Flamenco am Rande des Nervenzusammenbruchs

Die Spanierin Rosalía führt die traditionelle Musik auf unerhörte Weise in die Zukunft.

Mischt im Moment die Popwelt auf: Rosalía.

Mischt im Moment die Popwelt auf: Rosalía.

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Alles ist da: die Flamenco-Gitarre, die virtuos gespielt ist. Der Rhythmus der Kastagnetten, der zum Tanz anstiftet. Die Emotionen der Sängerin, die pur wirken. Aber das alles ist in seiner Deutlichkeit nur gerade 18 Sekunden lang zu hören, und Liebhaberinnen und Liebhaber des urtümlichen Flamenco, die sich im Lied «Que no salga la luna» eben noch in Andalusien wähnten, müssen sich fragen, ob sie vielleicht in einen Hinterhalt geraten sind. Denn die Gitarre und die Kastagnetten verschwinden in einem Abgrund, pulsieren aber noch weiter in einer Zwischenwelt, die irgendwo zwischen einem Flamenco-Lokal und einem zeitgenössischem Club anzusiedeln ist. Nur die Stimme, die bleibt leidenschaftlich.

Diese Stimme gehört der 25-jährigen Rosalía Vila Tobella, die derzeit die Popwelt aufmischt. Denn Rosalía, wie sie sich als Musikerin bloss nennt, wird von einem Publikum gehört, das ihre Songs zehnmillionenfach anklickt. Sie schafft es, dass wieder einmal eine spanische Musikerin über die Landesgrenzen, ja, über die Grenzen der spanisch sprechenden Welt hinaus gehört wird.

Mit Cruz und Banderas in einem Film von Almodóvar

Rosalía weiss auch eine beeindruckende Fürsprecherschaft hinter sich, die mit ihr zusammenarbeiten will – oder es bereits getan hat. Es sind Leute wie Pharrell Williams, der sie für eine gemeinsame Studiosession eingeladen hat, der Produzent Arca, der mit seinen Beats und Arbeiten für Björk zur Avantgarde zählt, oder der aktuelle kolumbianische Weltpopstar J Balvin, der mit ihr das Duett «Brillo» inszenierte. Und da ist auch noch Pedro Almodóvar, der mit ihr befreundet ist und Rosalía für seinen nächsten Film «Dolor y gloria» an der Seite von Penélope Cruz und Antonio Banderas besetzt hat.

Eben ist Rosalías streng konzipiertes zweites Album «El mal querer» erschienen. Nur gerade 30 Minuten dauern die elf Songs, die von einer überaus komplizierten Liebe erzählen und neben den Titeln kapitelähnliche Überschriften wie «Extasis» tragen. Auf dem Album ist eine furchtlose Musikerin zu entdecken, die mit den aktuellsten, auch experimentellen Strömungen der Popmusik genauso vertraut ist wie mit den althergebrachten Flamenco-Elementen, was Traditionalisten als Freveltat verurteilen könnten.

«Pienso en tu mira» von Rosalía. Video: Youtube/Rosalía

Aber jene Traditionalisten verkennen, dass Rosalía alles andere als eine Flamenco-Touristin ist – obwohl sie in einem Haushalt in einem Vorort Barcelonas aufgewachsen ist, in dem englischsprachiger Pop den Ton angegeben hat. Als Jugendliche entdeckte sie die Kraft des Flamenco. Seither studiert und trainiert sie die Tänze, die Gesänge und hochcodierten Figuren, was sie zuweilen zur Verzweiflung getrieben hat. Aber diese Genauigkeit, diese Beharrlichkeit – man kann auch sagen: diese frühe Meisterschaft, die sie auf den Flamencobühnen ihrer Heimatstadt erlangte – erlaubt ihr nun auch einen freien Umgang mit der Geschichte, der ihre hochaktuelle Musik so reizvoll macht.

Bereits auf ihrem Debüt «Los ángeles» war dieser ganz eigene Zugang zu hören. Auf jener Liedersammlung beschäftigte sich Rosalía mit dem Tod, allein begleitet von einer akustischen Gitarre. Dieses Elend trieb sie dann so weit in die Dunkelheit, dass sie zum Schluss die todessehnsüchtige Hymne «I See a Darkness» anstimmte, jenen Song des amerikanischen Songwriters Will Oldham, der durch Johnny Cash popularisiert wurde.

Blutende Männerherzen, tote Stiere, Nonnen, die tanzen

Auf «El mal querer» geht sie nun einige Schritte weiter – hin zu einer hybriden Musik, die die verschiedenen Spuren nicht wie so viele andere Produktionen zuschüttet. Rosalía hat kein globales Popeinerlei im Sinn, selbst dann nicht, wenn sie Justin Timberlakes «Cry Me a River» überträgt. Sondern man hört Sperrigkeiten wie «De aquí no sales», das man eher auf einem avantgardistischen Album vermutet. Oder die phänomenale Single «Pienso en tu mirá», die trotz ihrer abenteuerlichen Taktung zum Tanz bittet.

Schliesslich sind da auch ihre so aufwendigen Videoclips, die mit spanischen Obsessionen und Symbolen hantieren: Man sieht blutende Männerherzen, tote Stiere, Nonnen, die tanzen, Mönche, die in Ku-Klux-Klan-artigen Kapuzen skateboarden. Und man sieht Rosalía, wie sie von bewaffneten Gangs bedroht wird und wie sie sich freitanzt. Wie sie wie eine Rächerin erscheint, wenn rund um sie Lastwagen brennen. Das kann so gedeutet werden, dass eine alte Welt abgebrannt ist, damit etwas Neues möglich wird. Beispielsweise Rosalías Musik.

Rosalía: «El mal querer» (Sony)

Erstellt: 17.11.2018, 18:51 Uhr

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