Esoterik-Shootingstar zu 5G: «Da wird man gegrillt»

Christina von Dreien füllt ganze Säle. Und ihr Video zum Mobilfunk zeigt, wie um neue Technik gekämpft wird.

Der neue Mobilfunkstandard sei «komplett gesundheitsschädigend», unsere «Schwingungen», «Chakren» und «Emotionalkörper» würden manipuliert – wie auch unser Denken: Christina von Dreien zu 5G. (timetodotv/youtube.com)


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Diesen Sommer will der Bund eine Studie mit Fakten zum neuen Mobilfunkstandard 5G veröffentlichen. Zu welchen Ergebnissen sie kommt, ist noch nicht bekannt. Aber die junge Frau im Youtube-Video, das in wenigen Wochen über 100'000-mal angeklickt wurde, wähnt sich offensichtlich im Vollbesitz allen Wissens – und macht es kurz: «Da wird man gegrillt», sagt sie, als sie nach den Auswirkungen von 5G gefragt wird.

Die junge Frau, die im Schneidersitz auf einem Sofa sitzt und im rosafarbenen Pulli mit Schmetterlingsmotiv so wirkt, als habe sie jemand auf grösstmögliche Unschuld getrimmt, ist nicht irgendwer, sondern Christina von Dreien: Die 18-Jährige ist eine Art Greta Thunberg der deutschsprachigen Esoterik-Szene – mit grosser Gefolgschaft, zwei Buchbestsellern und Vorträgen, zu denen der Eintritt 180 Franken kostet.

Vor zwei Wochen wollte von Dreien in Bern einen Flashmob, also einen spontan wirkenden Menschenauflauf gegen die Einführung des Mobilfunkstandards veranstalten – mit der Parole «Von 5G nach 5D». Dazu kam es nicht: Da gleichentags der Fussball-Cupfinal stattfand, zog die Toggenburgerin das Gesuch bei der Berner Gewerbepolizei für ihre Demonstration zurück.

Auch in Zürich konnte keine Halle für «ein physisches Treffen» gefunden werden, heisst es in einem Newsletter von Dreiens. Stattdessen sollten ihre Anhänger einen Brief beim Bundeshaus abgeben, in dem «umgehend» der Stopp der vermeintlich illegalen 5G-Antennen gefordert wird. Zudem sollte von Dreiens Gefolgschaft um 17 Uhr meditieren, damit «eine spirituelle Lichtwelle» von Zentraleuropa ausgehen könne.

«Da wird man gegrillt»: Christina von Dreien.

Christina von Dreiens Aussagen – wie auch ihr Erfolg auf Youtube – sind symptomatisch: Seit Monaten tobt in der Schweiz ein eigentlicher Informationskrieg rund ums Thema 5G, der von den Anbietern mit aussergewöhnlich grossen Werbebudgets bestritten wird – um dem Technologieüberdruss, den Ängsten vor Gesundheitsrisiken, der Digitalisierung oder einer totalen Überwachung begegnen zu können. Selbst Letztere sind gross: So wurde unlängst über Spionagerisiken spekuliert, da Sunrise beim Ausbau auf 5G auf den chinesischen Marktführer Huawei setzt, während Swisscom und Salt mit dem schwedischen Anbieter Ericsson aufrüsten wollen.

Aber nirgendwo erhalten die Ängste vor 5G so viel Nahrung wie in den sozialen Netzwerken und auf Youtube. Dort skizziert Christina von Dreien in wenigen Minuten ein Horrorszenario: Der neue Mobilfunkstandard sei «komplett gesundheitsschädigend», unsere «Schwingungen», «Chakren» und «Emotionalkörper» würden manipuliert – wie auch unser Denken. Die Handys könnten bereits heute unsere Gedanken lesen, ohne dass wir diese je ausgesprochen oder formuliert haben. Mit der Einführung von 5G werde alles noch viel schlimmer. Davon ist von Dreien, die eigentlich Christina Meier heisst, überzeugt.

Eine unter vielen

Von Dreien ist mit ihren Theorien nicht allein: Gibt man auf Youtube «5G» als Suchbegriff ein, erscheinen – in der Regel – unter den ersten zehn Ergebnissen mehrheitlich Videos, die in alarmistischen Tönen vor der neuen Mobilfunkgeneration warnen und die dafür die abstrusesten Theorien verbreiten: Nanoroboter sollen mit 5G in unser Gehirn eingepflanzt werden, um eine totale Versklavung der Menschheit herbeizuführen – im Auftrag der «Kabalen», also irgendwelcher Drahtzieher.

So zumindest ein Youtube-Video, in dem ein Artikel des Verschwörungstheoretikers Jan Walter vorgelesen wird, der die Seite www.legitim.ch betreibt. Weit über 170'000-mal wurde die Lesung von Walters Text angeklickt. Traditionelle Informationssendungen haben mit ihren 5G-Beiträgen auf Youtube nur einen Bruchteil dieser Reichweite.

Auf der weltgrössten Videoplattform wird also kaum zur Kenntnis genommen, dass im SRF-Gesundheitsmagazin «Puls» festgehalten wurde, dass es keine wissenschaftlichen Studien gibt, die negative Auswirkungen von 5G belegen können. Obwohl der «Puls»-Beitrag auf Youtube verfügbar ist.

Gewiss, das lineare Fernsehen und die Zeitungen übertreffen noch immer die Reichweite der erwähnten Youtube-Videos. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass in den sozialen Medien mächtige Gegenöffentlichkeiten entstanden sind, die Ängste schüren und Zweifel säen. Und dass diese Zweifel und Ängste leichter gestreut als wieder aus der Welt geschafft werden können.

Verbreiten die Russen gezielte Desinformationen zu 5G?

Paradoxerweise machen die Verschwörungstheoretiker vor allem jenen das Leben schwer, die eine rasche Einführung von 5G übereilt finden, die sich um Alternativen und um eine wissenschaftlich fundierte Diskussion bemühen. «Wir müssen uns immer abgrenzen, was schwierig ist», sagt Thomas Hardegger.

Der SP-Nationalrat will erreichen, dass Alternativen zum 5G-Mobilfunk verfügbar sind, etwa mithilfe von WLAN. «Die Aktivitäten der Verschwörungstheoretiker in den sozialen Netzwerken machen es extrem einfach, unsere Anliegen in eine bestimmte Ecke zu stellen, womit nicht zuletzt verhindert wird, dass die wirklich Betroffenen, die elektrosensiblen Menschen, von den Mobilfunkanbietern ernst genommen werden.»

Ähnlich sieht die Sache Peter Kälin, der Präsident des Vereins Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz, der in der beratenden Expertengruppe des Bundesamts für Umwelt (Bafu) Einsitz hat. «Die Verschwörungstheoretiker sind eine kleine Minderheit, mit der wir nichts zu tun haben wollen», sagt Kälin. «Wir setzen uns für die Erhaltung des heutigen Schutzniveaus ein, ausserdemfür eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung allfälliger gesundheitlicher Folgen der kaum untersuchten Technologien, welche bei 5G zur Anwendung kommen.»

Verschwörungstheorien rund um den Mobilfunk sind keine Schweizer Besonderheit. Und sie sind auch kein Novum. Neu ist nur, dass sie in den sozialen Medien stark zirkulieren. Inzwischen gibt es gar Hinweise, dass die Theorien bewusst verbreitet werden, um die Diskussion zum Entgleisen zu bringen: Weil sie in Sachen 5G hinterherhinken, würden die Russen über Sender wie RT America gezielte Desinformationen zum neuen Mobilfunkstandard pushen. Mit dem Ziel, dass sich die demokratischen Staaten an Diskussionen über den Einfluss von 5G auf die Umwelt und die Gesundheit zerreiben. So zumindest ein Bericht der «New York Times».

Die Zahl besorgter Anfragen scheint vernachlässigbar

Die Gegenöffentlichkeiten sind nicht zuletzt deshalb so beunruhigend, weil sie sich einer offenen Diskussion bewusst entziehen: Fragen dieser Zeitung zu 5G beantwortete Christina von Dreien nicht. Das Misstrauen der Anhänger von Verschwörungstheorien scheint zudem so gross, dass sie keinen Kontakt mehr zu den öffentlichen Institutionen suchen: Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hat seit Anfang Februar insgesamt nur rund 300 Anfragen von besorgten Bürgern zu 5G erhalten. Ähnlich sieht es beim Bundesamt für Umwelt aus: Gut 400 schriftliche Anfragen trafen dort seit September 2018 ein.

Vergleichbar scheint die Situation bei den zukünftigen 5G-Anbietern zu sein: Die Anfragen bewegen sich «im Rahmen des Angemessenen», heisst es bei Salt. Auf eine Anfrage von besorgten Bürgern kämen fünf, die sich danach erkundigen, «wann und wo von 5G profitiert werden kann», schreibt Sunrise. Von einer «Kontroverse in einem ähnlichen Ausmass» wie bei der Einführung von 3G im Jahr 2004 spricht die Swisscom.

Auch wenn in den letzten Monaten eine Zunahme von Zuschriften zu verzeichnen ist, in denen Ängste vor dem Mobilfunk ein Thema sind, scheint ihre Zahl, zumindest bei den offiziellen Stellen, vernachlässigbar angesichts von über elf Millionen Mobilfunkanschlüssen – und Hunderttausenden Klicks auf Youtube-Videos, die nur ein Ziel haben: Die Köpfe ihrer Zuschauer in Beschlag zu nehmen.



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Erstellt: 03.06.2019, 11:17 Uhr

Der konfliktgeladene Weg vom Natel zu 5G

Mit der Liberalisierung des Fernmeldemarkts formiert sich auch der Widerstand gegen Mobilfunkantennen.

Installation einer 5G-Antenne in Bern. Foto: Keystone

1978: Die staatlichen Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe PTT nehmen das Natel-A-Netz in ­Betrieb. Die Abkürzung steht für nationales Autotelefon. Es legt den Grundstein für den Mobilfunk in der Schweiz.

1983: Die PTT schaltet das Natel-B-Netz auf. 1987: Die PTT lanciert das Natel-C-Netz. Die analogen Netze Natel A bis C fasst die Branche unter dem Begriff 1G zusammen, erste Generation.

1993: Die abgespaltene Telecom PTT digitalisiert ihr Mobilfunknetz und vermarktet es unter dem Namen Natel D. Es ist der Startschuss für die sogenannte zweite Mobilfunkgeneration 2G.

1997: Die Eidgenossenschaft liberalisiert den Fernmeldemarkt. Aus der Telecom PTT wird Swisscom.

1999: Die Anbieter Swisscom, Diax (heute Sunrise) und Orange (heute Salt) liefern sich ein Wettrüsten bei den Antennenstandorten, um ihre Mobilfunknetze flächendeckend aufbauen zu können. Das führt zu Widerständen bei der Bevölkerung in den betroffenen Wohngebieten. Die Menschen wehren sich mit Einsprachen gegen den Bau neuer Sendemasten. Erstmals gibt es breite öffentliche Debatten darüber, ob Mobilfunkstrahlung schädlich für die Gesundheit ist.

2000: Die Eidgenossenschaft versteigert die Lizenzen für die schnellere dritte Mobilfunkgeneration 3G. Der Erlös für die Bundeskasse beträgt 205 Millionen Franken. Schätzungen zufolge braucht es 10'000 neue Antennen, um 3G schweizweit anbieten zu können. Der Aufstand der Bürger wird heftiger und emotionaler. Repräsentative Umfragen zeigen, dass sich rund die Hälfte der Schweizer aktiv oder passiv gegen eine Antenne in ihrer näheren Umgebung zur Wehr setzen würden. 2002: Die Mobilfunkkunden in der Schweiz können die ersten kommerziellen Angebote für 3G nutzen.

2005: Die Stadt Bern verbietet den Bau von Mobilfunkantennen auf öffentlichen Gebäuden. Sieben Jahre später lockert Bern die Vorgaben.

2007: Apple bringt mit dem iPhone das erste Smartphone auf den Markt. Das Gerät verändert das Nutzerverhalten grundlegend und damit die Bedürfnisse der Kunden. Der Datenverbrauch im Internet wird grösser, womit 3G an Grenzen stösst. Die Mobilfunkindustrie bereitet die Lancierung des leistungsfähigeren 4G-Standards vor.

2012: Der Bund führt eine Auktion für die Frequenzen von 4G durch. Swisscom, Sunrise und Orange sichern sich für zusammen knapp eine Milliarde Franken die Lizenzen für die vierte Mobilfunkgeneration. Erste kommerzielle 4G-Angebote sind Ende Jahr erhältlich.

Das Bundesgericht fällt einen ersten Grundsatzentscheid zum Bau von Mobilfunkantennen. Das sogenannte Kaskadenmodell schreibt vor, dass Sendemasten zuerst in Zonen ohne Wohnnutzung zu errichten sind. Nur wenn dort kein Standort möglich ist, darf die Antenne in gemischten Bauzonen aufgestellt werden. Erst in dritter Priorität folgen dann die reinen Wohnzonen. Nur ganz ausnahmsweise ist zuletzt auch der Bau von Antennen in Schutzgebieten erlaubt.

2016: Swisscom, der schwedische Ausrüster Ericsson sowie die ETH Lausanne loten die Anwendungsmöglichkeiten für die fünfte Mobilfunkgeneration 5G aus. Sie erlaubt 100-mal höhere Übertragungsgeschwindigkeiten als 4G.

2018: Der Ständerat hält am strengen Strahlenschutz für Mobilfunkantennen fest. Damit können Swisscom, Sunrise und Salt das neue 5G-Netz nicht rasch flächendeckend ausrollen. Die zuständige Bundesrätin Doris Leuthard setzt eine Arbeitsgruppe ein, welche die Bedürfnisse und Risiken beim Aufbau von 5G-Netzen analysieren und Empfehlungen abgeben soll. Das Gremium will seine Ergebnisse bis zum Sommer 2019 vorstellen.

2019: Die drei Schweizer Mobilfunkanbieter ersteigern für total 380 Millionen Franken die Lizenzen für 5G. Swisscom und Sunrise versorgen erste Ortschaften mit dem neuen Standard und bieten 5G-fähige Smartphones an. Salt will im dritten Quartal nachziehen.

Die 5G-Kritiker erhalten Auftrieb. Kantone wie Waadt, Jura und Genf haben entschieden, den Antennenbau wegen Gesundheitsbedenken vorerst auf Eis zu legen. In anderen Kantonen wie Bern und Aargau liegen ähnliche Vorstösse vor. Die Eidgenossenschaft hält allerdings fest, dass 5G-Moratorien gegen Bundesrecht verstossen. Sunrise droht öffentlich mit Klagen. Die 5G-Gegner organisieren sich national und führen in Bern eine Kundgebung gegen die neue Technologie durch.

Jon Mettler

Wie gefährlich ist 5G?

Es ist unbestritten, dass elektromagnetische Strahlung mit dem menschlichen Gewebe interagiert und dieses aufheizt. Dieser Effekt ist allerdings beim Handy um ein Vielfaches stärker messbar als bei der Strahlung von Antennen.

Ändert sich das nach der Einführung von 5G? Eigentlich sollte der neue Mobilfunkstandard weniger Strahlung produzieren als die Vorgängernetze: Die Daten sind kompakter verpackt, und die Antennen strahlen fokussierter, was Nichtnutzer deutlich weniger belastet. Es werden für ein 5G-Netz allerdings mehr Antennen benötigt. Die Frage, wie sich hochfrequente Strahlung – die auch bei 5G angewandt wird – auf die Gesundheit von Mensch und Tier auswirkt, kann zurzeit nicht abschliessend beantwortet werden: Es fehlen die Langzeituntersuchungen.

Sehr gut erforscht sind dagegen die Effekte der tieferen Frequenzbereiche älterer Mobilfunkstandards. In den letzten 20 Jahren wurden dazu Tausende wissenschaftliche Studien publiziert. Ein Zusammenhang zwischen elektromagnetischer Strahlung und Krankheiten wie zum Beispiel Krebs konnte dabei nicht belegt werden.

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