«Ich bin überhaupt nicht neidisch auf Greta»

Felix Finkbeiner war einst der Kinderstar der Ökobewegung. Im Interview spricht er über die aktuellen Schülerproteste und die neue Galionsfigur.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit neun Jahren vertrat er die Idee, dass es der Welt besser ginge, wenn möglichst viele Menschen möglichst viele Bäume pflanzen würden. Mit 13 Jahren stand er 2011 am Rednerpult in der Zentrale der Vereinten Nationen in New York und erklärte den Delegierten aus 192 Ländern, dass sie sich verhielten wie Affen. Er sagte: «Wenn man einen Affen wählen lässt, ob er lieber eine Banane jetzt nimmt oder sechs Bananen später, wird er immer sofort die eine nehmen.» Auch die Menschen, das war seine Botschaft, denken nur ans Jetzt und stehlen den Kindern die Zukunft. Mit 20 erhielt der Deutsche das Bundesverdienstkreuz. Heute lebt der 21-jährige Felix Finkbeiner in der Schweiz und promoviert in Umweltwissenschaften an der ETH Zürich. Sein Thema: Bäume.

Herr Finkbeiner, Sie waren einst das Wunderkind der Ökobewegung, nun haben Sie mit der jungen Greta Thunberg eine Nachfolgerin. Neidisch?
Überhaupt nicht.

Was halten Sie von der 16-jährigen Klimaaktivistin aus Schweden?
Ich bin ein grosser Fan von Greta und unglaublich von ihr beeindruckt. Sie hat es geschafft, dass seit Wochen fast täglich über das Klima diskutiert wird. Wir haben dieses Jahr wahrscheinlich schon mehr über Klima gesprochen als in den letzten zwölf Jahren zusammen.

Greta tourt, Vorträge haltend, durch die Welt. Sie sprach am Klimagipfel der Vereinten Nationen in Katowice, sie sprach am WEF in Davos und in Brüssel. Ein Kind, das die Welt belehren will. Warum hören ihr alle zu?
Weil sie klar spricht. Und weil sie etwas ausspricht, das wir alle wissen. Wir kennen seit Jahrzehnten die Probleme. Der erste Forscher hat den Zusammenhang zwischen CO2 und Temperatur bereits 1895 dargestellt. Also vor über 120 Jahren! Dann hat es natürlich eine ganze Weile gedauert, bis uns klar wurde, wie ernst das Problem wirklich ist. Aber spätestens seit 1992, seit dem Anfang der grossen Klimakonferenzen und der Gründung des Weltklimarats, ist es völlig klar, dass wir ein Riesenproblem haben.

Genau das kann man Greta und der von ihr angeführten Schülerbewegung vorwerfen: Sie sagen zum Klima nichts Neues. Und sie haben keine konkreten Forderungen.
Die müssen sie auch nicht haben. Es geht nicht darum, dass jetzt Jugendliche kommen, die neue Lösungen anbieten. Die Lösungen sind längst bekannt. Wir haben das Pariser Klimaabkommen, in dem jedes Land der Welt sich Klimaziele gesteckt hat. Wir wissen ganz genau, was die Schritte sein müssen, um diese Ziele auch einzuhalten.

Nämlich?
Ein schnellerer Kohleausstieg, stärker in erneuerbare Energien investieren, und vor allem müssen wir globale Lösungen suchen. Die Bevölkerung in Afrika verdoppelt sich in 30 Jahren auf 2,4 Milliarden Menschen. Wir müssen ihnen helfen, zu Wohlstand zu kommen, ohne CO2 zu emittieren. Mit Energie aus der Wüste können wir die Afrikaner sauber reich machen und uns Reiche sauber. Wir könnten Bäume finanzieren, die Menschen in Entwicklungsländern pflanzen. Es gibt viele Lösungen.

«Wenn wir so weitermachen, werden viele Teile der Welt unbewohnbar sein.»

Und warum passiert Ihrer Meinung nach nichts?
Weil es unbequem ist und das Klimaproblem nie oben auf der politischen Tagesordnung steht. Es gibt immer kurzfristigere Herausforderungen, über die man zuerst spricht: die Finanzkrise, die Eurokrise, die Flüchtlingskrise. Das grosse Problem beim Klima ist, dass wir die Konsequenzen erst Jahrzehnte später merken. Die Leute, die gerade die Entscheidungen treffen, sind von den Konsequenzen nicht betroffen, sondern immer die Generation danach. Ausserdem ist die Klimakrise komplex. Mit ihren klaren Aussagen hält uns Greta den Spiegel vor. Auch deshalb ist sie so erfolgreich.

Das waren Sie auch. Wie kam es eigentlich dazu, dass ein Schüler aus Bayern zum internationalen Kinderstar der Klimabewegung wurde?
Es ging los, weil der Winter 2006/07 besonders warm war und meine Lehrerin Klima und Wetter ein bisschen verwechselt hat.

Während Sie schon als 9-Jähriger wussten, dass es da einen Unterschied gibt?
Nein, Quatsch. Das sage ich jetzt im Nachhinein. Aber sie hat den warmen Winter als Zeichen für die Klimaerwärmung gesehen und deswegen spontan dazu eine Themenwoche gemacht. Da sollte ich ein kleines Referat halten. Bei den Vorbereitungen hat mich fasziniert, was ich im Internet über Wangari Maathai las. Die kenianische Friedensnobelpreisträgerin liess in Afrika 30 Millionen Bäume pflanzen. Da hatte ich die Idee, dass wir Schüler in jedem Land der Welt eine Million Bäume pflanzen sollten, ohne damals zu wissen, wie viel eine Million ist oder wie viele Länder es auf der Welt gibt.

Darum ging es in Ihrem Vortrag: Lasst uns Bäume pflanzen?
Genau. Ich glaube, die Überschrift des Referats lautete «Save the Polar Bear», lasst uns die Eisbären retten.


Video: «Ich bin nicht anders als die anderen Kinder» (2010)

«Wenn wir erwachsen sind, gründen wir vielleicht die erste globale Partei»: Der 14-jährige Klimaschützer Felix Finkbeiner. Video: Jan Derrer


Sie haben das Referat auf Englisch gehalten?
Ich war auf einer internationalen Schule, deshalb auf Englisch. Der Eisbär war mein Lieblingstier, weil ich zu meinem fünften Geburtstag von meiner Tante so einen riesigen Plüsch-Eisbären bekommen hatte. Später habe ich dann verstanden, dass es beim Klima nicht um den Eisbären geht, sondern um uns Menschen.

Und um Bäume.
Das sind die besten CO2-Speicher der Welt. Vor unserer Schule haben wir den ersten Baum gepflanzt. Eine Journalistin der «Süddeutschen Zeitung» war da und ein Journalist vom Deutschlandfunk. Die haben über unseren ersten Baum berichtet. Was im Nachhinein etwas komisch wirkt, wir haben ja wirklich nur einen Baum gepflanzt.

Damit aber offenbar einen Nerv der Zeit getroffen.
Es war für uns auf jeden Fall ein Riesenglück, dass die Medien darüber berichtet haben. Dadurch erfuhren andere Schulen von unserem Projekt und pflanzten ebenfalls Bäume. Ein älterer Schüler hat uns dann eine Website gemacht, wo es ein Ranking gab, welche Schule am meisten Bäume gepflanzt hatte. Da wollten natürlich alle an der Spitze dieser Rangliste stehen und die anderen Schulen übertrumpfen. So hat sich das verbreitet. Nach einem Jahr hatten wir die ersten 50 000 Bäume gepflanzt, nach drei Jahren eine Million.

Daheim sind sie durch das Fernsehen getingelt, die Zeitungen berichteten, und mit 13 Jahren schafften Sie es ans Rednerpult der Vereinten Nationen. Wie haben Sie diesen Auftritt in Erinnerung?
Ich habe mir gewünscht, ich wäre einfach nur in der Schule. Ich war so aufgeregt.

Was macht das mit einem Kind, wenn es plötzlich ein Leben im Rampenlicht führt?
Viel weniger, als man sich das wahrscheinlich vorstellt. Mir war das damals nicht so klar, wie bekannt unsere Projekte waren.

Eines davon war «Plant for the Planet», eine Organisation, die Sie als Viertklässler gegründet haben. Heute arbeiten hier 150 Mitarbeiter an der Aufforstung des Planeten. Wie viele Bäume hat dieser Global Player schon angepflanzt?
Weltweit acht Millionen. Wir führen auch die Billion-Tree-Campaign der Vereinten Nationen, eine Art Weltbaumzähler. Alle, die aufforsten, jedes Unternehmen, jede Regierung oder Organisation, können hier ihre Bäume registrieren. Weltweit sind so 14 Milliarden Bäume gemeldet worden.

Um wie viel lässt sich damit das CO2 reduzieren?
Ein Baum nimmt im Durchschnitt pro Jahr zehn Kilo CO2 auf. ­Weltweit haben wir das Potenzial, 1000 Milliarden Bäume zu pflanzen. Wenn wir das tun, können wir den weltweiten menschgemachten CO2-Ausstoss etwa um ein Viertel kompensieren.

Das würde das Problem nicht lösen.
Richtig, es ist kein Freibrief, so weiterzumachen wie bisher. Wir müssen unseren CO2-Ausstoss so weit wie möglich reduzieren. Aber die Bäume sind ein wichtiger Zeit-Joker, mit dem sich die Klimaerwärmung verlangsamen lässt. Ganz realistisch gesagt: Ohne diesen Joker werden wir es nicht schaffen, die Pariser Klimaziele umzusetzen, weil heute nur 16 der 193 Länder auf der Welt ihre Klimaziele umsetzen.

«Ich werde sie wohl nächsten Monat treffen.»

Das Thema Klima ist in der Schweiz zum heissen Wahlkampfthema geworden. Links-grüne Parteien fordern einen stärkeren Klimaschutz, während die SVP fragt, warum wir teure Massnahmen ergreifen sollen, während Länder wie China in 16 Minuten gleich viel CO2 ausstossen wie die Schweiz im ganzen Jahr.
Historisch sind die westlichen Staaten für 60 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Ausserdem hat die Schweiz, genau wie China, als Teil des Pariser Klimaabkommens Klimaziele formuliert. Wie wollen wir von den Chinesen erwarten, dass sie ihre Klimaziele einhalten, wenn wir unsere eigenen nicht umsetzen.

Auf welche Missverständnisse in Sachen Klimawandel stossen Sie bei Ihren Begegnungen am häufigsten?
Am meisten überrascht mich, wie konstant die Folgen der Klimakrise unterschätzt werden. Der Grund ist, dass die Regierungen der Welt versprochen haben, dass die weltweite Durchschnittstemperatur um nicht mehr als 2 Grad ansteigt. In den Medien wird daher fast nur über dieses Szenario gesprochen und alles andere als Alarmismus abgetan. Wir steuern aber gerade auf einen Anstieg von 4 Grad zu. Deshalb rechnet die UNO mit bis zu 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050. Wenn wir so weitermachen, werden viele Teile der Welt unbewohnbar sein.

Dieses «Wir alle zusammen für eine bessere Welt» kann aber schon religionsähnliche Gefühle auslösen, finden Sie nicht? Wie bleibt man im Kampf um eine bessere Welt auf dem Boden?
Vor allem löste es das Gefühl aus, dass wir jetzt unbedingt gemeinsam anpacken und ganz viele Bäume pflanzen müssen. Wir sind normale Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Bis jetzt ist niemand abgehoben.

Sie sind ein Aktivistenkind. Ihr Vater ist Mitglied im Club of Rome, jener Vereinigung von Denkern, die aus der Umweltbewegung Ende der Sechzigerjahre hervor-gegangen ist. Hat Sie das stark beeinflusst?
Mein Vater war viele Jahre Unternehmer, und seit 25 Jahren engagiert er sich ganz für die gerechte Gestaltung der Globalisierung. Das hat mich auf jeden Fall beeinflusst.

Statt über Autos und Fussball wurde bei Ihnen zu Hause am Frühstückstisch über Klima und Bevölkerungswachstum gesprochen?
Ja, aber manchmal auch über andere Dinge.

Was machen Sie persönlich für den Klimaschutz?
Ich fahre so viel wie möglich Zug.

Haben Sie ein Auto?
Nein. Aber ich möchte nochmals unterstreichen: Wir werden das Problem nicht allein durch Verzicht lösen. Da machen vielleicht 5 Prozent der Bevölkerung mit.

Zu den effektivsten Massnahmen gegen den Klimawandel gehört, weniger Fleisch zu essen. Etwa ein Viertel des weltweiten CO2-Ausstosses stammt aus der Fleischproduktion. Wie oft kommt bei Ihnen ein Steak auf den Tisch?
Nie. Ich bin Vegetarier.

Wegen des Klimas, unter anderem?
Besonders wegen des Klimas.

Machen Sie bei den aktuellen Schülerdemonstrationen für mehr Klimaschutz mit?
Ja, aber nicht bei jeder. Am letzten Samstag war ich leider unterwegs.

Warum nutzt man Sie nicht als Aushängeschild?
Das würde ich gar nicht wollen, und es braucht das auch gar nicht, denn es gibt ja schon Tausende Aushängeschilder, verteilt auf Tausende Gemeinden weltweit. Das ist viel besser. Und Greta ist das beste Vorbild, das es geben kann.

Hatten Sie eigentlich schon mal Kontakt mit Ihrer Nachfolgerin?
Bis jetzt noch nicht. Aber ich werde sie wohl nächsten Monat treffen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2019, 21:26 Uhr

Artikel zum Thema

«Hören Sie mit dieser CO2-Verteufelung auf!»

Die Klimabewegung wird breiter, grösser. Und die grösste Partei der Schweiz? Findets weiterhin unnötig. Gespräch mit einem ihrer Vordenker. Mehr...

Weltrettung zuerst – dann Hausaufgaben

Engagiert bis zum Umfallen: SRF porträtierte Schweizer Klima-Aktivistinnen. Mehr...

Ein Teenager und 1000 Milliarden Bäume

Video Der 14-jährige Felix Finkbeiner will mit 1000 Milliarden Bäumen das Weltklima retten. Tagesanzeiger.ch/Newsnet traf ihn am Klimagipfel in Bern zum Videointerview. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...