivität und Sicherheit. Rund 130'000 Menschen ab 55 Jahren leben hier, der Altersdurchschnitt liegt bei 67 Jahren. Und es werden immer mehr: Die Villages wachsen so rasant wie kein anderes Wohngebiet in den USA. Jeden Monat werden 250 Häuser verkauft, noch mehr neue werden gebaut. «America’s Friendliest ­Hometown», rühmt sich die Gemeinde. Tatsächlich, alle sind so nett, schenken einem ihr schneeweisses Lächeln – die Zähne sind falsch, aber Hauptsache makellos.

Die Trottoirs sind sauber geputzt. Hits aus vergangenen Zeiten tönen aus Lautsprechern. Jedes Village hat seinen eigenen Stil, Brownwood zum Beispiel ist ganz auf Wildwest getrimmt. Im BBQ-Restaurant wird Pulled Pork serviert, die Kellnerin nennt einen Sweetie, Honey oder Love. Im Fernsehen läuft Fox News. Der betagte Mann am Nebentisch trägt eine Baseballkappe, «Jesus (is my boss)», steht darauf geschrieben. Im Saloon City Fire ist morgens schon Happy Hour, sie endet um 22 Uhr, in den Villages geht man früh zu Bett.

Boutiquen verkaufen Spitzenunterwäsche und Poloshirts, aber auch flauschige Pantoffeln und vollautomatische Ledersessel für den gemütlichen TV-Abend. Nur beige Seniorenkleider findet man hier keine, auch die Mode soll Fun sein. Der Bub, der uns auf dem Bike entgegenkommt, stellt sich als Senior mit Kapuzenpulli und verkehrt herum getragenem Cap heraus.

Millionärs-Lifestyle als Vision

Im Verkaufs- und Informationszentrum stehen schwere Ledersessel, ein Feuer brennt im Kamin, Büffelköpfe hängen an den Wänden. Auf einer Tafel werden die neuen Bewohner mit Namen und Herkunftsort vorgestellt. Menschen aus aller Welt würden sich hier den Traum vom Ruhestand in Shorts und Flipflops erfüllen, sagt Gregory, der kauffreudige Besucher berät. Die Häuser kosten zwischen 150'000 und einer Million Dollar. Das durchschnittliche Jahreseinkommen der Villager liege bei 90'000 Dollar. Kürzlich habe er eine Villa an ein Schweizer Paar verkauft, sagt Greg, «super nice folks». Tatsächlich wächst die Zahl der Schweizer Senioren im Ausland von Jahr zu Jahr. Ihre bevorzugten Destinationen sind Spanien, Italien, Frankreich, Thailand – und Florida.

Gemeinsam mit Paaren aus den USA, sie alle planen, ihren Lebensabend hier zu verbringen, machen wir uns auf zur Trolleyfahrt. Tourguide Mary-Ann, 75, und Tom, 68, der Driver, wollen uns ihren Lifestyle näherbringen, «ein Stück vom Paradies» sehen lassen. Das Paradies, das sie Harold Schwarz, einem Businessman aus Michigan, zu verdanken hätten. Dieser kaufte das Land in den 70er-Jahren, erstellte erst einen Wohnmobilpark, dann einen Golfplatz. Seine Vision: Auch mit kleinem Budget soll man den Lifestyle eines Millionärs haben können.

«Popcorn for breakfast!»

Eine beleibte Dame mit blondierter Föhnfrisur hetzt im letzten Moment in den Bus. Die Eckdaten ihres Lebens erfahren wir, ohne uns danach erkundigt zu haben: Kim wurde nach 40 Ehejahren verlassen. Wegen einer 30-jährigen Schlampe, wie sie sagt. Frisch geschieden und sehr frustriert, will sie nur eines: «Fun in my life.» Den Spass werde sie hier finden, versprechen Mary-Ann und Tom, Singles würden nicht allein bleiben. Los gehts. Vorbei an einem von drei Kinos. Die erste Vorstellung beginnt morgens um 10, «popcorn for breakfast!», schwärmt Mary-Ann. Vorbei an Tennisplätzen und einem der 86 Pools. Wobei man unterscheidet zwischen einem Pool zum Sonnenbaden und einem Sportpool (ohne Liegestühle). Vorbei an einem der künstlichen Seen. Fischen ist erlaubt, aber der Fisch muss wieder zurück ins Wasser – selbst die Fische seien etwas älter hier, witzelt Tom.

Alles findet man hier. Nur keine Kinder: Menschen unter 19 Jahren dürfen nicht in den Villages wohnen. Aber: «Kids love it here!», ruft Mary-Ann. Natürlich dürften die Enkel auf Besuch kommen. Sie erhalten dann einen Besucherpass, ein Visum quasi. Die Aufenthalts­bewilligung ist begrenzt auf 30 Tage im Jahr. Während der Schulferien werde den Kids einiges an betreuten Aktivitäten geboten – schliesslich wollen die Grosseltern weiterhin an ihrem Golf-Handicap arbeiten. Und damit die Verwandtschaft nicht auf die Idee kommt, sich einzuquartieren, stehen auf dem Areal drei Hotels zur Verfügung.

Haustiere jedoch sind erlaubt, aber nur drinnen oder an der Leine. Besonders Hunde hätten eine enorme Bedeutung im Leben der Pensionäre, sagt Diane, Fotografin in Rente. Mehr als 650 Hunde habe sie bisher fotografiert. Und wieder fahren wir entlang eines Golfplatzes. «Free golf for life» – das schlagende Argument der meisten Villager. Den ganzen Tag lang Golfen, 365 Tage im Jahr, auf sage und schreibe 48 Plätzen! Und erst noch gratis! Obwohl, es stimmt nicht ganz: 145 Dollar monatlich kosten Golf, Tennis, die Pools, die organisierten Aktivitäten. «Imagine», sagt Mary-Ann, «stellt euch vor, ihr könnt euren Freunden in der Heimat sagen, ihr seid Mitglied von zwölf noblen Country Clubs.» Wow! Das macht Eindruck.

«Man kennt und kümmert sich»

Die Golfanlagen sind zurzeit zwar bräunlich statt grün, werden aber erstklassig gewartet. Übrigens: Schlangen und Alligatoren leben, wie überall in Florida, auch hier. Falls ein Alligator in der Nähe des Golfballs auftaucht, solle man denselben einfach liegen lassen . . . Wir fahren durch ein Wohnquartier, ein Haus sieht exakt aus wie das andere. Die Büsche akkurat gestutzt. Eine künstliche, sterile Welt. Die Häuser stehen so nah beieinander, dass man die WC-Spülung des Nachbarn hören muss. Nachbarschaftspflege sei enorm wichtig, sagt Mary-Ann, «man kennt und kümmert sich». Und ganz wichtig: Egal, ob man ein Häuschen oder eine Villa sein eigen nenne – jeder habe Zutritt zu allen Angeboten.

Diese füllen 56 Seiten der «Daily Sun», der eigenen Tageszeitung der Villages. 2000 Aktivitäten für Body and Mind stehen auf dem Programm. Um Körper und Geist wachzuhalten und um einen Grund zu haben, morgens aufzustehen, sagt Mary-Ann. Mit «Walk away the pounds» startet man um 7.30 Uhr in den Tag. Jeden Abend wird Live-Unterhaltung geboten. Denn: Every night is Saturday night! Und dann die vielen Clubs! Die Fashionistas, Elvis-Fans oder Fliegenfischer. Die pensionierten Marinesoldaten oder Wallstreet-Wölfe. Die Mini-Cooper- oder VW-Käfer-Fahrer. Oder die Knie­gruppe, für alle, die sich über ihre Kniegelenke Gedanken machen. Und jeder US-Staat, fast ­jedes Land hat seinen Club. Die Schweiz ist ­allerdings nicht vertreten.

Das Sterben ist ein Tabuthema

«Wer sich hier langweilt, ist selber schuld», sagt Tom, der Driver. Richard, 71, Air-Force-Veteran aus Texas, meldet sich zu Wort: «Wir kommen schliesslich hierher, um zu leben, nicht um zu sterben.» Dieses Jahr soll das Angebot um eine Schiessanlage samt Waffengeschäft erweitert werden – Richard wird sich freuen. Waffentragen ist im Staate Florida erlaubt, nur darf die Waffe nicht sichtbar sein. Für die Sicherheit in den Villages werde rund um die Uhr gesorgt, beteuert Mary-Ann. Es daure bloss vier Minuten, bis die Feuerwehr komme – ausserhalb müsse man mit mindestens zehn Minuten rechnen. Wir fahren vorbei an unzähligen Apotheken und Arztpraxen, einem Spital mit 300 Betten sowie einer Pflegestation für demente Menschen. Nur einen Friedhof sehen wir nicht.

«Was geschieht mit den Verstorbenen?», möchten wir am Ende der Trolleytour erfahren. «We pack and ship», sagt Tom trocken und grinst. «Don’t say that!», weist ihn Mary-Ann zurecht. Doch tatsächlich werden die Verstorbenen express in die Heimat geschickt, wo sie bestattet werden. Der Tod, das Sterben scheint ein Tabu zu sein. Kein Workshop, der sich dem Thema widmet.

Mit Golfcarts ins Guinnessbuch

Cool hängen die Senioren in ihren Elektrowagen, ein Bein lässig angewinkelt, die Golfausrüstung hinten drauf gepackt. Jeder hier hat mindestens ein solches Gefährt, für die es spezielle Parkplätze und Fahrspuren gibt. Die Pensionäre lieben ihre Golfwagen. «Fancy cars», sagt Roger, der als Mechaniker arbeitet. Gepimpt als Ferrari, Hummer-Geländewagen oder rosa Barbie-Mobil. Mit Kühlerfigur, dunklen Scheiben und Alufelgen aufgemotzt. Oder einem Katheterhalter. Über 25'000 Dollar würden solche Cars kosten, sagt Roger. Die meisten Paare tauschten eines ihrer zwei Autos gegen einen Golfcart, wenn sie hierher ziehen. Und so schafften es die Villages mit der längsten Golfcart-Parade der Welt (3321 Wagen) ins «Guinnessbuch der Rekorde».

Ob denn die betagten Driver kein Risiko am Steuer seien, wollen wir von Roger wissen? Nein, sagt er, das heisst, nicht das Alter, der Alkohol sei das Problem. Manche Rentner würden schon morgens um 7 Uhr trinken. 2002 schafften die Villager übrigens noch einen Rekord: Sie tranken die grösste Menge Bier ab Fass (von der eigenen Brauerei) in ganz Florida. Seit elf Jahren repariert Roger Golfmobile, nicht zuletzt, damit seine beiden Mädchen die Villages-Schule besuchen dürfen. Denn die Altersresidenz ermöglicht den Kindern der Angestellten eine angesehene Ausbildung. Qualifiziertes Personal soll herangezogen werden.

80 Prozent der Villager wählten Donald Trump

Erst als wir Roger, er stammt aus Jamaica, begegnen, wird uns bewusst: Wir haben in der Retortensiedlung keinen einzigen dunkelhäutigen Menschen gesehen. Tatsächlich machen die Weissen 98 Prozent der Bewohner aus. Schwarze oder Hispanics pflegen die Gärten oder putzen die Strassen. Weiss, konservativ, republikanisch: Über 80 Prozent der Villager haben Donald Trump als Präsidenten gewählt.

Im Eisenhower Recreation Center, einer blendend weissen Villa, steht Aerobics auf dem Plan. Der Aerobicraum entpuppt sich als Ballsaal mit Parkettboden und riesigem Kronleuchter. Präsident Dwight D. Eisenhower (1953 bis 1961), in Öl verewigt, blickt gütig von der Wand. «You are looking good!», tönt es von der Bühne, «and up and down, up and down.» Joan, die Fitnessinstruktorin, trägt bunte Tights und ein Shirt mit der glitzernden Aufschrift: «I don’t sweat I sparkle» – ich schwitze nicht, ich glänze. «Push it, reach it!» Die blonden Locken hüpfen, «big smile», garantiert war sie auf der Highschool der Schwarm aller Footballspieler. Aus der Nähe sieht man die Furchen im gebräunten Gesicht, doch die blauen Augen strahlen, Joan sprüht vor Energie. 77 Jahre alt ist sie, ihr Leben lang hat sie Aerobics unterrichtet – sie denkt nicht daran aufzuhören. Auch sie arbeitet als Volunteer, also ehrenamtlich, ohne Lohn.

«Shake those hips», ruft sie ins Mikrofon, «be sexy!» Die rund 100 Frauen im Saal schütteln, was sie haben, und singen lauthals mit: «Viva las Vegas!» Eine Dame, Gold an den Ohren und um den Hals, ein grosser Diamant am Finger, die Lippen rot bemalt, stellt sich vor: «I’m 87.» Täglich mache sie Aerobics, wer turne, bleibe jung. Linda heisst sie, der Mann, ein hoher Militär, ist schon lange tot. Und ihre Tochter, 67, werde sie auch überleben, davon geht Linda aus, schliesslich sei sie viel fitter. Ans krank werden denkt sie nicht – sie könne gar nicht krank werden, «ich habe nämlich keinen Doktor».

«Alle Frauen arbeiten hart, um gut auszusehen.»Belinda (62)

Das Alter ist ein ständiges Thema: «Sie ist 78», sagt eine Frau über ihre Nachbarin, «und die da vorn wird bald 80.» Die fitten Alten singen und kreischen wie die Cheerleader. «Having fun?» ruft Joan. «Yeeaaahhh!» Hemmungslos, man ist unter sich: «Wir können uns benehmen. wie wir wollen», sagt Belinda, 62, «keine Kinder, die sich für uns schämen würden.» Wer sieht jünger aus? Wer ist gesünder? Besser in Form? Und: Wer punktet bei den Männern? «25 Prozent weniger Fett in 25 Minuten», die «Daily Sun» ist voll solcher Annoncen. Der Druck muss riesig sein. «Alle Frauen arbeiten hart, um gut auszusehen», bestätigt Belinda. Die Konkurrenz ist gross. Die Frauen sind klar in der Überzahl, auch wenn das kolportierte Verhältnis von 10:1 übertrieben scheint.

Man ist aktiv – auch sexuell. Die Senioren, so scheints, treiben es exzessiv und unbedacht. Jedenfalls konstatierte man in der Region vor ein paar Jahren einen massiven Anstieg an sexuell übertragbaren Krankheiten. Sie habe in den Villages mehr Herpes behandelt als in Miami, liess sich eine Gynäkologin in der «New York Post» zitieren. Das Gesundheitsamt von Florida wurde aktiv, forderte die Golden Ager auf, Kondome zu benutzen.

Immer mal wieder sorgen Schlagzeilen landesweit für Aufsehen: von Senioren, die beim Sex in der Öffentlichkeit erwischt werden – meistens im Golfwagen. Von einem florierenden Schwarzmarkt mit Viagra. Von einer lebhaften Swingerszene – ein bunter Badeschwamm an der Antenne des Golfcarts soll Lust auf Partnertausch signalisieren. Schlagzeilen, auf die das Management der Villages gern verzichten würde. Die Villager selber geben sich aufgeschlossen: Nachdem ein Paar in flagranti beim Quickie mitten auf dem Hauptplatz, dem Square, ertappt wurde, servierte eine lokale Bar einen «Sex on the Square»-Cocktail zu Ehren der Verhafteten. Und die «Daily Sun» schrieb, Sex sei keine Frage des Alters. In America’s Friendliest Hometown ist er «bloss ein weiterer Grund zu lächeln».

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.02.2018, 15:37 Uhr

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