ETH-Mobbingfall Carollo: Nun spricht Professor Wallny

Mit nachweislich falschen Vorwürfen machte ein Online-Magazin Stimmung gegen die renommierte Hochschule. Jetzt nimmt Professor Rainer Wallny erstmals Stellung – und wehrt sich.

Gegen die ETH-Professorin Marcella Carollo werden von ehemaligen Doktorierenden gravierende Vorwürfe erhoben: Der Fall hat die ETH Zürich in eine tiefe Krise gestürzt. Foto: Steffen Schmidt/Keystone

Gegen die ETH-Professorin Marcella Carollo werden von ehemaligen Doktorierenden gravierende Vorwürfe erhoben: Der Fall hat die ETH Zürich in eine tiefe Krise gestürzt. Foto: Steffen Schmidt/Keystone

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«Rainer Wallny, rundes Gesicht, graue Haare, forscht zu den grossen Fragen des Lebens: Ihn interessiert, was die Welt im Innersten zusammenhält.» Mit diesen Worten stellt das Online-Magazin «Republik» einen der Hauptakteure im Mobbingfall um Marcella Carollo vor. Gegen die ETH-Professorin werden von ehemaligen Doktorierenden gravierende Vorwürfe erhoben. Sie reichen von einer respektlosen und schikanösen Behandlung ihrer Mitarbeitenden über mangelhaftes Führungsverhalten bis zu Kontrollwahn.

Der Fall hat die ETH Zürich zutiefst erschüttert. Mittlerweile hat die international renommierte Hochschule beim ETH-Rat die Entlassung der Professorin beantragt. Ein Novum in der 164-jährigen Geschichte der Schweizer Hochschule.

Wallny, Vorsteher des Departements für Physik, sei als einer der wenigen Gewinner aus dem «Fall Carollo» hervorgegangen, schreibt die «Republik». Durch einen «Geniestreich» habe er den damals amtierenden Departementsvorsteher und Astronomen Simon Lilly, Carollos Ehemann, entmachtet und sich vom Stellvertreter zum Vorsteher des Departements aufgeschwungen.

Astronomie-Professorin und Doktormutter Marcella Carollo. Foto: ETH Zürich

«Diese abenteuerliche Theorie klingt wie aus einem Groschenroman und zeugt von der Unkenntnis der Journalisten der ‹Republik› von den Gegebenheiten einer akademischen Organisationseinheit» sagt Wallny, der sich nun aufgrund der in der «Republik» gegen ihn erhobenen massiven Vorwürfe erstmals öffentlich äussert.

Doch der Reihe nach. Gemäss dem Abschlussbericht der Administrativuntersuchung zum Fall Carollo, der der SonntagsZeitung vorliegt, hat die Professorin die Betreuung der Doktorandin Elisabetta Marignano (Name geändert) am 25. Januar 2017 niedergelegt. Am 26. Januar, Wallny ist gerade in den USA, kontaktiert Marignano ihn per E-Mail. Später sprechen die beiden via Skype. Wallny erfährt «gänzlich unvorbereitet», wie er sagt, von den Mobbingvorwürfen gegenüber Carollo.

Im Zuge des Gesprächs schickt ihm Marignano neun Berichte, sogenannte «Testimonials», in denen aktuelle und ehemalige Mitarbeitende von Carollos Arbeitsgruppe ihre Erlebnisse mit der Professorin festgehalten haben, «mit zum Teil schockierendem Inhalt», wie Wallny sagt.

Departementsvorsteher und Teilchenphysiker Rainer Wallny. Foto: Sabina Bobst

«Eigentlich gäbe es an der ETH einen ausgeklügelten, mehrstufigen Konfliktlösungsprozess, der in der Doktoratsverordnung verankert ist: Können schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten zwischen Professor und Doktorand nicht gelöst werden, soll der Departementsvorsteher schlichten», schreibt die «Republik». «Doch die ETH missachtet ihre eigenen Regeln.» Weder hier noch in anderen Fällen sei es zu einer Schlichtung gekommen. Das Online-Magazin macht aus dem Fall der angeblich mobbenden Professorin einen Fall ETH. Die vermeintliche Untätigkeit Wallnys wäre damit ein zentraler Teil des Versagens, das der ETH vorgeworfen wird.

In der Schlichtung ging es nur noch um die «Scheidung»

Der Untersuchungsbericht und Wallny zeichnen ein anderes Bild. Da sich Simon Lilly wegen Interessenkonflikten enthalten muss, ist der Teilchenphysiker als stellvertretender Departementsvorsteher für den Konflikt zwischen Carollo und ihrer Doktorandin zuständig. Sofort habe er Marignano über die rechtliche Lage bezüglich einer Schlichtung gemäss Doktoratsverordnung und der möglichen Einberufung einer Schlichtungskommission aufgeklärt, sagt er. Marignano nimmt ihr Recht, eine Schlichtungskommission einzuberufen, aber nicht in Anspruch.

Geschlichtet wurde aber durchaus. Die von Carollo unilateral eingeleitete Trennung von Marignano war ein Fakt: «Das Verhältnis zwischen Doktormutter und Doktorandin kann auf Wunsch jeder Partei geschieden werden», sagt Wallny. «In der informellen Schlichtung nach Artikel 17.1 der Doktoratsverordnung ging es daher im Wesentlichen um die Modalitäten dieser Trennung, wie zum Beispiel um die Klärung von Datenauswertungs- und Autorenrechten allfälliger Publikationen.»

Über diese Modalitäten unterhielten sich Carollo, Wallny, Prorektor Doktorat Antonio Togni und Studiendirektor Manfred Sigrist bei einem Treffen am 9. Februar 2017. «Ziel war es, eine beidseitig akzeptable Auflösungsvereinbarung zu vermitteln», sagt Wallny. War das Teil einer Schlichtung gemäss Artikel 17.1 der Doktoratsverordnung? «Ja», sagt Wallny. Dokumente, die der SonntagsZeitung vorliegen, bestätigen das. Die «Republik» interpretiert die Sitzung anders: «Dass beim Treffen am 9.2. geschlichtet wurde, zeigen unsere Recherchen nicht», schreibt einer der Autoren auf ­Anfrage.

«Gemäss Bericht litt die Professorin unter einem bizarren Kontrollwahn.»

Hat sich Marcella Carollo des Mobbing schuldig gemacht? Die Astronomie-Professorin wirft Wallny und anderen Beteiligten vor, sie hätten die in den Testimonials gemachten Anschuldigungen ungeprüft übernommen und sie von Beginn an vorverurteilt. Dem widerspricht Wallny: «Die Behandlung mutmasslichen ethischen Fehlverhaltens liegt jenseits der Kompetenzen des Departements, weshalb wir uns eine Überprüfung der Vorwürfe nicht anmassten.» Die Klärung der Vorwürfe übergibt Wallny vorschriftsgemäss an die Schulleitung. «Die Vorwürfe wurden dann durch die externe und unabhängige Administrativuntersuchung überprüft.»

Damit hätte sich Wallny zurücklehnen können: Schuldigkeit getan. Gemäss «Republik» ging es für Wallny damit aber erst richtig los. Es sei zu einer Art Machtkampf zwischen ihm und dem damaligen Departementsvorsteher Simon Lilly gekommen.

In der Erzählung des Online-Magazins verfolgte Wallny dabei folgende Strategie: «Das Astronomie-Institut möchte er auflösen und Carollo und Lilly zu unabhängigen Professoren ernennen, die losgelöst von der Hierarchie des Physikdepartements agieren. Ohne Zugehörigkeit zu einem Institut müsste Lilly als Departementsleiter abtreten.»

Das ist falsch, wie ein Blick in die Geschäftsordnung des Departements zeigt. Gemäss dieser ETH-Richtlinie hätte Lilly auch mit einer selbstständigen Professur Departementsvorsteher bleiben können. Der angebliche «Geniestreich» wäre wirkungslos. Zudem ist Lilly am 11. Mai 2017 von seinem Amt zurückgetreten, lange bevor das Institut für Astronomie im August stillgelegt wurde. Der «Republik»-Autor geht auf Anfrage nicht näher auf diese Widersprüche ein. Er weicht aus: «Fakt ist: Der Vertrauensentzug gegenüber Lilly hat dazu geführt, dass dieser zurücktrat.»

Noch weitere Thesen des Online-Magazins halten einer Überprüfung nicht stand. «Die Nachfolge Lillys als Departementschef solle eine Findungskommission bestimmen, geleitet von Rainer Wallny, der sich einige Monate später selber finden und an die Spitze aufsteigen wird», schreibt die «Republik». Doch Wallny war, wie er sagt, gar nicht Teil der Findungskommission. Das bestätigt Andreas Vaterlaus, Prorektor für Curriculumsentwicklung der ETH: «Die Findungskommission bestand seinerzeit aus Manfred Sigrist, Andreas Wallraff und mir.»

Folglich konnte sich Wallny nicht selbst als Departementschef finden. Die «Republik» hält an ihrer Darstellung fest. «Dies aufgrund der uns vorliegenden Dokumente und der Aussagen mehrerer unabhängiger Quellen», schreibt einer der Autoren auf Anfrage. Entsprechende Dokumente konnte er bis Samstag nicht liefern.

Wallny: Departements-Leitung verschafft keine Vorteile

Ohnehin stellt sich die Frage, warum Wallny die Leitung des Physik-Departements hätte anstreben sollen. «Erstens gibt es keinerlei persönlichen Gewinn im Ausüben der Pflichten eines Departementsvorstehers», sagt Wallny. Zweitens sei es wegen des hohen administrativen Aufwands vor allem eine Bürde. «Es bleibt weniger Zeit für die eigene Forschung, die bei Professorinnen und Professoren ein viel höheres Ansehen geniesst als administrative Aufgaben.»

Tatsächlich fragt die «Republik» Wallny, was er zu den Vorwürfen bezüglich seines angeblichen «Geniestreichs» meint und schickt ihm eine Liste mit Fragen. Wallny antwortet, dass er die seiner Meinung nach höchst suggestiven Fragen ohne Verletzung des Amtsgeheimnisses nicht beantworten könne. Dies schreibt die «Republik» aber nicht. Es heisst nur: «Nachfragen der ‹Republik› zu seinen Motiven lässt der Teilchenphysiker unbeantwortet.» Nach einer Anfrage der SonntagsZeitung bei der Medienstelle der ETH äussert sich Wallny nun erstmals. Dies, weil er in der «Republik» öffentlich und ungerechtfertigt unter Beschuss geraten sei.

Zu den Aussagen des Physik-Professors passt auch der Bericht über die Administrativuntersuchung, die der Rechtsanwalt Markus Rüssli erstellt hat. In diesem Dokument wird krasses Fehlverhalten von Carollo aufgelistet. Demnach litt die Professorin unter einem bizarren Kontrollwahn: Alle Doktoranden hätten ihr E-Mails an Empfänger ausserhalb der ETH vorlegen müssen. Eine ehemalige Sekretärin musste Rundgänge machen, um zu kontrollieren, ob die Doktoranden anwesend waren.

Eine andere Sekretärin sagte im Bericht, es seien Wetten abgeschlossen worden, ob sie länger als ein bis zwei Jahre bei Carollo bleiben werde, nachdem ihre Vorgängerinnen nach wenigen Monaten die Stelle gewechselt hatten.

Auch Professoren halten die Vorwürfe für glaubhaft

Ebenso kann es sich kaum um ein «Komplott» einer «rachsüchtigen» Doktorandin gehandelt haben, wie Carollo behauptet. Neben Sekretärinnen, Doktoranden und anderem Personal wird Carollo auch von ETH-Professoren belastet: «Sie alle hielten die gegenüber Prof. Carollo erhobenen Vorwürfe für glaubhaft», heisst es im Bericht.

Wie die Administrativuntersuchung zeigt, war die Doktorandin Marignano nicht die Erste, die sich beschwerte. Zudem führte bereits 2013 eine Mitarbeiterbefragung zu einem für Carollo äusserst negativen Resultat. Ihr Anwalt Martin Farner weist den Bericht in einer Stellungnahme gesamthaft zurück. «Statt den Sachverhalt zu untersuchen, begnügte sich Rüssli damit, Meinungen, Vorurteile, Anschwärzungen weiterzugeben», schreibt Farner in seinem Fazit.

Der ETH-Rat muss noch über die Entlassung Carollos entscheiden. Anwalt Farner kündigt an, dass er eine allfällige Entlassung anfechten werde. Die Causa Carollo wird die ETH noch lange beschäftigen.

Erstellt: 07.04.2019, 08:32 Uhr

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