Die dreiste neue Masche mit den Firmen-Bestattern

Die Strafanzeigen wegen Misswirtschaft nehmen stark zu. Unternehmer verlochen dabei jährlich eine Milliarde – vor allem mit einem Trick bei Konkursen.

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Er wollte 700 Teslas kaufen, 2100 Chauffeusen einstellen und die Taxibranche aufmischen. Doch richtig ins Rollen kam seine Idee nie. Nur mit gefälschten Dokumenten fand der Aargauer Investoren, lieh sich immer mehr. So entstand ein Schaden von 2,4 Millionen Franken, bis endlich Konkurs eröffnet wurde.

Im November verurteilte das Bezirksgericht Baden AG den Geschäftsführer. Letzte Woche sprach es auch den Präsident des Verwaltungsrats schuldig, laut «Aargauer Zeitung» wegen Misswirtschaft.

Immer mehr Unternehmer müssen sich wegen dieses Delikts verantworten. Die neue Kriminalstatistik des Bundes zählte letztes Jahr 369 Beschuldigte. Bei Erhebungsbeginn 2009 waren es 84. Deutlich war der Anstieg auch bei verwandten Straftaten wie Unterlassen der Buchführung oder betrügerischem Konkurs und Pfändungsbetrug.

Meist entdecken Beamte diese Delikte, wenn sie ein Konkursverfahren abwickeln. Teils sind die Bücher dann mangelhaft, teils fehlen sie komplett. Oder zeigen, dass die Bilanz nicht deponiert wurde, obwohl die Firma längst nicht mehr zu retten war.

Diese Vermittler, meist Schweizer mit juristischen Kenntnissen, kassieren in der Regel 6000 Franken.

Die Statistik lässt offen, ob Täter in böser Absicht handeln – oder unbewusst Fehler begehen. Strafbehörden haben dazu aber eine klare Meinung: «Die Zunahme lässt sich nicht auf Unwissenheit oder schlechte Organisation der geschäftsführenden Personen zurückführen», sagt René Gsell, Kriminalkommissär der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt. Verantwortlich sei eine Lockerung im Obligationenrecht. «Seit 2008 wird kleinen Firmen mittels Opting-out erlaubt, auf die Revisionsstelle, ein wichtiges überwachendes Organ, zu verzichten. In Verbindung damit steht auch der Qualitätsverlust bei der Buchführung der Unternehmen.»

Weniger Kontrolle heisst mehr Delikte. Auch in Zürich, wo es am meisten Anzeigen gibt. 2015 zählte man 59 Beschuldigte wegen Misswirtschaft, 2017 waren es schon 202. «Weil wir unsere Bemühungen in diesem Bereich enorm verstärkt haben», sagt Andrea Höhener, Chefin Wirtschaftskriminalität bei der Zürcher Kantonspolizei. Es gehe bei fast allen Fällen um die gleiche Masche, «die sogenannte Konkursreiterei».

Am Anfang steht ein verzweifelter Kleinunternehmer, dessen Firma auf den Ruin zusteuert. «Meist sind es Leute aus der Bau- oder Gastrobranche, oft aus der Balkanregion», sagt Höhener. Diese klagen gegenüber Kollegen, dass es nicht mehr läuft. Und erhalten dann über Mund-zu-Mund-Propaganda den Tipp, sich bei einem «Bekannten» zu melden. Diese Vermittler, meist Schweizer mit juristischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, verlangen in der Regel 6000 Franken.

«Hier handelt es sich um vermögens- und arbeitslose Personen.»Andrea Höhener, Chefin Wirtschaftskriminalität bei der Zürcher Kantonspolizei

«Im Gegenzug vermitteln sie dem Unternehmer seine marode Firma an einen sogenannten Bestatter», sagt Höhener. «Hier handelt es sich um vermögens- und arbeitslose Personen.» Die Firma wird auf diesen Bestatter übertragen, der Sitz in einen neuen Kanton verlegt. Dadurch ist das zuvor überlastete Betreibungsregister wieder leer. «Der ehemalige Besitzer ist vordergründig seine Schulden los. Und der Bestatter erhält in der Regel 1500 Franken für seinen Dienst», sagt Höhener.

Vor allem aber hat er jetzt ein Unternehmen mit sauberem Betreibungsregister, kann beliebig Waren und Leistungen auf diese «neue» Firma bestellen. Das tun die Bestatter in den meisten Fällen unverfroren. Sie leasen Autos, kaufen IT-Artikel, Möbel und Kleider. Und hören erst auf, wenn das Betreibungsregister wieder so voll ist, dass Dritte nicht mehr auf Bestellungen eingehen.

Ermittlungen gegen mehr als 1000 Personen

Zufällig stiessen Zürcher Ermittler vor drei Jahren auf die Konkursreiterei, als sie ein Drogendelikt klären wollten. Seither wurde der Kampf intensiviert. Eine eigene Sonderkommission kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und weiteren Stellen wie Konkursämtern um die Masche.

Bisher unveröffentlichte Zahlen zeigen nun erstmals die Ausmasse: Die Kantonspolizei hat Verfahren gegen 400 Unternehmer und gegen 120 Bestatter abgeschlossen. «Gegen weitere 400 ehemalige Firmenbesitzer und über 100 Bestatter wird aktuell ermittelt», sagt Höhener. «Im gesamten Prozess sind bisher rund 1700 Firmen involviert.» Alleine in Zürich entspreche der Schaden jährlich einem dreistelligen Millionenbetrag. «Schweizweit liegt diese Zahl im Milliardenbereich.»

Den Tätern entgeht die Offensive der Polizei nicht. Priesen Vermittler ihre Dienste früher unverblümt im Netz an, treffen sie ihre Kunden heute konspirativ im Restaurant. Zudem besteht die Gefahr, dass sie in andere Kantone gehen. Die Zürcher Spezialisten hielten deshalb in allen anderen Kantonen Vorträge und stellten Standardverfahren gegen die Täter vor.

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«Auch wir haben neu zwei Staatsanwältinnen, die sich spezifisch um Konkursreiterei kümmern», sagt Pascal Lüthi von der Luzerner Staatsanwaltschaft. Am schwierigsten sei es, die Vermittler zu finden, «da diese aus dem Hintergrund agieren». Werden sie erwischt, droht eine harte Strafe. «Weil von ihnen sicher die grösste kriminelle Energie ausgeht.» Beim Maler zum Beispiel, der sein Geschäft einmalig auf diese Weise abtritt, steht meist eine Geldstrafe im Vordergrund, damit es nicht zur Wiederholungstat kommt. «Bei Vermittlern und auch Bestattern aber kann es mehrjährige Freiheitsstrafen geben», sagt Lüthi.

Eine solche kassierte ein besonders dreister Täter im Kanton Zürich. Peter Pellegrini, leitender Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte: «Das war unser bisher grösster Fall. Er alleine hatte 127 Firmen bestattet.» Der Mann erhielt eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren und ein Berufsverbot. «Demnächst werden wir einen Vermittler anklagen, der in ähnlich viele Fälle verstrickt war.»

Erstellt: 26.04.2018, 21:21 Uhr

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