«Fälscher finde ich kriminell und lächerlich»

Der US-Künstler Mike Bidlo über seine Kunst, die jener anderer Künstler mehr als nur ähnelt.

Nein, das sind keine Brillo-Boxen von Andy Warhol, sondern natürlich solche von Mike Bidlo, 65

Nein, das sind keine Brillo-Boxen von Andy Warhol, sondern natürlich solche von Mike Bidlo, 65

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In den Räumen der Zürcher Galerie Tobias Müller meint man zunächst, Pop-Art zu erblicken: Werke auf Papier des US-Künstlers Roy Lichtenstein. Man erkennt die aus den Comics genommenen Motive. Aber etwas stimmt nicht. Die Zeichnungen heissen «Not Lichtenstein» und stammen nicht von Lichtenstein, sondern vom Appropriationskünstler erster Stunde, dem 65-jährigen Mike Bidlo. Seit 40 Jahren macht der international bekannte Amerikaner Kunst, die wie die anderer Künstler aussieht. Nebst Lichtenstein hat er schon Pollock, Duchamp, Warhol und viele andere nachgemacht.

Warum sehen Ihre Werke wie jene anderer Maler aus?
Es ist einfach so. Schon sehr früh, in den 80er-Jahren, habe ich mich entschieden, das Werk von Jackson Pollock zu erforschen, indem ich es nachmachte. Das war faszinierend – und ein Beginn.

Nach Pollock wagten Sie sich sofort an Picasso . . .
Es war vielleicht vermessen, hat aber dem Galeristen Leo Castelli gut gefallen. Das war wichtig, ich bekam eine Soloschau bei ihm.

In der legendären New Yorker Galerie Leo Castellis zeigten sie 1988 Picassos Frauenporträts. Warum gerade diese?
Ich war fasziniert von der Art, wie Picasso Frauen gemalt hat. Mir gefiel auch, dass diese Bilder, Porträts von verschiedenen Gefährtinnen Picassos, alle nebeneinander in einem Raum hingen. Man konnte sie vergleichen, studieren. Das wäre mit den Originalen ja nicht möglich, da sie auf verschiedene Museen verstreut sind.

Die Ausstellung war aber auch ein Riesenskandal, nicht wahr?
Ja, meine Arbeit hat damals – und auch später – kontroverse Reaktionen hervorgerrufen. Einen Raum voller Picassos, die nicht von Picasso gemalt sind, empfand man als eine Provokation.

War es keine?
Nein, es war nie meine Absicht, zu provozieren. Es ist eher eine Hommage oder ein Forschungsprojekt. Wie ein Wissenschafter fühle ich, dass ich das, was ich tue, tun muss. Egal, was die Leute sagen.

Vergleichen Sie Ihre Bilder mit den Originalen?
Einmal hing René Magrittes berühmtes «Ceci n’est pas une pipe» neben meinem «Not Magritte». Und in Madrid hat man mal in einer Ausstellung meinen Picasso neben sein Original gehängt.

Wie war das für Sie?
Enttäuschend.

Weil Ihr Werk vom Original abfiel?
Nein, weil eine solche Gegenüberstellung am Sinn der Sache vorbeizielt. Die Vorlage meiner Arbeit sind immer Reproduktionen, und was ich bezwecke, ist eine Art Synthese der kollektiven Vorstellung von dem Werk. Das klingt vielleicht paradox, aber das Original selbst kann diese nicht leisten – weil es eben ein Original ist, das erste und einzige seiner Art.

Klingt komplex. Haben Sie mit Elaine Sturtevant oder Richard Prince, die auch zum «Appropriation»-Stil gehören, darüber gesprochen?
Nein, wir verstanden uns nie als eine Gruppe, und unsere Motivationen waren verschieden.

Elaine Sturtevant wollte nie, dass man sie eine «Appropriation»-Künstlerin nennt. Verstehen Sie das?
Natürlich, ich mag die Bezeichnung selbst nicht besonders. Das Wort hat etwas Aggressives, so, als ob wir uns fremdes Eigentum aneignen würden.

Ist das nicht der Fall?
Nein! Ich nenne meine Bilder «Not Picasso, Magritte, Lichtenstein» etc. Ich zeichne sie immer mit meinem eigenen Handabdruck oder meinem Daumen. Ich möchte keinesfalls, dass sie mit dem Original verwechselt werden. Fälscher finde ich kriminell und lächerlich.

Haben das die Maler, die Sie nachmachen, auch so entspannt gesehen?
Roy Lichtenstein war sehr freundlich zu mir und hat mich für die Wiedergabe seiner Rastertechnik gelobt.

Die Appropriation ist heute dank der Technologie jedem zugänglich.
Ist das nicht verrückt? Als ich studierte, war Xerox das neue grosse Ding. Jetzt ist das «sich nehmen und verwenden» ein grosser Teil des modernen Lebens geworden.

Fühlen Sie sich verantwortlich? Appropriationisten waren doch Vorboten der Copy-and-Paste-Kultur.
Überhaupt nicht! Wie kommen Sie drauf? Ich brauche all diese Techniken nicht. Ich benutze nicht einmal E-Mail, ich bin ein Dinosaurier. Und überhaupt, wenn Sie schon einen Vorläufer suchen, dann nehmen wir doch mal Roy Lichtenstein. Er nahm Bilder aus Comicbüchern und verwendete sie für seine Gemälde – lange vor mir.

Was fasziniert Sie an ihm?
Die mehrfache Brechung. Er eignet sich Comics, und ich mir seine Werke an.

Was denken Sie von der jungen Kunst? Gibt es ein Werk, das Sie gern nachmachen würden?
Nein, aber ich habe nichts dagegen, wenn die Jungen mich kopieren.

Kritiker halten die Remake-Manie für einen regressiven Zug. Ist sie es?
Nein. Das Remake ist, im Gegenteil, ein Sprungbrett in die Zukunft.

Heute hat jeder Museums-besucher ein Handy, malt der Mona Lisa Eselsohren auf und stellt sie so auf Instagram.
Und, ist das nicht wunderbar? Was kann uns Besseres passieren, als dass die Menschen einen so persönlichen Dialog mit Meisterwerken führen? Wirklich, was?

Mike Bidlo, «Re: Visioning Lichtenstein» in der Galerie Tobias Müller Modern Art in Zürich, bis 8. März 2019

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.12.2018, 17:55 Uhr

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