«Fast Food ist wie Kokain – es macht süchtig»

Der ehemalige McDonald’s-Spitzenmanager Harald Sükar warnt vor Burger, Pommes und Cola: «Das ist Kindesmisshandlung».

«Da war der Glückspunkt perfekt auf meine Geschmacksnerven abgestimmt»: Harald Sükar, 56, mit seinem ehemaligen Lieblings-Burger. Fotos: Stephan Sahm/laif

«Da war der Glückspunkt perfekt auf meine Geschmacksnerven abgestimmt»: Harald Sükar, 56, mit seinem ehemaligen Lieblings-Burger. Fotos: Stephan Sahm/laif

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Herr Sükar, was stand heute bei Ihnen auf dem Speiseplan: Ein Spinat-Smoothie und ein Avocado-Burger im Urdinkel-Brötchen?
Fast. Ein Avocado-Salat mit Spinatblättern.

Ernähren Sie sich ausschliesslich von vegetarischer Ökokost?
Ich bin kein Ernährungsfanatiker. Wenn ich eingeladen bin und es gibt Fleisch, esse ich das. Ansonsten ernähre ich mich fleischlos.

Das war nicht immer so. Während Ihrer Zeit bei McDonald’s haben Sie fast täglich in einer Filiale des Fast-Food-Konzerns getafelt. Auf wie viele Burger im Jahr haben Sie es gebracht?
Etwa 250. Konservativ geschätzt. Mein Favorit war der Royal TS. Ein Viertelkilo Fleisch, Tomatenscheibe, Salat. Da war der Glückspunkt perfekt auf meine Geschmacksnerven abgestimmt.

Am Schluss wogen Sie 111 Kilo. Und heute?
94 Kilo. Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Mein Ziel sind so um 80 Kilo.

Soeben ist Ihr Buch «Die Fast-Food-Falle» erschienen – einige Jahre, nachdem Sie von McDonald’s weg sind. Warum haben Sie so lange gebraucht, um zu merken, dass Fast Food ungesund ist?
Natürlich war mir schon früher klar, dass Burger und Pommes nicht gesund sind. Aber ich hatte die Unternehmensphilosophie quasi intravenös aufgenommen. Man hätte mich nachts um drei aus dem Schlaf reissen können und ich hätte diese Botschaften problemlos herunterrattern können, nach denen es beim Fast Food auf die Menge ankommt, ob sich die Leute genug bewegen und dass Kalorie gleich Kalorie sei, egal, ob man sie mit Brokkoli oder Pommes zu sich nimmt. Heute weiss ich, dass das alles ein Riesenblödsinn ist. Im Junkfood ist nichts drin, was zu einer gesunden Ernährung gehört. Burger, Pommes und Cola machen einfach nur dick.

Es ist nicht die Aufgabe der Konzerne, sich um den Body-­Mass-Index der Konsumenten zu kümmern. Niemand ist gezwungen, das zu essen.
Es ist legitim, dass ein Unternehmen Geld verdienen will. Das ist schliesslich der Konzernzweck. Aber es braucht ein Korrektiv. Das ist die Zielsetzung meines Buches.

Darin schreiben Sie: «Fast Food ist Kindesmisshandlung.» Ist das nicht reichlich übertrieben?
Diese Aussage hat ein britischer Politiker geprägt, was ich im Buch auch offenlege. Ich finde den Vergleich von Fast Food mit einer Misshandlung nicht so weit hergeholt. In meinem Umfeld gibt es einen achtjährigen Buben, der häufig Fast Food gegessen und sich extrem zuckerhaltig ernährt hat. Er ist an Diabetes erkrankt. Wir wissen nicht, ob er je wieder gesund wird.

Was ist denn in einem Big Mac oder Whopper drin: Was essen wir da eigentlich?
Sie essen zunächst einmal ein wertloses Brot. Es enthält keine Nährstoffe, dafür ist es reich an Kohlenhydraten, die im Körper sofort in Zucker umgewandelt werden. Die Sauce ist auf jeden Fall schlecht. Beim Fleisch wissen wir aus vielen Studien, dass speziell rotes Fleisch krebserregend ist. Gemäss offiziellen Angaben von McDonald’s enthält ein Big Mac 503 Kilokalorien, 42 Gramm Kohlenhydrate, 25 Gramm Fett, 8,5 Gramm Zucker und 2,2 Gramm Salz. Das grosse Drama der Fast-Food-Industrie ist, dass man – mit Ausnahme der Salate – ein enormes Volumen von Energiedichte zu sich nimmt, ohne auch nur ein Prozent Nährstoff zuzuführen.

Was passiert genau im Körper, wenn wir einen Burger essen?
In den ersten zehn Minuten löst die stark kalorienhaltige Kost im Gehirn ein Glücksgefühl aus. Nach 20 Minuten stellt sich dann das Verlangen nach einem zweiten Big Mac ein, wegen des vielen Zuckers im Brötchen. Der Suchtfaktor macht sich allmählich bemerkbar. Nach 30 Minuten werden wir durstig, das viele Salz hat den Körper dehydriert. Weitere zehn Minuten später sind wir bereits wieder richtig hungrig, der Verdauungstrakt hat den Maissirup absorbiert, der Zuckerspiegel spielt verrückt. Nach 60 Minuten sollte eigentlich die Verdauung einsetzen. Üblicherweise schafft es der Körper, Fett in zwei Tagen zu verdauen. Bei einem Big Mac kann das wegen den Transfettsäuren mehr als sieben Wochen dauern.

Sie sprechen vom Suchtfaktor. Wollen Sie damit sagen, dass dieses Essen abhängig macht?
Fast Food funktioniert ähnlich wie Kokain. Es macht süchtig. Diese Nahrungsmittel sind nichts anderes als raffinierte Kunstprodukte, die dazu verleiten sollen, dass man möglichst oft möglichst viel davon isst.

Was treibt uns denn in diese Fressfalle?
Der grösste Auslöser ist der Zucker. In einem kleinen Sundae-Eisbecher hat es 60 Gramm Zucker – fast das Dreifache der empfohlenen Tagesdosis für ein Kind. Die Pommes haben auch Zucker, sie werden bei McDonald’s in eine Zuckerlauge getaucht, damit sie die richtige Farbe haben und beim Frittieren knusprig bleiben. Zucker bewirkt, dass wir das Glückshormon Dopamin ausschütten. Das Glücksgefühl stellt sich fast unmittelbar ein. Das heisst, man hat einen Flash. Das ist wie ein Tsunami im Kopf. Dieses Glücksgefühl will man immer wieder haben, möglichst permanent. Wegen des Gewöhnungseffekts muss man die Dosis laufend erhöhen.


«Im Junkfood ist nichts drin, was zu einer gesunden Ernährung gehört.»

Macht auch ein Big Mac «high»?
Die Kohlenhydrate im Brot werden in Glukose umgewandelt. Das sorgt im Kopf kurzfristig für ein Glücksgefühl. Die Wirkung hält aber nicht lange an. Man ist gleich wieder hungrig, weil die Insulinproduktion hochgefahren wird, um den Zucker aus der Blutbahn zu bringen.

Sie werfen den Fast-Food-Konzernen vor, Kinder gezielt anzufixen. Warum ist McDonald’s gerade bei den Kleinen so beliebt?
Dort dürfen sie laut sein, mit den Fingern essen, es gibt einen Spielplatz, die Figur Ronald McDonald ist fast so bekannt wie der Weihnachtsmann, und beim Happy Meal wird quasi Spielzeug ins Essen gemischt. Das System ist perfekt auf Kinder ausgerichtet.

Mit anderen Worten: Man soll gar nicht erst hingehen, auch nicht ab und zu?
Ich möchte den Leuten klar sagen: Geht nicht hin! Nicht zu McDonald’s. Nicht zu Burger King. Nicht zu einem anderen Fast-Food-Riesen. Schon gar nicht mit euren Kindern. Nicht einmal ausnahmsweise.

McDonald’s hat zu den Vorwürfen in Ihrem Buch öffentlich Stellung genommen und sagt, das Bild, das Sie zeichnen, entspreche nicht der gelebten Realität und gebe die Entwicklungen der letzten Jahre nicht wieder.
Das ist eine Standardaussage, die ich zu meiner Zeit genauso gemacht habe. Die Taktik ist immer die gleiche. Man sagt: «Wir tun etwas.» Kürzlich hat McDonald’s Deutschland angekündigt, den Anteil ihrer Plastikverpackungen zu reduzieren, schon in diesem Jahr würden die Plastikhalter für Luftballons abgeschafft. Entschuldigung, aber da mache ich fast in die Hosen. Was man damit einspart, ist nichts im Vergleich zu all den Plastikbechern.

Aber bei den Produkten von McDonald’s hat sich tatsächlich etwas getan. Heute stehen auch Wraps, Salate, eine Veggie-Linie und Bio-Obst sowie Bio-Gemüse auf der Menükarte.
Grossartig. Und jetzt frage ich Sie: Wie viel von den gesamten Menüs, die dort verkauft werden, entfallen auf diese Produkte? Und wie viel Werbung stecken sie da rein, und wie viel in die Hauptprodukte Burger und Hühnerfleisch?

Keine Ahnung. Sagen Sie es uns!
Nur ein kleiner Teil der Konsumenten greift hauptsächlich zu Salat und Mineralwasser. Und Veggie-Produkte sind für mich die nächste grosse Lüge. Das sind reine Chemieprodukte. Mit Natur hat das nichts zu tun.

Was ist dran an der verbreiteten Ansicht, dass im Burger gelegentlich Gammelfleisch verarbeitet wird?
Da muss ich die Fast-Food-Konzerne in Schutz nehmen. Die können es sich gar nicht leisten, dass Gammelfleisch verarbeitet wird. Das würde ja schnell an die Öffentlichkeit kommen. Wenn wir vor etwas wirklich Angst hatten, dann war es ein Lebensmittelskandal. Das ist heute nicht anders. Man setzt beim Rindfleisch stark auf lokale Anbieter. In der Schweiz werden Schweizer Kühe verarbeitet, in Österreich sind es österreichische. Punkto Lebensmittelsicherheit sind Fast-Food-Restaurants sicherer als jedes kleine Wirtshaus.

Während Ihrer Zeit bei McDonald’s kam der Film «Super Size Me» von Morgan Spurlock in die Kinos. Er handelt von einem Experiment: Spurlock isst 30 Tage lang dreimal am Tag bei McDonald’s.
Dieser Selbstversuch war für uns ja absolut verheerend. Spurlocks ­Resümee nach diesen 30 Tagen: 11 Kilo mehr, Leber verfettet, Cholesterin in die Höhe geschossen, süchtig nach diesem Essen.

Wie hat man bei McDonald’s auf den Film reagiert?
Mit der üblichen Taktik: Das Problem kleinreden und den Gegner schlechtmachen. Wir haben Spurlock als Schmarotzer hingestellt, der sich mit dem Namen McDonald’s profilieren will.

Und Sie haben da mitgemacht?
Natürlich. Ich habe den Journalisten gesagt. «Niemand muss das essen, und wenn Sie sich 30 Tage lang mit Schweinsbraten ernähren, ist das auch nicht gesund. Wir lehnen jede Form von Einseitigkeit entschieden ab.» Unser Selbstverständnis ging sogar so weit, dass die Meinung vorherrschte, wir würden Teil einer ausgewogenen Ernährung sein.

Von McDonald’s-Gründer Ray Kroc stammt der Ausspruch: «Ich glaube an Gott, die Familie und McDonald’s. Und im Büro ist diese Reihenfolge umgekehrt.» Wie war das bei Ihnen?
Ebenso. Ich bin in den Neunzigerjahren dazugekommen. Damals war das Unternehmen eine Erfolgsgeschichte. Wir hatten Wachstum, Wachstum, Wachstum. Alles, was wir machten, war von Erfolg gekrönt. Wir haben gut verdient, wir waren Sieger. Das prägt einen. Es herrschte die Überzeugung, dass uns niemand aufhalten kann. Rückblickend muss ich sagen: Wir waren unglaublich arrogant.

In den vergangenen Jahren hat sich unsere Ernährung verändert. Früher galt: Man ist, was man isst. Heute eher: Man ist, was man nicht isst. Alles Mögliche wird gemieden, Gluten, Laktose, Fett, Zucker, Fleisch.
Da steckt die Industrie dahinter. Sie hat ein massives Interesse daran, ihre Produkte zu differenzieren, immer mehr Gluten-freie und vegane Lebensmittel auf den Markt zu bringen, weil sie das teurer verkaufen können als herkömmliche Produkte.

Es gibt aber auch eine Art Ernährungshysterie. Der deutsche Starkoch Vincent Klink hängte einmal in seinem Restaurant einen Hinweis auf: «Für Allergiker kein Zutritt!» Was als Scherz gemeint war, löste einen Shitstorm aus.
Das zeigt, das es in gewissen Kreisen eine Art Fanatismus gibt, den ich nicht unterstütze. Ich bin der Meinung, dass Erwachsene beim Essen ruhig auch mal ein bissl was geniessen können.

Ja, und dann kommen Sie und schreiben in Ihrem Buch: Sogar Cola Light ist schädlich!
Da hat es Aspartam drin, einen chemischen Stoff. Viele Studien sagen, dass er krebsfördernd sei.

Es gibt Heerscharen von Experten, die uns sagen, was wir essen sollen und was nicht. Ihr Buch liegt voll im Trend. Man könnte sagen: Auch Sie missionieren.
Mir geht es um die Kinder. Den Erwachsenen kann ich keine Empfehlung geben, das würde nicht funktionieren. Aber Kinder können sich wirklich nicht wehren, weil sie getriggert werden. Wenn es mir nur gelingt, ein einziges Kind davor zu bewahren, Diabetes zu bekommen, dann hat sich das Buch ausgezahlt.

Planen Sie schon ein Nachfolgewerk?
Ja, mir schwebt eine Fünferreihe vor. Das nächste Buch wird sich mit der Landwirtschaft auseinandersetzen. Da geht es etwa um gentechnisch veränderte Hybridpflanzen. Der Bauer, der das kauft, bekommt das darauf aufgestimmte Dünge- und Spritzmittel gleich mitgeliefert. Und wir Menschen essen diesen Dreck. Das ist noch viel schlimmer als Fast Food.



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Erstellt: 11.08.2019, 11:05 Uhr

Aldi, Aral und Fussball

Der Österreicher Harald Sükar wurde 1963 in Feldbach in der Steiermark geboren. Nach dem Abitur studierte er Rechtswissenschaften. Danach war er bei Hofer (Aldi Österreich) und im Management des Ölkonzerns Aral tätig sowie als Kurzzeit-Präsident eines Fussballvereins. 1993 wechselte er zu McDonald’s. Von 2004 bis 2006 war er Chef von McDonald’s Österreich. Heute arbeitet er als Unternehmensberater und betreut unter anderem ein soziales Gastronomieprojekt. Sükar ist verheiratet. Er lebt mit seiner Frau in der Nähe von Graz.

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