Erwachen aus dem Inseltraum

Die Malediven leiden unter den Folgen des Klimawandels, aber auch des Tourismus. Wie das aussieht.

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Kaum ist das Schnellboot vom Flughafen in Malé losgebrettert, kündigt sich ein unbequemer Spagat an: zwischen dem Wunsch, unvergessliche Ferien zu verbringen, und der Bedrohung des Paradieses durch ebendiesen Wunsch.

Zuerst zieht die Müllinsel Thilafushi vorbei. Die rauchende, stinkende Erhebung überragt die natürlichen Inseln des flachsten Landes der Erde, die maximal 2,4 Meter hoch sind. Die mehr als 130 Hotelresorts tragen dazu bei, dass die Abfallmengen angesichts des mangelhaften Entsorgungsmanagements unbezwingbar sind. Thilafushi wächst unaufhaltsam.

Doch die Müllinsel ist schnell vergessen, zumindest für den Moment. Die Hotelinsel Coco Bodu Hithi taucht aus dem Ozean auf. Der Empfang ist herzlich. «Sind Sie bereit für das Paradies?», fragt die Hotelmitarbeiterin. Dann öffnet sie die Schiebetüren der Island Villa. Vor uns breitet sich das Meer aus, leuchtend türkis, unwirklich. Der Sand ist weiss und fein.

Unter Palmen posiert ein asiatisches Paar für Hochzeitsfotos. Die Insel ist beliebt bei Honeymoonern und bei Paaren, die ihr Eheversprechen erneuern möchten. Sie schlafen in geschmackvoll eingerichteten Villen mit privatem Süsswasserpool. Je nach gebuchter Kategorie residiert man auf Stelzen direkt über dem Meer.

Die Küchenmannschaft serviert regionale Currys, italienische Pasta, chinesischen Schweinebauch und gegrillten Thunfisch. Das meiste Essen wird importiert. An einem Abend pro Woche singt die Hausband, Bob Marleys «Jammin» ohne «in the name of the Lord». Die Malediven sind ein muslimisches Land. Andere Religionen dürfen nicht ausgeübt werden. Alkohol ist verboten – natürlich nicht auf den Hotelinseln. Dort fliesst der Champagner.

Berauschen kann man sich auch an der Unterwasserwelt. Das Schnorchelgebiet beginnt gleich am Hotelstrand. Kaum ist man losgeschwommen, sieht man Papageifische, Kofferfische, Anemonen, junge Schwarzspitzen-Riffhaie und mit etwas Glück auch Rochen und Muränen. Imposant fällt das Riff ab in die Tiefe. Die Kante ist ein beliebter Ort, Meeresschildkröten zu beobachten. Und dort gleitet eine solche lautlos vorbei, schwimmt zur Oberfläche, holt Luft und taucht wieder ab.

Die Tierwelt um Coco Bodu Hithi

Über und unter dem Wasser begegnet man auf den Malediven einer grossen Artenvielfalt. Sehen Sie selbst. (Video: Aleksandra Hiltmann, Nicolas Fäs)

Seit 200 Millionen Jahren bewohnen die Tiere das Meer, bis zu 80 Jahre alt können sie werden, fünf von sieben Spezies sind auf den Malediven heimisch. Darüber informieren Holztafeln an den Spazierwegen im Inseldschungel. «Wir setzen vermehrt auf nachhaltigen Luxustourismus», sagt Malu Hilmy, die Marketingleiterin der Hotelgruppe Coco Collection. Auf einer anderen Insel des Unternehmens im Baa-Atoll betreibt man ein Schildkrötenrettungszentrum. Im Mai 2019 schloss sich das Resort der Kampagne #ProtectMaldivesSeagrass an und lässt nun das Seegras auf dem Hotelgebiet stehen – es speichert Unmengen CO2 und nährt Meerestiere.

Auf Coco Bodu Hithi will man weiter Plastik reduzieren. Etwa mit einer Anlage, die Wasser in Glas- anstatt in PET-Flaschen füllt. In Drinks stecken bereits jetzt Papierstrohhalme. Hilmy sähe gerne auch Holzzahnbürsten in den Gästevillen. Im November 2019 startete das Kunstprogramm «Nurture», das die Nachhhaltigkeit in den Fokus rückt. Den Auftakt machte der Südafrikaner Mbongeni Buthelezi. Er malt Bilder aus weggeworfenem Plastik, den er erhitzt und beim Schmelzen auf Leinwände zieht. Weitere Kunstschaffende, die sich für die Erhaltung der Umwelt einsetzen, sollen folgen, und auf der Insel arbeiten um das Bewusstsein der Gäste für die Natur zu schärfen.

Denn die Natur der Malediven leidet seit Jahren. Unter Plastik, Abwasser, das ins Meer geleitet wird, und unter Bauarbeiten für Ferienresorts, die Riffe zerstören und natürliche Strömungen durcheinanderbringen.

Das Abfallproblem der Malediven

Die Touristen selber sind nicht unschuldig: Taucher legen sich samt Sauerstoffflasche rücklings in Korallen, um das beste Bild eines Mantarochens oder Walhais zu schiessen. Schnorchler treten in Korallen, weil sie nicht gut genug schwimmen können. Viele der Sonnencremen, die Gäste im Wasser tragen, schädigen Korallen und Fische durch bestimmte Chemikalien.

Meeresbiologin Jessica, die auf Coco Bodu Hithi arbeitet, sieht die primäre Bedrohung für die Natur jedoch nicht in einzelnen unvorsichtigen Tauchern. «Der Klimawandel, den die Menschen alle zusammen vorantreiben, ist das grösste Problem», sagt sie. Er erwärme das Wasser und verstärke Phänomene wie El Niño, der alle paar Jahre warme Strömungen bringt. Sie rauben den temperaturempfindlichen Korallen die Farbe und lassen sie sterben.

Der Anblick eines abgestorbenen, ausgebleichten Riffs in der Nähe des Resorts macht betroffen: Man weiss, dass gesunde, wachsende Riffe die Inseln vor dem Untergang bewahren könnten. Die Hotelinsel Coco Bodu Hithi schrumpft bereits. Die Erosion nagt am 500 Meter langen und 200 Meter breiten Eiland. An einigen Strandabschnitten liegen schützende Sandsäcke.

«Die Leute auf den Malediven allein können nicht viel tun, um den Klimawandel zu stoppen», so Malu Hilmy, die in den letzten Jahren erlebt hat, wie das Wetter immer unberechenbarer und die Stürme immer heftiger wurden. «Es ist beängstigend und tragisch, das mitanzusehen.» Sie hoffe auf ein globales Umdenken, auf die junge Generation und versuche, mit den Nachhaltigkeitsmassnahmen der Hotelkette ihren Beitrag zu leisten.

Aber trägt nicht gerade der Tourismus dazu bei, dass die Natur weiter Schaden nimmt? Leiden die aufgepäppelten Schildkröten nicht am Plastik, der wegen der vielen Feriengäste im Meer treibt? «Das sind kontroverse Fragen», sagt Hilmy.

Sie brauchen den Tourismus

Die 21-jährige Hotelangestellte Fazu wünscht sich, dass mehr Gäste auf die Malediven kommen: «damit die Leute überhaupt wissen, dass es uns gibt», und sie verstehen, wie nah die Menschen hier mit dem Meer zusammenleben. «Fischfang und Tourismus sind die wichtigsten Einnahmequellen für uns», sagt Fazus Kollege Ahmed, 27. Denn abseits der Hotelinseln drückt die Armut.

Obwohl Ahmed über den Klimawandel besorgt ist, hat er keine Angst vor dem steigenden Wasserspiegel. «Noch sind wir hier», sagt er. Noch arbeitet er auf einer Insel, in deren Wasserumschwung ein schwarzer Rochen mit weissen Punkten ein südkoreanisches Paar in Verzückung versetzt, während sich ein anderes Paar mit Selfiestick auf dem Dach eines traditionellen Dhoni-Bootes für die Sunset-Cruise installiert. Die Sonne versteckt sich hinter einem Wolkenschleier. Trotzdem taucht sie Meer und Himmel in betörendes Rosa. Ein Paradies, das noch schöner zu leuchten scheint, weil es bald verschwinden könnte?

Wie eine Warnung zucken wütende Blitze am Horizont, als das Schnellboot zurück zum Flughafen fährt. Man denkt daran, wie die eingesparten Plastikstrohhalme nichts sind im Vergleich zu den zweieinhalb Tonnen CO2, die ein Passagier bei der An- und Abreise ausstösst. Man denkt aber auch daran, wie unvergesslich die Zeit auf der Insel war. Der Spagat bleibt unbequem.

Die Reise wurde unterstützt von Coco Collection.


Junge Menschen über ihr Leben auf den Malediven und den Klimawandel

Maaish (18), Rettungsschwimmer und Schnorchelinstruktor
Ich arbeite als Rettungsschwimmer und begleite Touristen zum Schnorcheln. Manchmal geraten Gäste in Panik, weil sich ihre Tauchmaske mit Wasser füllt. Dann bin ich gleich zur Stelle. Ich stamme von der Insel Dhidhohoo im Nord-Male-Atoll. Als ich zweieinhalb Jahre alt war, sagte mein Vater, ich solle ins Wasser springen. So lernte ich schwimmen. Wir sind umgeben von Wasser, leben mit dem Meer. Als ich noch zur Schule ging, warteten wir nur darauf, bis der Unterricht zu Ende war, und wir wieder schwimmen gehen konnten. Ich habe aber auch andere Länder gesehen. Als Spieler der maledivischen Fussballnationalmannschaft bin ich viel gereist, in die Arabischen Emirate, die Niederlande, Griechenland, Deutschland. Doch mir gefällt das Leben auf der Insel besser als auf dem Festland. Ich habe mehr Spass so nah am Wasser. Ich bin glücklich, hier zu leben. Vor dem Klimawandel habe ich keine Angst. Vor zehn Jahren las ich, dass ein Wissenschaftler über die Malediven sagte, dass sie bald verschwinden würden. Doch sehen Sie sich um, wir sind immer noch hier. Wovor ich mich allerdings fürchte, sind Bootsunfälle – wir müssen oft auf dem Wasser reisen.


Fazu (21), Serviceangestellte
Ich komme aus Addu City, der zweitgrössten Stadt auf den Malediven. Sie liegt im Süden des Landes, im Addu-Atoll. Die Malediven sind der perfekte Ort, um dem Grossstadtleben zu entkommen. Hier aufzuwachsen war aufregend. Wir sind uns gewöhnt an den Klimawandel. Angst davor habe ich nicht. Aber ich sehe es als meine Pflicht, Touristen bewusst zu machen, dass die Natur, die uns hier umgibt, geschützt werden muss, genauso wie unsere Kultur. Noch heute kennen wir viele verschiedene Arten zu fischen, überliefert von unseren Vorfahren, unsere Sprache ist einzigartig, wir sind stolz auf unsere traditionelle Kleidung und unser Kunsthandwerk. Und wir sind offen und freundlich. Deshalb wünsche ich mir, dass mehr Leute in die Malediven reisen. Ich möchte, dass sie wissen, dass es uns gibt. Die Leute sollen lernen, wie wir hier leben und dass es wichtig ist, die Umwelt und unsere Kultur zu schützen.


Ahmed (27), Front Office Supervisor
Mein Elternhaus ist nahe am Meer gebaut, im Addu-Atoll. Ich wurde sozusagen im Wasser geboren. Der steigende Meeresspiegel und der Klimawandel bereiten uns Sorgen. Wir müssen unsere Umwelt schützen – wir, die hier leben, und die Gäste, die hierherkommen. Noch aber sind wir hier. Ich fürchte mich nicht. Für die Zukunft wünsche ich mir bessere Bildung für die Einwohnerinnen und Einwohner der Malediven, eine bessere Gesundheitsversorgung, mehr wirtschaftliche Entwicklung. Gerade der Tourismus macht einen grossen Unterschied. Zusammen mit der Fischindustrie ist er unsere Haupteinnahmequelle. Durch den Tourismus lernen die Leute mehr über unsere Heimat. Seit einigen Jahren wächst auch der Tourismus auf den Inseln der Einheimischen. Das hilft uns. Gleichzeitig finde ich es wichtig, dass die hier lebenden Tierarten gut geschützt werden, etwa die Wasserschildkröten und Haie.

Erstellt: 05.01.2020, 09:55 Uhr

Die Malediven bestehen aus 26 Atollen und rund 1200 Inseln, knapp 200 davon sind bewohnt. Die Hauptstadt Malé ist eine der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt, mit knapp 154’000 Einwohnern auf 6,1 Quadratkilometern. Insgesamt wohnen rund eine halbe Million Menschen auf den Malediven (Quelle: Weltbank). Die offizielle Sprache ist Dihvehi.

Anreise: Edelweiss fliegt zweimal pro Woche direkt ab Zürich nach Malé. Verbindungen mit Umsteigen in Dubai oder Abu Dhabi mit Emirates und Etihad.

Transfer: Nahe gelegene Inseln sind per Schnellboot erreichbar. Die Fahrt vom Flughafen Malé nach Coco Bodu Hithi dauert ungefähr 30 Minuten.

Coco Bodu Hithi: Vier Kategorien von Villen: auf der Insel und direkt auf Stelzen über dem Wasser.

Aktivitäten: u.a. Spa, Fitness, Yoga, Wasserski, Kajak, Schnorcheln, Tauchen, Dolphin watching, Sunset Cruise, Tennis, Billard.

Mehr Informationen zum Hotel: Coco Bodu Hithi.

Arrangement: Eine Woche im DZ mit Flug ab Zürich, Frühstück und Transfer ab 3300 Fr. p.P., bei Manta Reisen oder TUI Suisse.

Allg Infos: Visit Maldives.

Das können Sie vor Ort für die Umwelt und die Tiere tun


  • So wenig Abfall wie möglich produzieren.



  • Abfall wieder mit nach Hause nehmen. Einige Fluggesellschaften verteilen auf dem Hinflug Mülltüten, die man auf dem Rückflug wieder abgeben kann.



  • Besonders Spezialabfall wie Batterien wieder mitnehmen.



  • Sammeln Sie angeschwemmten Müll ein und entsorgen Sie ihn.



  • Sparsam mit Strom und Wasser umgehen.



  • Korallenschonende Sonnencreme benutzen.



  • Lassen Sie sich die Verhaltensregeln fürs Schnorcheln und Tauchen erklären, unter anderem: Sich im Wasser mit Vorsicht bewegen, nicht auf Korallen treten oder sie sonst irgendwie abbrechen, Meerestiere nicht stressen.



  • Informieren Sie sich über lokale Schutzprogramme für Tiere und das Meer – kann man vor Ort spezifisch einen Beitrag dazu leisten?


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