Exit bezahlt jetzt seine Sterbehelfer

Ein neues Team soll Freitodbegleiter bei komplizierten Abklärungen entlasten.

Laut Exit-Präsidentin Saskia Frei hat die Organisation «neue angemessene und faire Entschädigungen» für Sterbehelfer eingeführt.

Laut Exit-Präsidentin Saskia Frei hat die Organisation «neue angemessene und faire Entschädigungen» für Sterbehelfer eingeführt. Bild: Keystone

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Sie helfen, wenn Menschen nicht mehr leben wollen. Sie führen Gespräche mit ihnen und teilweise auch mit den Angehörigen. An ihrem letzten Tag reichen sie den Sterbewilligen das Glas mit Natrium-Pentobarbital (NaP). Bislang haben die Sterbehelferinnen und Sterbehelfer von Exit diese Tätigkeiten unentgeltlich ausgeführt, sie erhielten einzig eine Spesenpauschale.

Das ändert sich jetzt. Exit-Präsidentin Saskia Frei schreibt im aktuellen Mitgliedermagazin, die Organisation habe «neue angemessene und faire Entschädigungen» für Sterbehelfer eingeführt. Wie hoch die Entschädigungen ausfallen, will Sprecher Jürg Wiler nicht sagen. Bekannt ist, dass Exit-Vorstandsmitglieder einen Stundenlohn von 65 Franken erhalten.

Gemäss Wiler arbeiten die Sterbehelfer weiterhin freiwillig, stehen aber in einem Auftragsverhältnis mit Exit. Sie würden pauschal pro Fall entschädigt. «Nachweisbar überdurchschnittlicher Aufwand» werde mit einer «adäquaten Zusatzentschädigung nach Aufwand» abgegolten. «Mit diesem Schritt handhabt Exit die Frage der Entschädigung wie andere vergleichbare Organisationen auch», sagt Wiler.

Er begründet den Schritt mit dem gestiegenen Aufwand für die Sterbehelfer, der schon seit längerer Zeit das Ausmass einer rein ehrenamtlichen Tätigkeit übersteige. Viele Menschen hätten keinen Hausarzt mehr, was die Abklärungen für viele Freitodbegleitungen zusätzlich erschwere.

Seit 2010 ist die Mitgliederzahl von 52'000 auf über 120'000 gewachsen.

Exit will Sterbehelfer nicht nur entlöhnen, sondern auch entlasten. Die grösste Sterbehilfeorganisation der Schweiz will ein sogenanntes Abklärungsteam aufbauen. Dieses soll bei «komplexen oder unklaren Fällen» entscheiden, ob die Bedingungen für eine Sterbe­hilfe gegeben sind. Exit-Sprecher Wiler nennt als Beispiel psychisch Kranke, die einen Sterbewunsch äussern. In solchen Fällen müssten Gutachten punkto Urteilsfähigkeit von mindestens zwei verschiedenen Psychiatern eingeholt werden. Die Mitglieder dieses Teams will Exit – wie die Sterbehelfer – vorab aus dem Gesundheitsbereich rekrutieren.

Die Reorganisation ist die Folge des steten Wachstums der Organisation. Zwischen 2010 und heute ist die Mitgliederzahl von 52'000 auf über 120'000 Personen gewachsen. Allein im vergangenen Jahr begleitete Exit 905 Menschen an ihrem letzten Tag.

Auch will die Organisation ihr Angebot bei der umstrittenen Frage der Altersfreitode ausbauen. Bei diesen muss nicht zwingend eine tödliche Krankheit vorliegen. Es reichen mehrere Gebrechen, die das Leben aus Sicht der Betroffenen nicht mehr lebenswert erscheinen lassen.

Eine Kommission hat Massnahmen ausgearbeitet, über die die Exit-Generalversammlung im Mai befinden muss. Dabei handelt es sich um spezifische Beratungen und Schulungen für interessierte Konsiliarärzte, Sterbehelfer und Mitglieder der Geschäftsstelle. Die Vorschläge dürften – falls sie von der GV abgesegnet werden – auf Widerstand stossen. Für die Schweizer Ärzteverbindung (FMH) ist klar, dass Sterbehilfe nur bei Menschen mit schweren, unheilbaren Krankheiten erfolgen darf.

Kantone wollen sich bei den Abklärungen nach dem Suizid nicht reinreden lassen

Auf Widerstand ist Exit bereits jetzt beim Thema der sogenannten Legalinspektionen gestossen, bei denen nach dem Suizid die Todesumstände von den Behörden untersucht werden. Die Kantone handhaben diese Abklärungen unterschiedlich. Je nachdem werden uniformierte Polizisten, Ärzte und ein Staatsanwalt aufgeboten. Exit will, dass die Polizei nur noch ­zivil ausrückt und die Staatsanwaltschaft telefonisch zugeschaltet wird. Für etliche Angehörige sei das administrative Prozedere nach der Suizidhilfe, bei dem bis zu sechs Amtspersonen anwesend sind, belastender als der Vorgang des selbstbestimmten Todes selbst, sagt Jürg Wiler.

Die Schweizerische Staatsanwälte-Konferenz sieht «keinen Raum für den Erlass von allgemeingültigen Empfehlungen». Auch die von Exit angeschriebenen Kantone lehnen die Vorschläge ab. St. Gallen, Basel-Stadt, Bern, Zürich und Aargau sehen keinen Handlungsbedarf. «Eine weitere Vereinfachung des Verfahrens, wie dies offenbar die Sterbehilfeorganisation Exit fordert, ist aufgrund der geltenden gesetzlichen Bestimmungen wohl kaum möglich. Die gesetzliche Ausgangslage ist klar», schreibt beispielsweise der Aargauer Oberstaatsanwalt Daniel von Däniken.



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Erstellt: 21.04.2019, 14:01 Uhr

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