«Fakten scheinen den Politikern egal zu sein»

Warum der Klimaforscher Reto Knutti und Tausende weitere Wissenschaftler die Klimastreikenden offiziell unterstützen.

Klimaschutz-Demo in Zürich: «Was die Jungen heute ansprechen, vertritt die Wissenschaft schon lange», sagt Forscher Reto Knutti (siehe Bild im Text). Foto: Keystone

Klimaschutz-Demo in Zürich: «Was die Jungen heute ansprechen, vertritt die Wissenschaft schon lange», sagt Forscher Reto Knutti (siehe Bild im Text). Foto: Keystone

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Die Klimastreik-Kampagne erhält Verstärkung von prominenter ­Seite. Klimaforscher sammeln seit ­Tagen in der Schweiz, Deutschland und Österreich Unterschriften, um am nächsten Dienstag in einer Stellungnahme die schulstreikenden Jugendlichen und Studierenden offiziell zu unterstützen. «In der Schweiz haben innert kurzer Zeit bereits Hunderte Forscher aus allen möglichen Wissenschaftszweigen unterschrieben», sagt Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich. Er ist Präsident von Proclim, dem Forum für Klima und globalen Wandel der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften und hat die Aktion in der Schweiz mitkoordiniert.

Knutti erwartet im deutschsprachigen Raum Unterschriften von mehreren Tausend Wissenschaftlern, darunter Persönlichkeiten wie der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. Die Stellungnahme ist mehr als nur eine Sympathie­bekundung. Die Wissenschaftler haben konkrete Forderungen. Zum Beispiel soll klimaschädliches Handeln unattraktiv und teuer gemacht werden, etwa durch eine wirk­same CO2-Besteuerung fossiler Energie und durch die Einstellung von Subventionen.

Seit die junge Schwedin Greta Thunberg Ende des letzten Jahres zum friedlichen Schulstreik gegen den Klimawandel aufgerufen hat, ist eine weltweite Kampagne entstanden. Auch in der Schweiz sind inzwischen Tausende Jugendliche und Studierende auf die Strasse gegangen. Für nächsten Freitag wird zum ersten gemeinsamen weltweiten Klimastreik aufgerufen.


«Die Aktion steht auch für eine zunehmende Frustration in der Wissenschaft.»

Warum verlassen Sie und Ihre Kollegen und Kolleginnen die geschützte Zone der Wissenschaft und unterstützen eine politische Kampagne?
Es heisst immer, die junge Generation sei unpolitisch. Nun gehen Tausende auf die Strasse mit einem berechtigten Anliegen. Es besteht die Gefahr, dass die Jungen als naive Weltretter dargestellt werden. Mit unserer Stimme wollen wir nicht den Streik als Form des Protestes unterstützen, sondern den Inhalt. Was die Jungen heute ansprechen, sagt die Wissenschaft schon lange.

Sie wollen sich also über die Klimastreiks mehr Gehör verschaffen?
Die Politik hat die Wissenschaft in den letzten Jahren durchaus ernst genommen. Sie gibt mit dem Pariser Abkommen deutlich zu verstehen, dass der Mensch der Hauptverursacher der Erderwärmung ist. Die Welt- und die nationale Politik handeln aber ungenügend, um diesen Vertrag einzuhalten. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die derzeitige Entwicklung der CO2-Emissionen nicht konsistent mit dem Ziel des Pariser Abkommens ist, im besten Fall eine Erderwärmung um 1,5 Grad zu verhindern.

Ist den Klimaforschern einfach der Kragen geplatzt?
Die Aktion steht auch für eine zunehmende Frustration in der Wissenschaft. Wir diskutieren nun seit mehr als 30 Jahren über den Klimawandel, und es wird immer noch zögerlich gehandelt. Nun ­haben wir die Gelegenheit, mit ­dieser phänomenalen Jugendkam­pagne unseren Standpunkt klarzumachen und Junge zu unterstützen, die kritisch über die Entwicklung der Welt nachdenken.

Verletzen Sie nicht ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich die Wissenschaft nicht in die Politik einmischen sollte?
Politiker argumentieren oft, sie wollten eine faktenbasierte Politik machen, aber erkennbar ist das überhaupt nicht. Fakten scheinen ihnen egal zu sein, da wird je nach Interessenlage politisiert. Wissenschaft kann nicht die Politik bestimmen, aber es ist doch ihre Aufgabe, auf diesen Missstand hinzuweisen. Die Akademien haben im letzten Herbst vor der Debatte um die Totalrevision des CO2-Gesetzes jedem Parlamentarier eine Dokumentation zur Faktenlage abgegeben. Die Gesetzesvorlage ist im Nationalrat vorläufig gescheitert.

Besteht denn nicht die Gefahr, dass die Wissenschaft an Glaubwürdigkeit verliert?
Selbstverständlich muss man vorsichtig sein, mit welchen Argumenten man in der Öffentlichkeit auftritt. Alarmismus ist grundsätzlich kontraproduktiv. Aber in diesem Fall wäre es gesellschaftlich unverantwortlich, wenn wir nicht reagieren würden. Unser Wissen ist heute so gross und zuverlässig, dass es nur eine zwingende Folgerung gibt: Bis 2050 darf sich in der Atmosphäre kein zusätzliches CO2 mehr anreichern. Es kann also zum Beispiel nicht sein, dass es in der Schweiz immer noch möglich ist, eine Erdölheizung durch eine Erdölheizung zu ersetzen. Wir müssen aus der fossilen Energie aussteigen.

Noch immer gibt es viele, auch in der Politik, welche die Unsicherheiten in der Klimaforschung höher gewichten.
Wir würden uns sicher nicht in der Öffentlichkeit so stark positionieren, wenn wir uns nicht sicher wären. Natürlich gibt es noch gewisse Unsicherheiten, wie stark der Klimawandel auf unsere Gesellschaft tatsächlich wirken wird. Aber die Trends sind eindeutig. Theoretisch kann die Gesellschaft mit Unsicherheiten umgehen. In der UN-Klimarahmenkonvention ist festgeschrieben, dass vorsorg­liche Massnahmen ergriffen werden müssen, wenn es notwendig ist. So weit sind wir schon lange. Wir hätten schon vor 20 Jahren handeln sollen.

Die Klimastreikenden in der Schweiz haben den Notstand ausgerufen. Mit Recht?
Politisch darf man das durchaus fordern. Als Wissenschaftler kann ich das insofern nicht unterstützen, als wir nie untersucht haben, wann ein Notstand eintrifft. Das ist eine gesellschaftliche Debatte. Die Gesellschaft muss letztlich entscheiden, ob sie damit leben will, dass es in Zukunft durch den Klimawandel mehr extreme Niederschläge, weniger Schnee oder mehr Hitzesommer wie letztes Jahr gibt. Und dass Millionen Menschen davon betroffen sein werden, weltweit jährlich Hunderte Milliarden für die Schäden bezahlt werden müssen und sich das auf unseren Wohlstand auswirkt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.03.2019, 19:13 Uhr

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