Fahrlehrer greifen den TCS an

Der Touring Club Schweiz sei schuld, dass die Fahrausbildung verkürzt wird: Nun droht der Fahrlehrerverband mit Konsequenzen.

Streit um die Verkehrs­sicherheit: Fahrlehrer befürchten Einbussen bei der Ausbildung. Foto: Keystone

Streit um die Verkehrs­sicherheit: Fahrlehrer befürchten Einbussen bei der Ausbildung. Foto: Keystone

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Beim schweizerischen Fahrlehrerverband ist Feuer im Dach. Die Fahrlehrer machen den Touring Club Schweiz (TCS) verantwortlich für die umstrittenen Neuerungen bei den Fahrprüfungen. Der TCS als grösster Verkehrsverband der Schweiz hat umstrittene Lockerungen bei der Ausbildung der Autofahrer unterstützt. Zu den neuen Regeln, die teilweise schon ab Februar wirksam werden, zählen die Herabsetzung des Mindestalters für den Lehrfahrausweis auf 17 Jahre, der Wegfall des sogenannten Automateneintrages sowie die Reduktion der obligatorischen Kurse für Neulenker von zwei Tagen auf weniger als einen. «Wir können absolut nicht nachvollziehen, weshalb der TCS die Verkehrssicherheit derart leichtfertig opfert», sagt Daniel Menzi, Geschäftsführer des Fahrlehrerverbands.

Nach Ansicht der Fahrlehrer hat der TCS die Neuerungen Schulter an Schulter mit der abgetretenen Verkehrsministerin Doris Leuthard durchgedrückt. Menzi glaubt, dass sich der TCS «mit dieser Abbaumassnahme zulasten der Verkehrssicherheit bei den Junglenkern einschmeicheln will». Es sei «offensichtlich, dass sich der Verwaltungsrat des TCS die jüngsten Verkehrsteilnehmer zur Zielgruppe gemacht hat, um dort zu punkten». Als Beweis dafür sehen die Fahrlehrer die Tatsache, dass der TCS mittlerweile sogar Jugendfahrlager veranstaltet, um Junglenker zu gewinnen. In der Tat legt der gegen Mitgliederschwund kämpfende TCS plötzlich viel Wert auf die Jugend. Er verkündete jüngst, dass er «die innovative Gamerszene in der Schweiz» im E-Sport fördere.

Empörte Fahrlehrer fordern Austritt aus dem TCS

Der Fahrlehrerverband und der TCS sind an sich Partner, die bei der Ausbildung der Autofahrer eng zusammenarbeiten. Doch die Partnerschaft ist in Gefahr. Der Fahrlehrerverband hat seine Mitglieder in einem Schreiben informiert, man müsse «für die Zukunft die Frage stellen, wie man mit diesen Partnern in der Verkehrssicherheitspolitik noch glaubhaft zusammenarbeiten» könne. Menzi bestätigt, dass die «Causa TCS» bereits kommende Woche an einer Vorstandssitzung des Fahrlehrerverbands traktandiert ist. «Wir haben sehr viele erboste Rückmeldungen von Mitgliedern, die von uns erwarten, dass wir die Fahrlehrerschaft zum Austritt aus dem TCS auffordern.» Das sei nachvollziehbar, so Menzi. Dem stehe allerdings entgegen, dass die Zusammenarbeit auf regionaler Ebene mit den einzelnen Sektionen des TCS ausnahmslos gut funktioniere. Welche Konsequenzen der Fahrlehrerverband zieht, wird sich an der Vorstandssitzung zeigen.

Erwerb des Führerscheins soll günstiger werden

In der Zentrale des TCS in Genf hält man an der alten Meinung fest. Zu den Vorwürfen der Fahrlehrer, der TCS sei verantwortlich für den Abbau bei der Fahrausbildung auf Kosten der Sicherheit, sagt TCS-Sprecher Rudolf Zumbühl: «Der TCS befürwortet diese Änderungen, weil sie seiner Auffassung nach eine effizientere und straffere Fahrausbildung bringen und damit auch einen günstigeren Erwerb des Führerausweises ermöglichen, ohne Abstriche an der Verkehrssicherheit zu machen.» So sei die Reduktion der obligatorischen Kurse von zwei auf einen Tag nach Auffassung des TCS ohne Verlust an Ausbildungsqualität möglich, hält der Sprecher Zumbühl fest.

Kommissionspräsidentin wundert sich über die Eile

Weil Ex-Verkehrsministerin Leuthard die Neuerungen nicht als Gesetz, sondern als Verordnung vorsah, hatte das Parlament nichts dazu zu sagen. Dass Leuthard die Regelungen nur Tage vor ihrem Rücktritt offensichtlich in aller Eile vom Bundesrat absegnen liess, verstärkte bei vielen den Verdacht, sie befürchtete, ihre Nachfolgerin könnte anders entscheiden.

Selbst Edith Graf-Litscher, SP-Nationalrätin und Präsidentin der Verkehrskommission, sagt: «Ich spürte, dass ihr ein grosses Anliegen war, das Geschäft vor dem Rücktritt durchzubringen.» Sie habe sich gewundert, dass das Thema unter dem Radar des Parlaments durch sei. «Es stellt sich die Frage, welche Interessen wohl mitgespielt haben, dass das Thema nie breit diskutiert wurde.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.01.2019, 10:50 Uhr

Rückgabe des Kursgelds

Verkehrsministerin Doris Leuthard hat mit der kurzfristigen Einführung der neuen Regeln Betroffene regelrecht überrumpelt, wie sich nun zeigt. Selbst in den dezentralen Verkehrszentren des TCS ist man verärgert. Der TCS führt dort selber obligatorische Kurse für Neulenker durch. Wegen der kurzfristigen Änderungen müssen gemäss neuer Regel Tausende Neulenker den zweiten Kurstag nicht mehr besuchen. Viele haben aber das Kursgeld bereits einbezahlt. Der TCS schreibt die Betroffenen nun an und zahlt ihnen das Kursgeld zurück, wie Roger Egolf, Chef von TCS Training und Events, bestätigt.

«Wir müssen die Folgen des überstürzten Entscheids nun ausbaden», heisst es inoffiziell aus verschiedenen Zentren. Offiziell übt man nur zurückhaltend Kritik an Leuthard: «Aufgrund der fehlenden Übergangslösung und sofortigen Einführung sind die Kursveranstalter nun sehr gefordert. Vielen Neulenkern ist die Neuregelung nicht klar und stiftet Verwirrung», so Egolf. (ma)

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