Exit sucht neue Sterbehelfer

Das Netz an Freitodbegleitern soll ausgebaut werden. Die Bischofskonferenz kritisiert die «Banalisierung» des assistierten Suizids.

Mitglieder von Exit an der 35. Generalversammlung der Sterbehilfeorganisation in Zürich, Juni 2017.

Mitglieder von Exit an der 35. Generalversammlung der Sterbehilfeorganisation in Zürich, Juni 2017. Bild: Alexandra Wey/Keystone

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Sie werden gerufen, wenn Menschen nicht mehr leben wollen. Sie führen Einzelgespräche mit ihnen und teilweise auch den Angehörigen. Am letzten Tag der Sterbewilligen reichen sie ein Glas mit dem Mittel NaP, nachdem ­diese ihren Wunsch ein letztes Mal bekräftigt haben. Das Sterben ­protokollieren sie akribisch («Einschlafen», «Feststellung des Todes durch Begleiter(in)»). Am Ende rufen sie einen Arzt an, der den Tod feststellt.

Aktuell erfüllen 37 Sterbehelferinnen und Sterbehelfer diese Aufgaben ehrenamtlich für Exit. Jetzt will die Sterbehilfeorganisation ihr Netzwerk von Sterbehelfern ausbauen. Sie sucht per Inserat in ihrer Mitgliederzeitschrift «Freiwillige Freitodbegleitpersonen» ab 40 Jahren.

118'000 Menschen sind Mitglied bei Exit, 27 Prozent mehr als noch Anfang 2015. Im vergangenen Jahr sind gemäss Jahresbericht 734 Menschen mithilfe der grössten Schweizer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben geschieden. «Grundsätzlich soll die Anzahl der Freitodbegleitungen auf mehr Köpfe verteilt und die Belastung der einzelnen Begleitpersonen reduziert werden», sagt Jürg Wiler von Exit. Auch spricht er von einer «breiteren geografischen Abdeckung», die erreicht werden soll. Insbesondere in ländlichen Regionen und im Tessin bestehe ein Mangel.

Beihilfe zum Suizid darf nicht aus selbstsüchtigen Motiven oder aus Geldgier erfolgen.

Sterbehelfer führen eine un­gemein sensible Aufgabe aus. Trotzdem ist in der Schweiz nicht gesetzlich geregelt, wer die Tätigkeit ausüben darf. Festgehalten ist einzig, dass die Beihilfe zum Suizid nicht aus selbstsüchtigen Motiven oder aus Geldgier erfolgen darf. Den Versuch, ein Sterbe­hilfegesetz auszuarbeiten, beendete SP-­Bundesrätin Simonetta Sommaruga 2011.

Exit rekrutiert die Sterbehelfer zunächst ähnlich wie ein privates Unternehmen. Interessierte müssen sich schriftlich bewerben und werden bei entsprechender Eignung an ein Vorstellungsgespräch eingeladen. Wer angenommen wird, absolviert eine interne Ausbildung, die je nach Vorkenntnissen zwischen sechs Monaten bis zu einem Jahr dauert. Gegen Ende der Ausbildung erfolgt ein Assessment an der Universität Basel, zu welchem Exit keine genaueren Angaben macht. Ist die Ausbildung abgeschlossen, wählt der Vorstand die neuen Exit-Mitarbeiter.

Bischöfe: «Exit betreibt Business»

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Bewerber bei Exit ihre Faszination hinsichtlich Sterben und Tod ausleben wollen, sagt Jürg Wiler. «Diese Menschen sind jedoch bei uns am falschen Ort. Sie werden an den Einzelgesprächen und beim Assessment eruiert und abgelehnt». Geeignet seien Personen, die Lebens- und Berufserfahrung sowie Erfahrungen mit Leiden und Sterben haben. Im Fokus stehen also entweder Menschen mit Pflegeberufen oder Berufen aus der Sozialarbeit oder solche, die privat Menschen bis zum Tod gepflegt haben. Notwendig seien weiter unter anderem ein «reflektiertes Verhältnis gegenüber Sterben und Tod» sowie «Lernbereitschaft» und «psychische Stabilität».

Mit der Annonce ruft Exit die Bischofskonferenz auf den Plan. «Die Ausschreibung lässt die Begleitung von Menschen, welche einen assistierten Suizid wünschen, wie eine normale, alltägliche Handlung erscheinen», sagt Sprecherin Encarnación Berger-Lobato. Dass die Begleitung eines assistierten Suizids für alle Beteiligten eine traumatische Erfahrung sei, werde ausgeblendet. «Die Banalisierung des assistierten Suizids erreicht somit eine ­weitere traurige und alarmierende Stufe.»

Ebenso missfällt der Bischofskonferenz, dass Exit in der vergangenen Woche in mehreren Schweizer Zeitungen ganzseitige Inserate geschaltet hat. «Mit der aktuellen Kampagne zeigt sich einmal mehr, dass Exit vor allem ein Geschäftsmodell ist, das den assistierten Suizid als Business betreibt und diesen offensiv bewirbt», sagt ­Berger-Lobato.

Jürg Wiler weist darauf hin, dass mit der gestiegenen Lebenserwartung immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, womit auch die Wahrscheinlichkeit von schweren Krankheiten zunehme. «Frühere Generationen haben sich vielleicht noch vom Pfarrer sagen lassen, wie lange sie Leiden auszuhalten hatten. Heute fällen alte und leidende Menschen den schwierigsten Entscheid in ihrem Leben selbst.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.09.2018, 09:09 Uhr

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