Das grosse Geschäft mit Ernährungstests

Firmen verkaufen anhand von Gentests und Fragebögen personalisierte Nahrungszusätze und geben Tipps, was einem guttut.

Zeig mir, was du isst: Eine App löst gegen ein Foto die Zusendung von ­Nährstoffen aus. Foto: Getty Images

Zeig mir, was du isst: Eine App löst gegen ein Foto die Zusendung von ­Nährstoffen aus. Foto: Getty Images

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Welches Essen ist gesund? Vielen, die auf ihre Ernährung achten – und das sind in der Schweiz gemäss einer Erhebung viele –, reicht eine generelle Antwort auf diese Frage nicht. Sie wollen es genauer wissen: Was ist gesund für mich? Auf jeden Einzelnen zugeschnittene Ernährungsprofile liegen im Trend. Gentests, Analysen des Blutzuckers oder Stuhlproben sollen personalisierte Empfehlungen ermöglichen. Weissbrot oder Bananen sind demnach je nach Typ und Stoffwechsel gar nicht so schlimm wie gedacht.

Die Industrie reagiert, Personalisierung gilt in der Branche als Megatrend. Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern Nestlé verschenkt in Japan seine Dolce-Gusto-Kaffeemaschinen, sofern die Kunden das Gerät nicht nur zum Kaffeemachen nutzen sondern am kostenpflichtigen «Wellness Ambassador Program» des Unternehmens teilnehmen. Dabei fotografieren sie ihre Mahlzeiten in einer Smartphone-App. Eine Software analysiert die Bilder und stellt fest, ob von gewissen Nährstoffen zu wenig auf den Tisch kommt. Als Option beinhaltet das Programm auch einen DNA-Test, der die Kunden in Ernährungsgruppen einteilt. Als Resultat der Foto- und Genanalyse erhalten die Kunden Kapseln mit Smoothies, Matcha-Tees und «Milch mit funktionellen Zutaten für gesundes Altern».

Der Nestlé-Chef setzt voll auf das Thema

Nestlé-Chef Mark Schneider will solche personalisierten Angebote in den nächsten Jahren stark ausbauen. «Das ist ein grosses Thema in vielen unserer Nahrungs- und Getränkekategorien», sagte er an einem Investorenanlass im Mai. «Wir werden viel investieren, um uns dafür gut zu positionieren.» Schneider sieht individuelle Nahrungsmittel als Wachstumsmarkt für die nächsten «fünf, zehn oder fünfzehn Jahre». Im August gab Nestlé die Übernahme des US-Start-ups Persona bekannt. Die erst 2017 gegründete Firma schickt ihren Kunden aufgrund eines Online-Fragebogens zu Ernährung und Gesundheit Pakete mit Vitaminen nach Hause.

Ähnliche Websites gibt es in der Schweiz, beispielsweise Vitup.ch. Angaben zu Alter, Geschlecht, Alkoholkonsum, Essgewohnheiten und Sportaktivitäten reichen, schon spuckt der Computer eine Liste mit angeblich passenden Nahrungsergänzungen aus.

Experten sind skeptisch. Laut Diego Moretti, Forschungsleiter Ernährung bei der Fernfachhochschule Schweiz, sind persönliche Ernährungsempfehlungen zwar durchaus sinnvoll. «Studien zeigen, dass bestimmte Ernährungsmuster beim Einzelnen unterschiedliche Wirkungen auslösen können.» Doch Anbieter, die nach einem rudimentären Online-Fragebogen zum Essverhalten und Wohlbefinden teure Nahrungszusätze empfehlen, seien fragwürdig. «Eine seriöse persönliche Ernährungsberatung bringt viel mehr», sagt Moretti.

Es sind aufwendige Methoden nötig. Mit Stuhlproben und einer mehrwöchigen Messung des Blutzuckers arbeitet das deutsche Jungunternehmen Perfood.

Auch bei Programmen wie dem von Nestlé in Japan gibt es Fragezeichen. Die Forschung zur Erkennung der verschiedenen individuellen Stoffwechselprofile stehe erst am Anfang. «Ich bin skeptisch, ob ein DNA-Test für den Normalverbraucher nach heutigem Wissensstand viel bringt.» Zudem seien Technologien zur Erkennung von Nahrungsmitteln via Foto meist ungenau. Vielversprechend für die Zukunft sind laut Moretti Tests, die auf dem individuellen Profil des Blutzuckers nach dem Essen basieren. So haben Studien gezeigt, dass der Blutzuckerspiegel nach dem Genuss bestimmter Lebensmittel wie einer Banane bei einigen stark und bei anderen nur wenig ansteigt. Laut einem Forschungsteam aus Israel hat das mit der unterschiedlichen Zusammensetzung der Darmflora zu tun. Steigt der Blutzucker stark an, führt das zu einem Insulinschub. Der Zuckerspiegel sinkt danach rasch wieder, und dies sorgt für ein Hungergefühl.

Um herauszufinden, welche Nahrungsmittel bei wem solche Achterbahnfahrten auslösen, reicht weder ein Online-Fragebogen noch ein DNA-Test. Es sind aufwendigere Methoden nötig. Mit Stuhlproben und einer mehrwöchigen Messung des Blutzuckers arbeitet das deutsche Jungunternehmen Perfood. In einer App erfassen die Kunden, was sie wann essen, ob sie aktiv sind und wann sie schlafen. Das Ergebnis sind individuelle Ernährungstipps. Darin zeigt sich dann, ob Vollkornbrot für den Einzelnen wirklich so gut ist wie sein Ruf, oder Pasta ihn vielleicht doch länger satt hält.

Stuhlproben ergeben genauere Resultate

In der Schweiz sind Gesundheits-Apps, die Sport, Schlaf und vieles mehr messen, beliebt. Zu einer Anwendung für personalisierte Ernährung ist es deshalb nur ein kleiner Schritt. Mit Methoden wie Stuhl- und Blutproben lässt sich jedoch kaum ein Massenmarkt erobern. Das hat auch Perfood bemerkt. Demnächst will das Unternehmen dank künstlicher Intelligenz anhand eines Fragebogens den Ernährungstyp bestimmen. Weniger präzise Ergebnisse nimmt die Firma in Kauf. «Das ist vielleicht ein bisschen ungenauer, dafür schnell, billig und unkompliziert», sagte Geschäftsführer Dominik Burziwoda zur «Lebensmittelzeitung».

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Grosskonzerne hoffen, mithilfe von personalisierten Angeboten näher an ihre Kunden zu kommen und mehr über sie zu erfahren. Im Gegensatz zu kleinen Onlineanbietern verkaufen die Multis vorwiegend über den Detailhandel, doch individuelle Angebote im Internet ändern das gerade. «Für die Personalisierung können wir digital in den direkten Kontakt mit dem Konsumenten treten», sagte Nestlé-Chef Mark Schneider. Die Kunden müssten Daten zur Verfügung stellen, um ein auf sie abgestimmtes Produkt zu erhalten. Auch deshalb zeigt sich Schneider als «grosser Anhänger» personalisierter Ernährung.



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Erstellt: 05.01.2020, 12:25 Uhr

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