Familienkommission will Luxus-Elternzeit

Eine Auswertung von 140 Studien zeigt: Am besten für die Schweiz wären 38 Wochen Elternurlaub.

Studien belegen: Von Vaterzeit profitiert auch das Kind. Bild: Keystone

Studien belegen: Von Vaterzeit profitiert auch das Kind. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Donnerstag geht das politische Geschacher um den Vaterschaftsurlaub in die nächste Schlaufe. Die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Ständerats befasst sich in der Detailberatung mit der Volksinitiative für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub. Die Initianten aus linken Kreisen wollen neuen Vätern künftig einen Urlaub von vier Wochen gewähren. Möglicher Abstimmungstermin ist in drei Jahren.

Seit den 80er-Jahren befasst sich die Politik mit einem solchen Urlaub auf Bundesebene. Herausgekommen ist trotz endlosen Diskussionen bislang stets das Gleiche – nämlich gar nichts. In der Schweiz gibt es nach wie vor keinen gesetzlich verankerten Vaterschaftsurlaub.

Die Luxusvariante kostet bis zu 1,7 Milliarden

Jetzt wartet die eidgenössische ­Koordinationskommission für Familienfragen (EKFF) mit einem neuen Modell auf: Künftig sollen Eltern in der Schweiz total 38 Wochen an Elternzeit beziehen können – und das mit einem Erwerbsersatz von 80 Prozent. Davon sollen 14 Wochen für die Mutter und 8 Wochen für den Vater reserviert sein. Die übrigen 16 Wochen können nach Gutdünken von der Mutter oder vom Vater bezogen werden. Zwei Wochen sollen die Mütter auch vor der Geburt beziehen können. So will die EKFF verhindern, dass sich schwangere Frauen vor dem Termin von Ärzten krankschreiben lassen.

Die Elternzeit soll auch zu einem späteren Zeitpunkt bezogen werden können – allerdings dürfen sich nur zwei Wochen des Mutter- und des Vaterschaftsurlaubs überschneiden. So will die EKFF verhindern, dass die Elternzeit für lange Ferien missbraucht wird.

Bei dem Vorschlag handelt es sich angesichts der bisherigen Forderungen um eine Luxusvariante, die pro Jahr bis zu 1,7 Milliarden Franken kosten würde. Finanziert werden soll der Urlaub über die Erwerbsersatzordnung, die auch schon die Mutterschaftsversicherung übernimmt, sowie über die Mehrwertsteuer.

Grafik vergrössern

Die EKFF ist eine ausserparlamentarische Kommission, die sich aus Wissenschaftlern und Fachleuten zusammensetzt – unter anderem aus Soziologen, Medizinern und Psychologen. Laut Präsidentin Anja Wyden Guelpa ist die Kommission «nicht politisch, sondern pragmatisch» aufgestellt. Ihr Ziel: die Stärkung der Familie.

Das 38-Wochen-Modell ist das Destillat einer umfangreichen Analyse. Das Forschungsbüro Interface hat für die EKFF 140 internationale Studien aus den Jahren 2010 bis 2017 zur Wirkung von Mutterschafts-, Vaterschafts- und Elternurlaub ausgewertet. «Die 38 Wochen sind die wissenschaftlich ­belegte Ideallösung», sagt Wyden Guelpa.

Generell sieht die EKFF nur Vorteile für die Eltern, das Kind und die Wirtschaft. Mit einer Elternzeit sind laut der EKFF diverse positive Effekte auf die Gesundheit der Mütter nachgewiesen: So reduziert sich der Stress für die Mütter, was zu einer tieferenKindersterblichkeit und zu einer Abnahme von nachgeburtlichen Depressionen führt. Auch die Gesundheit der Babys wird positiv beeinflusst: Im Zug einer längeren Elternzeit erhöht sich die Dauer des Stillens, was wiederum das Diabetes- und Übergewichtsrisiko der Neugeborenen senkt. Gestärkt wird laut EKFF auch die Beziehung zwischen Vater und Kind – das führe zu zufriedeneren Vätern und schulisch besseren Kindern.

Die Schweiz figuriert am unteren Ende der OECD-Skala

Laut EKFF-Mitglied und Medizinprofessorin Elisabeth Zemp wurde ein Vaterschaftsurlaub respektive eine Elternzeit in der Schweiz bislang aus «kulturellen Gründen» abgelehnt. «Elternschaft gilt immer noch als etwas Privates.» Zudem würden sofort ökonomisch-wirtschaftliche Vorbehalte ins Feld geführt.

Doch auch diese Bedenken widerlegt die Wissenschaft jetzt. Laut Studien steigt mit einer längeren Elternzeit nämlich die Erwerbsquote der Frauen an. So lasse sich der Mangel an Fachkräften reduzieren, sagt Zemp. Kommt hinzu, dass sich bei längerer Elternzeit die Arbeitsplatzmoral und die Produktivität erhöhen. Zudem sinke die Personalfluktuation.

Zemp verweist zudem auf eine Studie mit einer Modellrechnung, die auch auf die Schweiz angewendet werden könne: Würden hierzulande alle Frauen ihre Erwerbstätigkeit im Schnitt um nur gerade zwei Prozent erhöhen, stiegen die Steuereinnahmen um mehr als 1,7 Milliarden Franken – somit liesse sich die 38-Wochen-Elternzeit auf einen Schlag finanzieren.

Sogar die Türkei hat bessere Lösungen

Doch auch mit einer generösen Elternzeit von 38 Wochen stünde die Schweiz laut der EKFF immer noch am unteren Ende der Skala aller 36 Länder der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – im Schnitt gewähren diese Länder 54 Wochen Elternzeit. Mit dem heutigen Nullmodell befindet sich die Schweiz auf einem der letzten Plätze – sogar gesellschaftlich konservative Länder wie die Türkei kennen bessere Lösungen.

Die Experten der EKFF gehen jedoch davon aus, dass super-­luxuriöse Modelle wie in Finnland oder in Ungarn bald nach unten angepasst werden. Denn, das zeigte die Analyse auch: Übersteigt die Elternzeit eine gewisse Länge, macht sich Faulheit breit. Und die Erwerbsquote der Frauen sinkt wieder.

Erstellt: 18.08.2018, 22:06 Uhr

Artikel zum Thema

Neue Chance für Vaterschaftsurlaub – mit Hilfe der FDP

Ein Gegenvorschlag zur Volksinitiative könnte mehrheitsfähig werden. Freisinnige Ständeräte sind dafür – bedingungslos. Mehr...

Vaterschaftsurlaub ist dem Bundesrat zu teuer

Der Bund stellt sich gegen die Initiative und spielt den Ball den Kantonen und Gemeinden zu. Mehr...

Papi-Urlaub: Verkehrte Welt im Bundeshaus

Ausgerechnet SVP-Bundesrat Ueli Maurer bringt den Papi-Urlaub wieder ins Spiel – um ein milliardenschweres Steuerprogramm schmackhaft zu machen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Das Einmaleins für gute Sitzungen

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...