Jetzt droht der Fifa eine Millionenklage

Die Pleite der Bundesanwaltschaft macht den Weg frei für Millionenforderungen von ehemaligen Fifa-Managern.

Markus Kattner (links), Jérôme Valcke (Mitte) und Gianni Infantino. Fotos: Mexsport/Keystone/Getty Images

Markus Kattner (links), Jérôme Valcke (Mitte) und Gianni Infantino. Fotos: Mexsport/Keystone/Getty Images

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Die krachende Nieder­lage, die Bundesanwalt Michael Lauber letzte Woche in Bellinzona erleben musste, hat auch Folgen für den Weltfussballverband Fifa. Gemäss Bundesstrafgericht muss Lauber künftig bei den Fifa-Fällen in den Ausstand. In den Urteilen ist zudem zu lesen, dass die Bundesanwaltschaft (BA) in einer Last-Minute-Aktion ihre Verfahren gegen die ehemaligen Fifa-Kader Markus Kattner (früher Finanzchef und Vize-Generalsekretär) und Jérôme Valcke (früher General­sekretär) eingestellt hat. Vermutlich erhoffte sich Lauber davon, dass die hängigen Befangenheitsklagen beim Bundesstrafgericht dadurch gegenstandslos würden. Dazu kam es aber nicht.

Die Einstellung der Verfahren macht hingegen für Kattner und Valcke den Weg frei, vor dem Zürcher Arbeitsgericht Millionen von der Fifa einzufordern. Ohne Strafverfahren lässt sich vor allem die fristlose Kündigung von Kattner durch den Fifa-Präsidenten ­Gianni ­Infantino, die 2016 ausgesprochen wurde, kaum rechtfertigen.

Ungewöhnlich hohe Bonuszahlungen

«Interne Untersuchungen der Fifa haben Verletzungen seiner treuhänderischen Verantwortung in Bezug auf sein Arbeitsverhältnis festgestellt», sagte die Fifa zwar 2016, doch den Beweis blieb sie schuldig. Dafür machte der Fussballverband kurz danach grossen Lärm um die Bezüge der ehemaligen Kader. Seit 2011 seien 79 Millionen Franken an die drei Ex-Spitzenmänner Joseph Blatter (Präsident), Jérôme Valcke und Markus Kattner ausbezahlt worden, hiess es damals in einem Communiqué.

Angeblich hätten interne Fifa-Aufseher Belege dafür gefunden, dass Kattner ungewöhnlich hohe Bonuszahlungen von mehr als fünf Millionen Franken erhielt – unter anderem verbucht als Sonderzahlungen – nach den Austragungen der Weltmeisterschaften 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien. Hinzu kam im Fall Markus Kattner eine Vereinbarung, die ihm seinen Job bis Ende 2023 sicherte. Diese Zuwendungen sind zwar hoch, aber sie sind gering im Vergleich zum Rest der 79 Millionen, der Valcke und ­Blatter zugesprochen wurde.

Fall kommt voraussichtlich Ende Jahr vor Gericht

Kattner setzte sich beim Zürcher Arbeitsgericht gegen die fristlose Kündigung zur Wehr. Dabei geht es um den Mehrjahresvertrag und somit um etwa 5 Millionen Franken, wie gut informierte Kreise sagen. Bisher war das Verfahren wegen der Ermittlungen der BA sistiert. Nun kommt der Fall wahrscheinlich Ende Jahr vor Gericht.

Bei Valcke liegt der Fall etwas anders. Hier ist von über 10 Millionen Franken die Rede, die versprochen, aber nicht ausbezahlt wurden. Eine Vielzahl von Vorwürfen gegen ihn wurden Fifa-­intern aufgearbeitet. Am 6. ­Januar 2016 eröffnete die Fifa-Ethikkommission ein Verfahren, das zu seiner sofortigen Entlassung ­führte.

Bei ihren Ermittlungen ging es offenbar nicht um die erwähnten Zuwendungen, sondern um den «Diaspora-Skandal».

Eine Berufung beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) wurde abgelehnt. Gemäss CAS, der ein umfangreiches Sündenregister veröffentlichte, hatte Valcke nicht nur einen Schwarzmarkt-Ticketdeal vor der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien mitorgani­siert, sondern auch Extrakosten von 11,7 Millionen Franken für Privatflüge und Luxusreisen auf Kosten der Fifa verursacht und zusätzlich seinem Sohn zu rund 700'000 Franken verholfen.

Vor kurzem hat die Bundes­anwaltschaft das Verfahren gegen Valcke eingestellt. Bei ihren Ermittlungen ging es offenbar nicht um die erwähnten Zuwendungen, sondern um den «Diaspora-Skandal». Das geht aus dem Urteil des Strafgerichts hervor.

«Diaspora» hiess ein Skandal um die Vergabe der Fussball-WM 2010 nach Südafrika, die angeblich für 10 Millionen Dollar erkauft wurde. Mittelamerikanischen Ländern sollte damit die Teilnahme an der Weltmeisterschaft ermöglicht werden. «Diaspora» hiess das, weil es angeblich auch um die Förderung von schwarzen Spielern ging. Doch bei ihnen kam das Geld nie an. Es wurde von Funktionären entwendet. Dafür bekam Südafrika die benötigten Stimmen und den Zuschlag für die WM. Der Hauptbeschuldigte im Skandal, Chuck Blazer, bekannte sich 2015 in der zentralen Anklage vor der US-Justiz gegen die Fifa-Machenschaften in allen Punkten für schuldig. In der Schweiz reichte es nicht einmal für eine Anklage.

PDF: Einsicht Belastungsanzeige



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Erstellt: 23.06.2019, 07:32 Uhr

Otto Schily wurde mit 250 Fragen genervt

Die Bundesanwaltschaft verhörte den ehemaligen deutschen Innenminister stundenlang – ergebnislos.

Der 86-jährige Otto Schily hat stets seine Unschuld beteuert.

Es hätte ein Glanzstück der Ermittlungen sein sollen. Am 4.April dieses Jahres, um 9.30Uhr, ­wurde in Berlin der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily von der Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) als Zeuge ­vernommen. Er war Kraft seines Amtes Mitglied des Aufsichtsrats und des Präsidialausschusses des Organisationskomitees (OK) für die WM 2006. Bei der Befragung ging es um das «Sommermärchen», genauer gesagt um Ungereimtheiten rund um eine Zahlung von 6,7Millionen Euro im Umfeld der WM 2006 in Deutschland.

Ursprünglich hätte am 8. Juni 2006 in Berlin eine glamouröse Eröffnungsfeier stattfinden sollen, organisiert vom Künstler André Heller und mit Stars wie Brian Eno und Peter Gabriel. Doch im Laufe der Vorbereitungen wurde der Event immer teurer. Am 13.­Januar 2006 sagte die Fifa das Fest ab. Offizieller Grund: Der Rollrasen, der nach dem Fest hätte verlegt ­werden müssen, wäre bis zum ersten Spiel am 13.Juni nicht mehr richtig angewachsen.

Ein Jahr zuvor wurde der Präsidialausschuss und Aufsichtsrat des WM-Organisationskomitees darüber informiert, dass der Deutsche Fussball-Bund (DFB) für das Fest 6,7 Millionen Euro überwiesen hat. Die BA wollte von Schily wissen, ob er nähere Angaben dazu habe. Denn obwohl das Fest nicht stattfand, ging das Geld nicht an den DFB zurück, sondern landete auf dem Konto des katarischen Unternehmers Mohamed Bin Hammam. Bei ihm wird Korruption vermutet, er ist von der Fifa auf Lebenszeit gesperrt.

Die BA stellte aber statt Bin Hammam dem 86-jährigen ­Schily 250Fragen zu den Umständen der Überweisung. Schily zeigte sich über die Befragung sichtlich genervt. Sie blieb ergebnislos, wie das Protokoll zeigt, das der SonntagsZeitung vorliegt. Schnell wurde klar, dass Schily Kraft seines Amtes nur von der Überweisung des DFB an die Fifa wusste. Er ­hatte keine Ahnung, was die Fifa damit machte. Die BA ist im ­Besitz des Zahlungsauftrags des DFB, als Zweck der Überweisung ist die Eröffnungsgala genannt. Dieses Dokument legte die BA Schily nicht vor, sie liess ihn über den Zweck der Zahlung mutmassen.

«Dass Herrn Schily dieses Beweisstück vorenthalten wurde, ist ein Skandal», sagt Theo ­Zwanziger, 2006 bis 2012 Präsident des DFB. Die BA führt wegen dieser Zahlungen ein Verfahren gegen ihn. Er hat stets seine Unschuld beteuert. Und er spart nicht mit Kritik an den Schweizer Behörden. «Es zeigt sich, dass die Bundesanwaltschaft völlig planlos vorgeht», sagt Zwanziger. Die BA schütze die Fifa und beschuldige dafür andere. Zwanziger: «Die Bundesanwaltschaft hätte schon lange Bin Hammam vernehmen müssen. Er war ja der Empfänger dieses Geldes.»

Aber das ist nie geschehen. «Stattdessen trifft sich der Bundesanwalt lieber mit Fifa-Präsident ­Infantino und auch noch in einem Gebäude, in dem wohl auch die Botschaft von Katar zu Hause ist! Grossartig!», sagt Zwanziger. Er hat ein Ausstandsverfahren gegen Bundesanwalt Michael Lauber gestellt, das ihm kaum verwehrt werden kann. Die Folge dürfte sein, dass das Verfahren verjährt und die wahre Geschichte des Sommermärchens ungeklärt bleibt.

Arthur Rutishauser

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