«Eulen» schlägt der Tag aufs Gemüt

Abendtypen, die nicht nach ihrer inneren Uhr leben können, haben ein grösseres Risiko zu erkranken als Morgenmenschen – auch psychisch.

Nachtvögeln kommt die Umstellung auf Winterzeit entgegen: Der übliche ­Tagesrhythmus ist für sie aber trotzdem nicht ideal. Foto: Plainpicture

Nachtvögeln kommt die Umstellung auf Winterzeit entgegen: Der übliche ­Tagesrhythmus ist für sie aber trotzdem nicht ideal. Foto: Plainpicture

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Ab heute Sonntag können Nachtmenschen ein wenig aufatmen. Nicht, weil sie diese Nacht eine Stunde länger schlafen konnten, sondern weil dank der Zeitum­stellung auf Normalzeit ihr Tag-Nacht-Rhythmus wieder ein bisschen besser ins Lot kommt. Nachteulen, die abends hellwach sind, spät schlafen gehen und am Morgen kaum aus den Federn kommen, haben zwar generell mehr Mühe, sich auf den Rhythmus einzustellen, den die Arbeitswelt und die Gesellschaft fordert. Doch wenn sie dann in der Sommerzeit noch eine Stunde früher aufstehen müssen, als die Sonne es eigentlich vorgibt, dann leiden eben sie, die Nachtmenschen, am meisten.

«Abendtypen sind benachteiligt, weil sie öfter einen Konflikt haben zwischen der sozialen Zeit und ihrer inneren Uhr», sagt Christian Cajochen, Leiter des Zentrums für Chronobiologie an den Uni­versitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Das hat weitreichende Konsequenzen. Aus verschiedenen Studien wisse man heute, dass Abendtypen ungesündere Ver­haltensweisen an den Tag legen, sagt Cajochen. «Ihr Zigarettenkonsum ist höher, ihr Koffeinkonsum ist höher, sie leiden öfter an Depressionen, und sie haben auch ein höheres Risiko für Fettleibigkeit als Morgenmenschen.»

Doppelt so oft seelische Probleme wie «Lerchen»

Zudem haben Nachtmenschen möglicherweise eine kürzere Lebenserwartung. Dies zumindest legt eine letztes Jahr publizierte Studie nahe. Demnach hatten Personen, die sich als «eindeutige Nachtmenschen» respektive «Eulen» bezeichneten, ein um 10 Prozent höheres Risiko, innerhalb der Studiendauer von sechseinhalb Jahren zu sterben, als «eindeutige Morgenmenschen», sogenannte «Lerchen». Dies berichteten die Schlafforscher Kristen Knutson von der Northwestern University in Chicago und Malcolm von Schantz von der britischen University of Surrey im Fachblatt «Chronobiology International».

Für ihre Studie analysierten Knutson und von Schantz Daten von fast einer halben Million Erwachsenen im Alter von 36 bis73 Jahren aus einer grossen Ko­hortenstudie, der UK Biobank. Sie gruppierten dabei die Teilnehmer in vier Klassen von «Chrono­typen»: eindeutiger Morgentyp (27 Prozent aller Probanden), moderater Morgentyp (35 Prozent), moderater Abendtyp (29 Prozent) und eindeutiger Abendtyp (9 Prozent). Bei der Auswertung stellte sich heraus, dass «Eulen» neben dem erhöhten Sterberisiko auch ein höheres Risiko hatten für diverse Erkrankungen. Dazu zählten: Diabetes, Herz-Kreislauf-, Magen-Darm- und Atemwegserkrankungen, neurologische Probleme, Hormonstörungen bis hin zu psychischen Leiden. Letztere traten bei «Eulen» fast doppelt so häufig auf wie bei «Lerchen», Diabetes, ein anderes Beispiel, um 30 Prozent häufiger.

Bis zu einem gewissen Grad lässt sich der Typ beeinflussen

Der Chronobiologe Cajochen ist von den Resultaten der britisch-amerikanischen Studie nicht gross überrascht. Es sei aber «trotzdem interessant, zu sehen, dass die Abendtypen wieder schlecht wegkommen». Das sei auch eine Bestätigung dessen, was man schon wisse. Cajochen warnt allerdings vor kausalen Schlüssen. Es handle sich um eine korrelative Studie, die nicht beweisen könne, dass «Eulen» per se ein höheres Risiko für diverse Erkrankungen und einen frühzeitigen Tod haben.

Dies ist denn auch der Hauptkritikpunkt an der Studie. Auch wenn die Zahl der Probanden sehr gross war, handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, und solche Studien können immer nur Kor­relationen aufzeigen. Forscher vermuten denn auch, dass «Eulen» wohl weniger Gesundheitsrisiken hätten, wenn sie nach ihrem inneren Rhythmus leben könnten, wenn sie also zum Beispiel später arbeiten oder zur Schule gehen müssten. So haben diverse Studien gezeigt, dass sich die Leistungen der Schüler verbessern, wenn die Schule eine Stunde später beginnt.

Was entscheidet, ob jemand eher eine «Lerche» ist oder eine «Eule», ist erst teilweise geklärt. Bei der Ausprägung des Chronotyps spielt die Länge der Periode der inneren Uhr eine Rolle (die kürzer oder länger als 24 Stunden sein kann), ebenfalls die Gene, aber vermutlich noch mehr das Umfeld. «Es gibt riesige Unterschiede zwischen der Schweiz und etwa Indien oder arabischen Ländern», sagt Cajochen. Oder in China: Da habe es viel mehr Morgenmenschen.

So gibt es Studien, die nahelegen, dass «Eulen» schlauer, kreativer und konsistenter bei der Arbeit sind.

Ein wichtiger Faktor ist auch das Alter. Kinder haben keine Probleme, früh aufzustehen, bei Teenagern kippt es dann ganz auf die andere Seite, und mit dem Ende der Adoleszenz verschiebt sich der Rhythmus bei den meisten wieder nach vorn. «Das Gros der Bevölkerung sind keine Extremtypen», sagt Cajochen. Zudem könne man den eigenen Chronotyp bis zu einem gewissen Grad mit einem regelmässigen Schlaf-wach-Rhythmus verändern. Allerdings kann man laut Cajochen «aus einem extremen Abendtyp nie einen ex­tremen Morgentyp machen und umgekehrt».

Ganz so düster, wie die Studienlage dies impliziert, sind die Aussichten für «Eulen» übrigens nicht. Denn neben den gesundheitlichen Risiken birgt das Leben als «Eule» auch Vorteile. So gibt es Studien, die nahelegen, dass «Eulen» schlauer, kreativer und konsistenter bei der Arbeit sind. Man müsse bei solchen Interpretationen allerdings vorsichtig sein, sagt Cajochen, aber es habe schon etwas, dass Abendtypen kreativer sind. Vielleicht ist der Zusammenhang allerdings auch umgekehrt, nämlich dass Morgenmenschen ihre Kreativität weniger gut ausleben können. «Wenn Sie ein genialer Jazzmusiker sind, aber ein Morgentyp», sagt Cajochen, «dann haben Sie ein Problem.»



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Erstellt: 26.10.2019, 17:59 Uhr

In Zahlen

7–9
Stunden Schlaf sind normal für eine Person im Alter zwischen 18 und 64.

30
Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer leiden an Schlafstörungen.

266
Stunden (gut elf Tage) blieb der Brite Tony Wright im Jahr 2007
ununterbrochen wach – das ist Weltrekord im Schlafentzug.

5,6
Minuten schläft man pro 10 Dezibel lauterem Hintergrundlärm später ein.

25
Mal wacht ein Mensch durchschnittlich auf pro Nacht – meist ohne es zu merken.

1,0
Promille Alkohol im Blut hat etwa den gleichen Effekt wie 24 Stunden ohne Schlaf.

23:10
Um diese Zeit gehen Schweizerinnen und Schweizer durchschnittlich ins Bett. 7,9 Stunden später, um 7 Uhr, stehen sie wieder auf.

35
Prozent der Teenager sind echte «Eulen», und nicht 70 bis 80 Prozent, wie oft kolportiert wird.

500
Milliliter Flüssigkeit respektive Schweiss, also einen halben Liter, verlieren wir jede Nacht – mindestens.

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