«Nach dem Tod einer nahen Person sind solche Fragen Wahnsinn»

Hätte der Verstorbene seine Organe gespendet? Wie quälend die Ungewissheit für Angehörige sein kann, weiss Intensivmediziner Renato Lenherr.

Nur gerade bei einem Prozent aller Verstorbenen kommt eine Organspende überhaupt infrage. Foto: Keystone

Nur gerade bei einem Prozent aller Verstorbenen kommt eine Organspende überhaupt infrage. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bundesrat möchte einen Systemwechsel bei der Organspende und hat am Freitag die Vernehmlassung zur erweiterten Widerspruchslösung eröffnet. Es ist der indirekte Gegenvorschlag zu einer Volksinitiative, die Ähnliches möchte. Bei der Widerspruchs­lösung würden alle zu möglichen Organspendern, wenn sie sich zu Lebzeiten nicht dagegen ausgesprochen haben. Doch die Chancen des Vorhabens sind deutlich gesunken. Anfang Woche erteilte die Nationale Ethikkommission (NEK) der Widerspruchslösung in einer Stellungnahme eine Absage. Gleichzeitig schlug sie als dritte Möglichkeit die Erklärungslösung vor. Mit ihr würden wir immer wieder zur Organspende gefragt.

Renato Lenherr, Sie sind Intensivmediziner und führen regelmässig Gespräche mit Angehörigen über eine mögliche Organspende. Ist die Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission hilfreich?
Sie ist sehr ausführlich und differenziert. Doch letztlich bleibt es beim Abwägen, ohne dass man zu einer sicheren Antwort kommt. Alle diese Argumente haben wir schon x-fach durchdiskutiert. Sie sind letztlich nichts Neues. Gleichzeitig gingen wichtige Punkte vergessen. Meiner Meinung nach fehlt der Ethikkommission die Sicht der Leute, die die Arbeit machen.

Der Transplantationsmediziner?
Nein, der Organspendemediziner. Das wird in Diskussionen immer verwischt. Transplantationsmediziner operieren die Organe und betreuen die Empfänger. Mit der Spenderseite haben sie nichts zu tun. Die Organspendemedizin ist Teil der Intensivmedizin und wird seit einigen Jahren sehr strikt von der Transplantationsmedizin abgegrenzt, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Die Trennung ist im Gesetz vorgeschrieben und wird von uns extrem hart umgesetzt.

Was hat die NEK ausser Acht gelassen?
Zwei Punkte: die ausgesprochen schwierige Situation der Angehörigen, wenn eine Organspende zur Diskussion steht und der Wille des Patienten nicht klar ist. Sie quälen sich fürchterlich mit dieser Frage und wollen um keinen Preis falsch entscheiden. Der andere Punkt ist, dass die Organspende extrem selten ist. Von den 65 000 Personen, die jedes Jahr sterben, kommt sie bei 500 infrage. Das ist nicht einmal ein Prozent. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sich jemand gar nie entscheiden muss.

Die Ethiker schlagen eine Erklärungslösung vor, bei der wir immer wieder gefragt werden sollen, ob wir die Organe spenden würden.
Damit soll vermieden werden, dass man auf die Leute Druck ausübt, sich aktiv einzutragen, wenn sie ihre Organe nicht spenden wollen. Doch diesen «Zwang» hat die NEK nicht gegen die Belastung der Angehörigen und die Seltenheit der Organspende abgewogen. Die vorgeschlagene Erklärungslösung hat das Parlament bereits vor gut fünf Jahren eingehend diskutiert. Soll man den Spendewillen auf der Identitätskarte eintragen? Oder auf dem Fahrausweis? Eine taugliche Lösung wurde nicht gefunden.

Die NEK sagt nicht, wie es am besten gemacht werden könnte – offenbar «bewusst nicht».
Ich konnte es fast nicht glauben, als ich das gehört habe. Die konkrete Umsetzung ist ja das eigentliche Problem. Deutschland hat eine Erklärungslösung, die aber überhaupt nicht funktioniert. Andere, dem Thema aufgeschlossenere Länder kennen sogar ein Obligatorium und kommen damit aber auf höchstens 15 Prozent der Bevölkerung, die ihren Spendeentscheid kundtun. Es gibt heute kein Modell, bei dem die Erkärungslösung klappt. Das wird anders sein, wenn dereinst die elektronische Krankengeschichte kommt. Dann wird die Erklärungslösung problemlos umsetzbar. Aber das wird noch mindestens fünfzehn Jahre dauern. Die NEK-Stellungnahme zur Organspende ist meiner Meinung nach wenig hilfreich, weil sie eine Lösung vorschlägt, die sich nicht umsetzen lässt.

Sie selbst befürworten die Widerspruchslösung. Allerdings ist umstritten, ob dadurch auch mehr Organe gespendet werden.
Tatsächlich lässt sich das nur schwer sagen. In der wissenschaftlichen Literatur sieht es so aus, dass eine Widerspruchslösung zu etwas mehr Organen führen dürfte. Aber das steht für mich nicht im Vordergrund. Es geht mir vor allem um die korrekte Umsetzung des Patientenwillens und um die Angehörigen. Sie würden in ihrem Entscheid entlastet, wenn klar wäre, dass die Organspende der Normalfall in solchen Situationen ist. Es würde mir auch das Gespräch mit ihnen erleichtern.

Inwiefern?
Bei rund der Hälfte der Fälle, bei denen eine Organspende infrage käme, haben die Angehörigen keine Ahnung, was der Patient oder die Patientin gewollt hätte. Eine sehr schwierige Situation. Wir versuchen dann mit Fragen zur Persönlichkeit und der Einstellung zur Medizin den mutmasslichen Willen herauszufinden.

Keine leichte Aufgabe.
Das können wir letztlich nur gemeinsam mit den Angehörigen machen. Sie müssen uns helfen. In der Situation nach dem Verlust einer nahen Person sind solche Gespräche eigentlich Wahnsinn. Die meisten können keinen Entscheid fällen. Alles kommt plötzlich aus dem Nichts, durch einen Unfall oder eine Hirnblutung. Vielleicht hat man mit der nahestehenden Person gestern noch zu Mittag gegessen. Und kurz nachdem wir ihnen mitteilen mussten, dass sie keine Chance mehr hat, kommt die Frage nach der Organspende. Die Angehörigen sind voller Schmerz und in einem psychischen Zustand, in dem sie nicht entscheidungs- und handlungsunfähig sind. Wir merken bei den Gesprächen oft, dass die Verstorbenen eigentlich schon für eine Organspende gewesen wären, die Angehörigen in ihrem Schmerzzustand aber nicht Ja sagen können, aus Angst, etwas falsch zu machen. Dann kommt es natürlich zu keiner Organentnahme.

Wäre die Situation besser mit der Widerspruchslösung?
Sie würde mir beim Gespräch helfen. Grundvoraussetzung ist, dass eine deutliche Mehrheit in der Schweiz für Organspende ist. Befragungen zeigen das. In dieser Situation kann ich die Angehörigen direkter auf das Thema ansprechen, wenn weder Ausweis, Registereintrag noch eine mündliche Aussage vorhanden sind. Es ist ein einfacherer Zugang, die Angehörigen sind dann weniger von dieser Frage überrumpelt. Es geht aber keinesfalls darum, die Leute zu überreden oder Personen zu Organspendern zu machen, die das nicht wollen.

Die Widerspruchslösung wird oft auch automatische Organspende genannt . . .
Eine komplett deplatzierte Bezeichnung. Mich nervt das jedes Mal. Das kommt von Leuten, die solche Gespräche nicht führen müssen. Wir fragen die Angehörigen in jedem Fall. So sieht es auch der Gegenvorschlag des Bundesrats vor, die erweiterte Widerspruchslösung. Die enge Formulierung der Initiative, die das Angehörigengespräch nicht explizit vorsieht, würde in der Praxis bei uns nicht gehen. Das ist in unserem Kulturkreis heute unmöglich.

Mit der Widerspruchslösung würde die Organspende vom Geschenk zur Pflicht. Ist das nicht kontraproduktiv?
Dieses Argument höre ich immer wieder. Aber ich kann Ihnen versichern: Wir haben vor jedem Organspender extremen Respekt und wertschätzen ihn sehr. Das wäre mit der Widerspruchslösung nicht anders. Für die Empfänger sind die gespendeten Organe sowieso in jedem Fall ein riesiges Geschenk. Heute haben wir aber die Situation, dass Organe nicht gespendet werden, obwohl der Wunsch da gewesen wäre.

Bereits vor gut fünf Jahren verwarf das Parlament die Widerspruchslösung. Ist die erneute Forderung nicht eine Zwängerei?
Damals war ich auch gegen die ­Widerspruchslösung und empfand sie als Zwängerei. Ich war gerade neu in der Organspendemedizin. Heute muss ich sagen, dass ich falsch lag.

Was hat sich geändert?
Ich hatte erst wenig Erfahrung in dem Bereich und noch nicht so viele Gespräche geführt. Ich war an dem Punkt, an dem die NEK heute ist. Meine Erwartung war, dass der Aktionsplan des Bundes und die laufenden Kampagnen zu mehr Organspenden führen werden. Doch das hat nicht funktioniert.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 15.09.2019, 16:22 Uhr

Organspendemediziner

Renato Lenherr ist Oberarzt am Institut für Intensivmedizin am Unispital Zürich (USZ) und leitet das Netzwerk Donor Care Association (DCA). Dieses koordiniert die Organspende am USZ und an 23 weiteren Spitälern.

Artikel zum Thema

Wer seine Organe nicht spenden will, muss dies explizit festhalten

Eine Initiative fordert, dass jeder Organspender wird, solange er dies nicht ausgeschlossen hat. Auch der Bundesrat befürwortet nun einen Systemwechsel. Mehr...

«Ein Verzeichnis der Nein-Sager lässt sich leichter organisieren»

Interview Ethiker Alberto Bondolfi findet es richtig, wenn Organe auch ohne explizite Zustimmung entnommen werden dürfen. Mehr...

Nötigung ist der falsche Weg

Kommentar Der Bundesrat will die Menschen quasi automatisch zu Organspendern machen. Er geht mit seinem Vorschlag zu weit. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...