Fake im Museum

Im Zentrum Paul Klee wurde ein Kunstwerk ausgestellt, das nicht echt war. Der Vorfall ist symptomatisch.

Piet Mondrian und das Original des titellosen Gemäldes 1923 in seinem Atelier. Foto: Foto archief Joop M. Joosten/’s-Gravenhage, RKD-Nederlands Instituut voor Kunstgeschiedenis

Piet Mondrian und das Original des titellosen Gemäldes 1923 in seinem Atelier. Foto: Foto archief Joop M. Joosten/’s-Gravenhage, RKD-Nederlands Instituut voor Kunstgeschiedenis

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Eine Kunstsensation hätte es sein können, nun ist es ein Fall von Fahrlässigkeit oder gar Irreführung der Öffentlichkeit: 2012 wurde in Bern ein Werk des holländischen Malers Piet Mondrian gezeigt. So steht es im Katalog, den das Zentrum Paul Klee damals zu seiner Ausstellung veröffentlichte.

Der titellose Mondrian, der auf das Jahr 1923 datiert wird, hat verblüffende Ähnlichkeiten mit einem Werk, das von den Nazis konfisziert und 1937 in der Ausstellung «Entartete Kunst» in München gezeigt wurde. Seither gilt der Mondrian als verschollen. Das Bild wurde wohl im Zweiten Weltkrieg zerstört. So die Meinung der Mondrian-Spezialisten.

Übernommen von einem privaten Sammler

Es wäre also eine spektakuläre Wiederentdeckung gewesen, hätte Bern ausgerechnet diesen Mondrian zeigen können. Übernommen hatte man das Bild von einem privaten Sammler, der es dem Berner Museum als Leihgabe zur Verfügung stellte. Als echter Mondrian hätte es bei einer Versteigerung «mit Sicherheit» ein Ergebnis «im Bereich mehrerer Millionen Franken» erzielen können, sagt ein Experte eines renommierten Auktionshauses. Insgesamt 30 000 Besucher sahen 2012 die Berner Ausstellung «L’Europe des esprits» mit dem Mondrian.

Heute wissen wir, dass es sich bei dem Bild um eine Kopie handelt. Auf dem Kunstmarkt wäre sie wertlos. Der Fake im Museum wirft ein Schlaglicht auf die Schweizer Kunstmuseen, auf ihre Abhängigkeit von privaten Sammlern, auf den Umgang mit der Frage nach der Echtheit bei Leihgaben – und auf eine Kultur des Schweigens, die an öffentlichen Museen offensichtlich gepflegt wird.

Rechts das Original, links die Kopie, die in Bern gezeigt wurde. Foto: Stedelijk Museum Amsterdam - Rik Klein Gotink

Die entscheidende Wendung nimmt der Fall vor zwei Jahren: Der Schweizer Sammler macht Vertreter des Amsterdamer Stedelijk Museum bei sich zu Hause auf seinen Mondrian aufmerksam. Der Besitzer teilt mit, dass er das Bild lieber in einer öffentlichen Sammlung als bei sich zu Hause sehen würde. Das Stedelijk zeigt sich interessiert, plante man doch damals eine Ausstellung zur Künstlergruppe De Stijl, die Mondrian mitbegründet hatte. 2016 wird der vermeintliche Mondrian nach Amsterdam gebracht, wo ihn zwei Experten auf Echtheit überprüfen. Beide kommen zum Ergebnis, dass es sich bei dem Bild aus der Schweiz nicht um ein Original, sondern um eine Kopie handelt – und dass diese nicht von Mondrian stammt.

Bereits 1994 abgelehnt

Es kommt noch dicker: Weitere Nachforschungen ergeben, dass der Kunsthistoriker Joop Joosten, der das Werkverzeichnis von Mondrian zusammenstellte, das Bild des Schweizer Besitzers bereits 1994 und dann nochmals im Jahr 2004 begutachtet hatte. Beide Male lehnte Joosten eine Aufnahme des Schweizer Mondrian in sein Werkverzeichnis ab. 2006, also sechs Jahre vor der Ausstellung in Bern, soll Joosten den Schweizer Besitzer informiert haben, dass es sich bei seinem Bild um eine Kopie eines Mondrian handelt. So teilt es das Niederländische Institut für Kunstgeschichte in Den Haag mit, wo sich das Archiv von Joop Joosten befindet.

Wie konnte es so weit kommen, dass ein Werk als ein Original ausgestellt und später zur Prüfung von einem Museum angenommen wird, obwohl der massgebliche Experte bereits Jahre zuvor festgestellt hatte, dass es sich beim Bild um eine Kopie handelt? Das Stedelijk Museum begründet seine Entscheidung einerseits damit, dass das Bild einem renommierten Sammler gehört, der noch nie Probleme mit der Echtheit seiner Werke hatte. Andererseits aber auch damit, dass der vermeintliche Mondrian bereits in anderen Museen zu sehen war, «zum Beispiel im Zentrum Paul Klee in Bern».

Für Bern lassen sich die Entscheidungsvorgänge nach einigen Nachfragen und Telefonaten rekonstruieren: Den Kontakt zum Besitzer habe «ein renommierter Museumskollege» hergestellt, sagt Michael Baumgartner, Kurator der Ausstellung, in der das Bild zu sehen war. Baumgartners Kollege habe es angeschaut und «keinerlei Zweifel» an dessen Echtheit gehabt. «Mein persönlicher Eindruck des Werks und vor allem von dessen Materialität deckte sich mit der Meinung meines Kollegen», sagt Baumgartner.

Das Vorgehen des Zentrums wirft Fragen auf

Michael Baumgartner wusste, dass der Mondrian nicht im Werkverzeichnis von Joosten aufgeführt ist. Der Besitzer des Bildes habe ihn darauf hingewiesen, sagt der Kurator. Dennoch wurde das Werk in Bern als echter Mondrian ausgestellt? Sie seien davon ausgegangen, dass Joostens Werkkatalog, der 1998 erschien, «ergänzungsbedürftig» sei, teilt Baumgartner mit. Aber sowohl der Ausstellungskurator wie auch der «renommierte Museumskollege», von dem Baumgartner den Namen nicht nennen will, sind keine Mondrian-Experten. Baumgartner wusste nicht, dass Joosten sich zuletzt 2006 negativ dazu äusserte. Den beiden Museumsprofis war auch unbekannt, dass ihr Mondrian Ähnlichkeiten mit dem Bild hat, das 1937 in der Ausstellung «Entartete Kunst» gezeigt wurde.

Ist ein solches Vorgehen seriös? «Wenn die massgebliche Authentifizierungsinstanz», also der Autor des Werkverzeichnisses, «die Eigenhändigkeit eines Werkes explizit verneint und dies auch vor kurzer Zeit nochmals bekräftigt hat, dann ist es sicher angeraten, darüber Auskunft zu geben, weshalb man ein Gemälde dennoch als eigenhändiges Werk in die Ausstellung aufnimmt», sagt Roger Fayet, Direktor des Schweizerischen Instituts für Kunstgeschichte. Denn nur mit diesem Vorgehen wird für die Besucher einer Ausstellung transparent, dass die Zuschreibung «zumindest unsicher ist und dass das Museum diesbezüglich eine andere Meinung vertritt als der führende Experte».

Warum wurde das Bild als Original ausgestellt?

«Allerdings», so Fayet, «muss man auch sagen, dass sich am Marktwert des Gemäldes aufgrund einer solchen Ausstellung nichts ändert.» Für den Markt zähle nur die Meinung des massgeblichen Experten. Es hat also niemand einen ökonomischen Vorteil, wenn eine Fälschung ausgestellt wird.

Dennoch wirft das Vorgehen des Museums Fragen auf: Warum entschied sich ein promovierter Kunsthistoriker wie Baumgartner, der selbst mit Fragen der Echtheit von Werken Paul Klees beschäftigt ist, also ein Bewusstsein für die Problematik von Original und Fälschung hat, dann doch ein Bild auszustellen, das nicht im Werkkatalog aufgelistet ist?

Hinweise gibt ein Standardbrief, in dem der Kurator und der damalige Direktor des Zentrums Paul Klee sich beim Besitzer des vermeintlichen Mondrian bedanken: «Um eine Ausstellung erfolgreich durchführen zu können, braucht es Leihgeber wie Sie, die uns Ihre Werke grosszügigerweise zur Verfügung stellen.»

Museen sind auf private Sammler angewiesen

Öffentlich geförderte Museen sind also darauf angewiesen, dass ihnen private Sammler ihre Werke für Ausstellungen überlassen. Und dabei wird wohl nicht immer die Provenienz und die Echtheit der Werke geprüft. Michael Baumgartner sieht das anders: «Das war ein absoluter Einzelfall, den ich heute bedauere.» Alle Zweifel sind damit nicht ausgeräumt. Erkundigt man sich nach der Identität des Sammlers, prallt man auf eine Mauer des Schweigens. «Das Zentrum Paul Klee und das Kunstmuseum Bern können hierzu keine Stellung nehmen», schreibt das Berner Museum.

Die SonntagsZeitung weiss, wem der vermeintliche Mondrian gehört. «No comment», sagt der Besitzer, als wir ihn zu den Vorgängen befragen wollen. Würden wir seinen Namen veröffentlichen, stritte er ab, dass er das fragliche Werk besitzt. Die SonntagsZeitung weiss zudem, dass das Kunstmuseum Bern vor einigen Jahren eine Ausstellung mit Werken aus dem Besitz der Familie des Sammlers ausgerichtet hatte. Wurden damals Provenienz und Echtheit der Werke überprüft? «Nein», antwortet das Kunstmuseum Bern. Man habe nach der Herkunft der Werke gefragt, habe plausible Antworten erhalten und zudem die Herkunftsfrage im Katalog zur Ausstellung diskutiert. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.11.2017, 17:45 Uhr

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