«Ein Schlafzimmer sagt relativ viel über einen aus»

Wohnpsychologe Uwe Linke kann aus einem Daheim auf die Bewohner schliessen und gibt Tipps, um sich zu Hause wohler zu fühlen.

«Der springende Punkt ist, sich zu fragen, welches Bedürfnis das Daheim befriedigen soll», erklärt Wohnpsychologe Uwe Linke. Foto: iStock/Katarzyna Bialasiewicz

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Sie sagten mal, Schlafzimmer seien verräterisch. Sollte man dort nachschauen, um zu erfahren, wie jemand tickt?
Ein Schlafzimmer sagt relativ viel über einen aus, weil es ein intimer Raum ist, den normalerweise kein Aussenstehender zu Gesicht bekommt. Allerdings missbrauchen viele ihr Schlafzimmer als Abstellraum. Das ist äusserst ungünstig, um sich zu erholen, und erst recht für erotische Abenteuer, das beobachte ich auch als Paartherapeut.

Was ist mit dem Einrichtungsstil? Was bedeutet es, wenn alles voller Landhausmöbel ist?
Der Stil drückt eher unsere Sehnsüchte und weniger unsere Persönlichkeit aus. Den Landhausstil treffen wir daher viel häufiger in der Stadt an als auf dem Land, wo die Leute weniger Sehnsucht nach der guten alten Zeit haben, in der vermeintlich alles besser und ruhiger war. Es geht beim Einrichtungsstil auch eher darum, wie wir uns darstellen möchten und wie andere uns wahrnehmen sollen.


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Worauf schauen Sie, wenn Sie ein Zuhause analysieren?
Das Gesamtpaket ist wichtig. Ich versuche jeweils auf die Details zu achten, die nicht zum dominierenden Stil und zum Bewohner passen. Unsere Persönlichkeit ist ja zusammengesetzt aus unterschiedlichen Einzelbausteinen und Erfahrungen. Diese Widersprüchlichkeiten spiegeln sich oft in der Wohnung wider. Ich schaue, welche Farben oder Materialien jemand verwendet oder welche er vermeidet. Ob mit Farben oder der Einrichtung eine Spannung erzielt wird oder ob alles harmonisch ist. Zwischen einem beigen und einem weissen Sofa ist zum Beispiel ein riesiger Unterschied. Ein schneeweisses puristisches Sofa hat etwas Abweisendes, im Sinne von «rühr mich nicht an», mit Beige kann man wenig falsch machen. Licht ist auch sehr verräterisch.

«Menschen, die sich zu Hause mit vielen Dingen umgeben, haben oft ein starkes Nähebedürfnis.»

Was ist mit der Anzahl Sachen, die herumstehen?
Das ist entscheidend. Es sagt viel aus, ob man jede freie Stelle in der Wohnung vollstellt oder ob man auch Leere zulässt, selbst wenn man wenig Platz hat. Der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann hat in seinem Buch «Die Grundformen der Angst» vier Grundtypen beschrieben. Ich leite davon vier Wohntypen ab.


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Wie muss man sich das genau vorstellen?
Menschen, die sich zu Hause mit vielen Dingen umgeben, haben oft ein starkes Nähebedürfnis. Für sie sind Beziehungen das Wichtigste, der Partner, die Freunde, die Familie. Der Nähetyp würde keinen stylischen Sessel wählen, auf dem es sich nicht so bequem sitzt, sondern lieber einen kuscheligen Ohrensessel. Er bevorzugt Nichtfarben, weil er sich gerne anpasst und sich nicht festlegen möchte. Das Gegenteil davon ist der Distanztyp. Er pflegt zwar auch Beziehungen, lässt sie aber weniger nahe an sich heran. Er würde, pauschal gesagt, auch Lackoberflächen gut finden oder aggressive Farben.

Welches sind die anderen beiden Wohntypen?
Da gibt es den Dauertyp, Riemann würde ihn den zwanghaften Typ nennen. Er mag Sicherheit und Tradition, er ist ein Sammler und wenig spontan. Wenn er sich einen Esstisch kauft, würde er kaum einen aus Aluminium mit filigranen Beinen wählen, selbst wenn der genauso stabil ist wie der massive Holztisch. Zarte Möbel würde er nicht aushalten, weil sie ihm nicht die Dauerhaftigkeit und Sicherheit versprechen, die er sich wünscht. Sein Gegenpol ist der Änderungstyp, der Kreative, der Begeisterungsfähige. Konstanz ist ihm ein Gräuel. In seiner Wohnung finden sich schrillste Gegensätze, er springt auf jede Mode auf.


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Ist es nicht einfach oft Zufall, wie man eingerichtet ist?
Es gibt viele Menschen, die wenig Wert aufs Wohnen legen, weil sie andere Prioritäten haben. Ich würde trotzdem behaupten, dass man viel aus einer Wohnsituation herauslesen kann. Wenn ein Paar Beziehungsprobleme hat, lässt sich an seinem Zuhause bereits viel erkennen. Zum Beispiel wenn es keine Bereiche gibt, in die sich jeder zurückziehen kann. Das wäre aber sehr wichtig, vor allem, wenn einer eher introvertiert ist. Das muss kein separates Zimmer sein, das kann auch nur eine Leseecke sein. Manchmal reicht es, dass es diese Bereiche in der Wohnung gibt, und man kann trotzdem 24 Stunden aneinander kleben.

Wie soll man sich als Paar einrichten? Den kleinsten gemeinsamen Nenner finden oder soll jeder möglichst einen Teil der Wohnung nach seinem Geschmack einrichten?
Unbedingt Letzteres. Wenn ein Paar sich nicht entscheiden kann, rate ich, die Räume jeweils einer Person zu überlassen. Das Wohnzimmer darf sie einrichten, weil ihr dieser Raum am wichtigsten ist, im Hobbyraum kann er seinen Stil ausleben. Das ist ein Kompromiss, der eigentlich kein Kompromiss ist, sondern eine gute Basis für gegensätzliche Entscheidungen. Die Briten haben eine schöne Formulierung dafür: We agree to not agree. Wir sind uns einig, dass wir uneins sind.


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Wo fängt man an, wenn man sich zu Hause unwohl fühlt?
Der erste Tipp lautet: ausmisten. Dabei sollten wir uns bei jedem Stück fragen: Was brauche ich? Woran hängt mein Herz? Was passt nicht mehr zu mir? Oft ist es ja so, dass wir uns beim Wohnen an der Vergangenheit orientieren. Warum hängen wir nicht ein Bild von einem Ort auf, zu dem wir hinfahren wollen? Wir könnten uns auch fragen, ob wir wirklich noch eine Couch brauchen, wenn wir sowieso meist am Esstisch sitzen und ­Filme im Bett schauen.

Und wenn die Couch viel Geld gekostet hat?
Da muss man radikal sein, vor ­allem wenn man damit nicht mehr glücklich ist. Wir sollten uns viel häufiger mit unserer Einrichtung auseinandersetzen.


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Oft nimmt man die gar nicht richtig wahr. Erst wenn Besuch kommt, fällt einem auf, dass ein Bild eigentlich hässlich ist.
Am besten ziehen Sie ein Resümee, wenn Sie aus den Ferien zurückkommen. Dann haben Sie Distanz und sind voller Eindrücke von aussen. Dann können Sie wie ein Besucher zu sich nach Hause kommen und sich fragen: Fühle ich mich willkommen und geborgen? Komme ich hier zur Ruhe?

Und dann?
Könnten Sie als Erstes schauen, wo Ihr Lieblingsplatz ist und wo Sie gerne hinschauen möchten. Viele haben ihre Couch so ausgerichtet, dass man in den Raum schaut, weil der Fernseher da steht. Es kann aber viel entspannender sein, nach draussen zu schauen oder auf schöne Bilder. Der springende Punkt ist, sich zu fragen, welches Bedürfnis das Daheim befriedigen soll. Ob man sich geborgen fühlen will oder sich entspannen möchte.

Viele haben ihre Wohnung nicht nur für sich, sondern für Besuch eingerichtet.
Das ist oft ein Problem. Man lebt 364 Tage im Jahr mit einer Kompromisslösung. Aber es ist ja nicht mehr so, dass jederzeit unangemeldet Besuch vorbeikommen könnte, wie früher, als man sonntags bis 14 Uhr alles auf Hochglanz poliert haben und mit einem Kuchen auf allfällige Gäste vorbereitet sein musste. Und was wäre so schlimm daran, keine Schlafcouch mehr zu haben oder eine Unordnung? Man kann dem Besuch auch das Gefühl geben, willkommen zu sein, wenn man ihm ein Hotelzimmer bucht oder sich eine Pizza liefern lässt, wenn nicht aufgeräumt ist. Aber das ist ein Reifeprozess, den man zuerst durchmachen muss.



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Erstellt: 11.10.2019, 20:17 Uhr

Uwe Linke

Der Paartherapeut arbeitet auch als ­Berater und ist Autor von Büchern wie «Die ­Psychologie des ­Wohnens» oder «Single-Frau wählt Single-Mann und schaut sich­ seine Wohnung an». (Bild: Stephan Glathe)

Der Katalog ist tot

Wenn es draussen kühler und dunkler wird, ­ziehen wir uns wieder in unsere vier Wände ­zurück, steigt die Lust, sich neu einzurichten, und immer genau in diesem Moment landen die ­dicken, neuen Möbelkataloge im Briefkasten. In diesem Jahr war das allerdings auffallend ­anders.

Von den bekannten grossen Anbietern hat nur noch Ikea vor dem Herbstbeginn ­seinen klassischen Jahreskatalog mit einer breiten Auswahl an Möbeln, Lampen, Wohntextilien und Accessoires verschickt. Andere Anbieter wie Interio, Micasa oder Pfister setzen inzwischen ausschliesslich auf saisonale oder thematische Broschüren sowie Newsletter, die nur noch einen kleinen Teil des Angebots abbilden statt das komplette Sortiment, das online mit ein paar Klicks abrufbar ist.

Damit geht eine Ära zu Ende – wie schon beim Kleiderversandhandel ­zuvor. Der Klassiker schlechthin, der deutsche Otto-Katalog, wurde vergangenen Dezember nach 68 Jahren eingestellt.

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