Es brodelt in der Bundesliga

Fans pfeifen, streiken und demonstrieren, Krawallmacher wüten: In Deutschlands höchster Liga herrscht tiefe Unzufriedenheit.

Nicht die einzigen Unzufriedenen in der Bundesliga: Fans des Hamburger SV.

Nicht die einzigen Unzufriedenen in der Bundesliga: Fans des Hamburger SV. Bild: Keystone

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Die Stadt ist ­gerüstet an diesem Samstag. Für einen drohenden Platzsturm. Für Pyros im Stadion. Für die nächste Niederlage des Hamburger SV. Für alles.

Der HSV empfängt Mainz, er ist Zweitletzter, Mainz Drittletzter. Das Volksparkstadion wird in der «Bild» zum «Volkspanikstadion». Die Zäune im Fanblock sind auf 2,20 m verdoppelt worden, 450 Polizisten und 600 Ordner sind da.

«Bevor die Uhr ausgeht, jagen wir euch durch die Stadt», stand vor zwei Wochen auf einem Transparent im Block der Krawallmacher. Vor einer Woche legten sie in Bremen mit Pyro-Attacken nach. «Fussball-Zerstörer» nennt sie HSV-Vorstandschef Heribert Bruchhagen. Die Uhr steht in Hamburg dafür, dass der HSV der einzige Club ist, der bisher keine Saison in der 1963 gegründeten Bundesliga verpasst hat.

Noch läuft sie. Aber es wird immer fraglicher, ob sie das über den Sommer hinaus tut. Das 0:0 gegen Mainz ist schon das elfte Spiel in Folge ohne Sieg. «Wir sind in einer schlimmen Situation», sagt Sportchef Jens Todt, «und die ist nochmals schlimmer geworden.» Sieben Punkte beträgt der Rückstand auf den rettenden 16. Rang.

Nur 46 739 der 57 000 Plätze sind besetzt. Der HSV ist besser als ein schwaches Mainz, vergibt aber einen Elfmeter. Aus dem Publikum gibt es am Ende Pfiffe. «Danke für nichts, ihr Söldner», steht auf einem Transparent. Wenigstens gibt es keine neuen Randale.

Die Ausgangslage – das Problem geht tief

Ein Brodeln hat die Liga erfasst. Schalkes Manager Christian Heidel sagt der SonntagsZeitung zwar: «Es ist typisch deutsch: Wenn ich die Zeitungen lese, könnte ich zum Schluss gelangen, wir stünden vor dem Niedergang des deutschen Fussballs. Wir sind Lichtjahre davon entfernt!» Es gibt aber auch die Stimme von Marwin Hitz, dem Schweizer Goalie von Augsburg. In «Sport Bild» sagt er: «Man ­bekommt natürlich die Unzufriedenheit der Fans mit. Das ist eine gefährliche Entwicklung, weil die Bundesliga zu grossen Teilen auch von ihnen lebt.»

Findets nicht ganz so tragisch: Schalke-Manager Christian Heidel. Bild: Keystone

Das Problem geht tief. Es geht um mehr als nur viele langweilige und qualitativ schlechte Spiele, um die Dominanz von Bayern München, die der Liga nicht guttut, um Tausende, die trotz gekaufter Tickets nicht ins Stadion gehen, um die Schwäche der deutschen Teams in Champions und Europa League.

Es geht vor allem um Spieler wie Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang, die ihren Weggang von Dortmund regelrecht erpresst haben. Um die Angst der Fans, dass sie immer mehr vom Kommerz überrollt werden. Um die Einführung von Montagsspielen. Oder die Unübersichtlichkeit bei der Anwendung des Videoschiedsrichters.

Montagsspiele – der Boykott

Zuerst war der Jubel der Vereine, als die Deutsche Fussball-Liga (DFL) die Fernsehrechte von 2017 bis 2021 für 1,16 Milliarden Euro pro Saison verkauft hatte. Weil das 532 Millionen mehr pro Jahr sind, redete Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge von einem «überragenden Ergebnis».

Das hat seinen Preis: Die ­Runde wird zerstückelt. Samstag, 15.30 Uhr – das war einmal als Spielbeginn heilig. Jetzt wird an vier Tagen gespielt, von Freitag bis neu am Montag. Gut, am Montag nur fünfmal, aber das reicht, um die Fans auf die Barrikaden zu bringen. Für sie ist dieser Tag einer zu viel, zu sehr Ausdruck, dass auch noch der letzte Cent aus dem Fussball herausgepresst werden soll.

Beim ersten Montagsspiel bauten sich Frankfurter Zuschauer zum Protest drohend an der Seitenlinie auf und warfen Hunderte von Tennisbällen auf den Platz. Letzten Montag kamen bei Dortmund - Augsburg statt der üblichen 81 000 Zuschauer nur 54 000. Deutlicher kann ein Alarmzeichen kaum sein. In einer repräsentativen Umfrage, an der auch der «Kicker» beteiligt war, sprachen sich 91,4 Prozent von 186 000 Beteiligten gegen den Montagtermin aus.

Auch nicht happy: Frankfurter Fans beim ersten Montagsspiel der Saison. Bild: Keystone

«Ich kann den Fan natürlich verstehen», sagt Christian Heidel, «mein Wunschtraum wäre es auch, dass alle Bundesligaspiele am Samstag um 15.30 Uhr angepfiffen werden. Aber das ist heute nicht mehr umsetzbar.» Alle 36 Clubs der 1. und 2. Bundesliga haben Ja zur Erneuerung gesagt, jeder bekommt Geld, keiner kann sich verstecken. Sagt Heidel. Aber er sagt auch: «Wenn der Widerstand der Fans zu gross ist, müssen wir darüber diskutieren, ob wir beim nächsten TV-Vertrag die Montagsspiele beibehalten wollen. Und wenn wir für die Abschaffung sind, müssen wir mit aller Konsequenz dazu stehen.»

50+1 – Kampf gegen das Fremde

Wolfsburg (VW) und Leverkusen (Bayer) sind Werksclubs, Leipzig wird von Red Bull finanziert, Hoffenheim von Dietmar Hopp. Sie unterwandern die Regel, die in der Bundesliga die Besitzverhältnisse festlegt: die sogenannte 50+1-Regel, wonach kein Einzelner die Mehrheit besitzen darf. Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, kämpft vehement dagegen an. Er glaubt, nur dann finanzkräftige Investoren anlocken zu können, wenn sie auch die Mehrheit an der AG übernehmen können.

Damit prallt er bei den Ultras von 96 auf erbitterten Widerstand. «Kind muss weg!», schleudern sie Spiel für Spiel dem Mann entgegen, der seit 20 Jahren Präsident ist und dem Verein das Überleben gesichert hat. Und verweigern die Unterstützung der Mannschaft. Vor einer Woche hielten andere Zuschauer dagegen: «Ultras raus!» Die Stimmung war so skurril, dass keinen mehr zu interessieren schien, dass 96 gegen Mönchengladbach 0:1 verlor. Manager Horst Heldt verschaffte sich danach Luft: «Es kotzt mich alles an.»

Gehört mittlerweile zur Bundesliga wie der HSV: Das Plakat der Hannover-Fans. Bild: Keystone

Es gibt Leute wie Kind, die glauben, dass die Meisterschaft dank neuer Geldgeber wieder spannender werden könnte. Es gibt Leute wie den Schalker Heidel, die genau das nicht glauben. «Wenn 50+1 fällt, marschieren Investoren an und wollen in erster Linie beim Besten einsteigen, bei Bayern München», sagt er. «An der Hierarchie würde sich nichts verändern.» Dafür sieht er das Risiko, dass die Kontrolle über Clubs abhanden- käme, wenn auf einmal Chinesen oder Thailänder das Sagen hätten. Darum ist er kompromisslos: «Die Bundesliga soll ihren Kern behalten und nicht fremdbestimmt werden.»

Pfiffe – «Die haben keine Ahnung»

Im Dezember besiegt Gladbach den HSV 3:1. Trotzdem gibt es Pfiffe. Darüber ist Borussias Sportdirektor Max Eberl so erbost, dass er flucht: «Diese Fans – so ein Scheissdreck! Dann sollen sie zu Bayern München oder PSG gehen.» Später entschuldigt er sich für seine Wortwahl, aber nicht für den Inhalt.

Im Januar kommt Dortmund gegen Freiburg nicht über ein 2:2 hinaus. Teile des Publikums pfeifen. Roman Bürki ist aufgebracht: «Das sind Leute, die haben keine Ahnung von Fussball. Manchmal habe ich das Gefühl, die haben nichts Besseres zu tun, als samstags die eigene Mannschaft auszupfeifen.» Der Schweizer Goalie wird vom eigenen Chef, Sportdirektor Michael Zorc, gemassregelt: «Ich würde jedem Spieler empfehlen, sich das Spiel nochmals anzuschauen. Ich bin sicher, dann würden sie selbst pfeifen.»

Oder vor einer Woche beim 1:1 von Hoffenheim gegen Freiburg. Wieder Pfiffe, wegen des Spiels, wegen des Resultats. Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann giftelt: «Wir waren noch nie schlechter als auf Platz 9. Wenn wir anfangen, ab Platz 9 zu pfeifen, wird es eng. Was machen denn Fans von Vereinen, die hinter uns stehen? Beim Tabellenzehnten stürmen sie das Feld, beim Elften nehmen sie einen Spieler mit nach Hause, beim Zwölften machen sie den Mannschaftsbus kaputt.»

Videoschiedsrichter – keiner blickt durch

Seit dieser Saison hat der Schiedsrichter ein Hilfsmittel: den Video Assistant Referee, kurz VAR. Also: einen Kollegen, der in Köln vor dem Fernseher sitzt und mit dem Unparteiischen per Funk verbunden ist. Er greift nur ein, wenn der Schiedsrichter auf dem Spielfeld eine klare Fehlentscheidung getroffen oder eine entscheidende Szene übersehen hat.

Es hat schon skurrile Situationen gegeben. Gegen Bayern München sieht der Frankfurter Marius Wolf die Rote Karte. Er ist unterwegs in die Garderobe, als der VAR interveniert. Der Schiedsrichter revidiert sein Urteil: kein Rot. Wolf kehrt auf den Platz zurück.

Das ist es, was viele kritisieren: Der VAR raubt Emotionen. Spontaner Jubel über einen Treffer wird erstickt, wenn sich der Schiedsrichter die Szene am TV nochmals anschaut. Das merkt Christian Heidel auch bei sich: «Ich schaue sofort auf den Schiedsrichter, bevor ich mich freuen kann, weil ich unsicher bin, ob das Tor wirklich zählt.»

Die Statistik in der Bundesliga sagt, dass dank des VAR sieben von zehn Fehlern ausgemerzt werden. Die Diskussionen um Entscheide werden dennoch leidenschaftlich geführt, weil die Verwirrung noch immer gross ist, wann das System zur Anwendung kommen soll.

Heidel ist ein Befürworter des Videoschiedsrichters, «weil er für mehr Gerechtigkeit sorgt». Und eines steht für ihn auch fest: «Wenn er abgeschafft würde, käme bei ­jedem gewichtigen Fehlentscheid der Satz: Mit ihm wäre das nicht passiert.»

Erstellt: 04.03.2018, 14:00 Uhr

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